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US-Waffengesetze March for our Lives: Das ist keine Schülerbewegung mehr

Hunderttausende sind in Washington und anderen Metropolen für schärfere Waffengesetze auf die Straße gegangen. Die Wut richtet sich auch gegen Donald Trump.

Landesweit protestierten Hunderttausende für schärfere US-Waffengesetze. Quelle: Reuters

Washington/New YorkEmma Gonzales hat beschlossen, dass genug geredet wurde. Sie schaut auf ein Menschenmeer, und sie weiß, dass Sender und Streams ihren Auftritt weltweit übertragen. Die Schülerin aus Florida ist nach dem Parkland-Massaker zum Gesicht der Anti-Waffen-Bewegung in den USA geworden. Viele Besucher und Besucherinnen des „March for our lives” in Washington sind ihretwegen hier.

Doch Gonzales sagt, nach einigen Worten der Trauer über ihre erschossenen Mitschüler und Lehrer: nichts. Sie schweigt. Eine Minute, zwei, drei, vier Minuten vergehen, Tränen rinnen, Gonzales atmet schwer, erste Sprechchöre erklingen. Sie schweigt weiter.

Irgendwann piepst ein Timer. „Seit ich diese Bühne betreten habe, sind sechs Minuten und 20 Sekunden vergangen. Das ist die Zeit, die der Killer brauchte. Er wird nun seine Waffe fallen lassen und entkommen, bevor er eine Stunde später gefasst wird”, sagt Gonzales. Bevor sie geht, gibt sie der Menge einen Rat auf den Weg: „Kämpft um euer Leben, bevor es jemand anderes tun muss.”

Mehr als einen Monat nach dem Schulmassaker an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida zogen sich Samstag die größten Anti-Waffen-Proteste seit Jahrzehnten durch die USA. Landesweit demonstrierten Hunderttausende für schärfere Waffengesetze, auch in Metropolen wie Chicago, Boston, Philadelphia, Miami, Minneapolis, Houston, Los Angeles und New York gingen viele auf die Straße. In Washington versammelten sich rund 800.000 Menschen, in New York 175.000.

Der Marsch in der US-Hauptstadt war extrem gut organisiert, auch dank finanzieller Hilfe von prominenten Aktivisten wie Amal und George Clooney, Steven Spielberg oder Oprah Winfrey. „Ihr habt das Gewissen der Nation geweckt”, schrieben Michelle und Barack Obama an die überlebenden Parkland-Schüler. Miley Cyrus, Justin Timberlake, Jennifer Hudson sangen live. Auch Ariana Grande, bei deren Konzert in Manchester im vergangenen Jahr 22 Menschen - darunter viele Kinder und Teenager - starben, trat in Washington auf.

Mit dem Klischee eines spontanen Schülerprotests hatte dieser Marsch wenig gemein. Stattdessen sah man das Bild einer professionellen Graswurzelbewegung, die es geschafft hat, eine breite Unterstützerschaft aus Geschwistern, Lehrern, Eltern, und Großeltern zu mobilisieren.

„Jeder ist betroffen”, sagt Besucherin Laura Schiffer dem Handelsblatt. Sogenannte Lockdown Drills, bei denen Kinder das Verhalten in Notsituationen trainieren, gäbe es an Schulen „vier, fünf, sechs Mal im Jahr”. Sie erzählt von ihrem Neffen, einem Erstklässler, dessen Schule kürzlich wegen einer realen Schießerei in der Nähe im Lockdown war. „Er hat sich mit seinem Lehrer in der Toilettenkabine versteckt, im Dunkeln. Er hatte Panik. Und er wusste, dass das gerade keine Übung, sondern Ernst ist. Kinder erleben im Alltag Todesangst. Deshalb trifft die Wut der Parkland-Schüler auf so eine große Resonanz.”

„Mir reicht’s”, sagt die 14-Jährige Keylie Ferrando. Ihr falle es „schwer, Politikern zu glauben, die sich von Waffenlobbyisten bezahlen lassen”. Ihre Freundin Josie Schiffer, 15 Jahre alt, fügt hinzu: „Wir wollen uns auf unseren Schulabschluss konzentrieren, nicht auf eine Flucht vor Schüssen”.

Für Ed Barber ist die Anti-Waffen-Welle längst politisch mit der Frage verknüpft, wie man zur Trump-Regierung steht. Der 72-Jährige ist mit seiner Enkelin zum Marsch gekommen, er steckt ihr ab und zu ein Gummibärchen zu, während sie zum Bühnenprogramm tanzt. „Ich hoffe, dass wir diese Energie bis in den Herbst tragen können”, sagt er. Im November sind Kongresswahlen in den USA, sie gelten als Test, ob Trump seine Basis binden kann oder nicht. „Der Marsch ist beeindruckend”, sagt Barber. „Aber wir müssen die Bewegung in Widerstand an den Wahlurnen ummünzen”.


