US-Wahl: „Diese Wahl wird von weniger als 100.000 Menschen in drei bis fünf Bundesstaaten entschieden“
Letzte Wahlkampfauftritte: Kamala Harris spricht am 30. Oktober in Wisconsin zu ihren Anhängern.
Foto: imago imagesWirtschaftsWoche: Herr Jacobs, in wenigen Tagen wählen die Amerikaner ein neues Staatsoberhaupt. Gewinnt Kamala Harris oder Donald Trump?
Elie Jacobs: Jeder, der Ihnen sagt, er wüsste, wie es ausgeht, lügt. Das wird ein sehr knappes Rennen! Es wird für beide Seiten darum gehen, ihre Basis an die Urnen zu bekommen. Dafür braucht es eine sogenannte Get-Out-The-Vote-Infrastruktur, kurz GOTV. Und da sehe ich die Harris-Kampagne aktuell im Vorteil.
Woran machen Sie das fest?
Das Team der Vize-Präsidentin ist in den entscheidenden Swing States schlicht aktiver und sichtbarer. Die Republikaner sind viel weniger präsent. In einigen Staaten hat die Trump-Kampagne ihr GOTV sogar an andere Organisationen ausgelagert, etwa an ein Super-PAC, das von Elon Musk finanziert wird. Und das läuft in etwa so gut wie die ersten Produktionsreihen des Cybertrucks. Die Trump-Kampagne scheint zu glauben, dass sie auf traditionellen Wahlkampf verzichten kann und richtet sich fast ausschließlich an ihre Basis. Ihre Theorie ist, dass es da draußen eine große Zahl weißer, männlicher Wähler aus der Generation Z gibt, die sie über Auftritte des Kandidaten in bestimmten Podcasts zum Wählen bringen kann. Ich glaube, damit liegen sie falsch. Aber natürlich kann ich mich irren.
Trotzdem: In den öffentlichen Umfragen hat Trump zuletzt deutlich Boden auf Harris gut gemacht.
Ich habe seit längerem Zweifel an der Vorhersagekraft öffentlicher Umfragen. Sie beschreiben das Stimmungsbild zu einem bestimmten Zeitpunkt – und das mit einer ordentlichen Fehlertoleranz. Ich kann also nicht sagen, ob die Umfragen die tatsächliche Lage derzeit korrekt abbilden. Aber es spricht alles dafür, dass es knapp ausgehen wird. Diese Wahl wird von weniger als 100.000 Menschen in drei bis fünf Bundesstaaten entschieden