Amerikas Waffenproblem geht tiefer

Vielleicht könnte Waffenkritik die zerfaserte Linke tatsächlich einen. In Washington sah man viele Motive vergangener US-Proteste: „Black Lives Matter”-Schilder oder Pussy Hats, die pinkfarbenen Zweizack-Mützen der Women’s Marches. Die Parkland-Überlebende Sarah Chadwick rief von der Bühne: „Macht euch bereit, von uns aus dem Amt gewählt zu werden!”.

Die Aktivisten wollten zudem zeigen, dass Amerikas Waffenproblem tief verwurzelt ist. Der „March for our lives” richtete sich bewusst gegen Waffengewalt in allen Bereichen. So sprach die erst 11-jährige Naomi Wadler über erschossene, schwarze Jugendliche in ihrer Nachbarschaft. Und die 17-jährige Edna Chavez berichtete von Zuständen im Süden von Los Angeles. „Ich habe gelernt, mich vor Patronen zu ducken, bevor ich lesen konnte.” Ihr Bruder Ricardo wurde 2007 vor ihrem Wohnhaus getötet.

Die Debatte um das Recht auf Waffenbesitz spaltet in den USA Bürger, Familien, Regionen, Parteien und Interessengruppen seit Jahrzehnten. Nach jeder tödlichen Schießerei werden schärfere Gesetze diskutiert, aber es passiert wenig. Das liegt auch daran, dass die Waffenlobby NRA Wahlkämpfe mitfinanziert.

Viele Abgeordnete und Senatoren - auch einige Demokraten - halten ihre Basis in ländlichen Räumen, in denen jegliche Verschärfungen der Gesetze als Affront gegen Jagdleidenschaft, Freiheit des Bürgers und das in der Verfassung verankerte Recht auf Waffenbesitz betrachtet werden würde. Auch Trumps Vorgänger Obama schaffte es trotz demokratischer Mehrheit im Kongress nicht, die Regeln zu verändern.

Mit Trump zog ein waffenfreundlicher Präsident ins Weiße Haus, der der NRA versprach: „Ich werde euch niemals im Stich lassen“. Am Freitag legte er ein Gesetz zum Verbot von Schnellfeuer-Aufsätzen, sogenannten Bump Stocks, vor. Im neuen Haushaltsplan finden sich Maßnahmen für bessere Kontrollen, der US-Kongress will ein „School Safety Package” verabschieden. In Florida sollen Lehrer bewaffnet und die Altersgrenze für den Kauf halbautomatischer Waffen hochgesetzt werden. Der große Wurf ist all das nicht.

Waffen-Anhänger fühlen sich zu Unrecht verunglimpft. Spencer Brown, Vorsitzender der konservativen Young America’s Foundation, schimpfte am Samstag auf Fox News: „Schuld an Parkland sind nicht Waffen, sondern das Versagen von FBI und Einsatzkräften.” Der Parkland-Überlebende Kyle Kashuv lästerte auf Twitter über seine Mitschüler auf dem Marsch. „Ihr macht es euch zu leicht. Schwerer ist es, sich alle Fakten anzuschauen.”

Doch die Waffengegner haben ein Momentum. Laut Umfragen ist die Unterstützung für strengere Gesetze die höchste seit 1993. Dazu kommt der Druck aus der Wirtschaft. Die Großbank Citigroup etwa will nur noch mit Händlern zusammenarbeiten, die die persönlichen Daten von Waffenkäufern prüfen und das Mindestalter auf 21 setzen. Außerdem will sie keine Geschäfte mehr mit Ladeninhabern machen, die Bump Stocks verkaufen.

Einzelhändler wie Dick’s Sporting Goods, Walmart und Kroger haben sich freiwillige Beschränkungen beim Verkauf von Waffen auferlegt. Der Versicherer MetLife, die Autovermieter Enterprise, Avis und Hertz, die Fluggesellschaften Delta und United, die Hotelkette Best Western, und der Softwarekonzern Symantec kündigten Kooperationen mit der NRA. Auch den Marsch unterstützten Unternehmen direkt: Lyft ließ Demonstranten gratis fahren, Restaurantketten verteilten Lunchtüten.

Trump selbst weilte zur Zeit des Protests nicht in Washington, er verbrachte das Wochenende auf seinem privaten Anwesen Mar-a-Lago in Florida. Das Weiße Haus veröffentlichte eine Erklärung, in der es hieß: „Wir applaudieren den vielen mutigen jungen Amerikanern, die heute ihr Verfassungsrecht nach Artikel 1 (Recht auf freie Meinungsäußerung ) ausüben. Unsere Kinder zu schützen ist eine Top-Priorität des Präsidenten.”

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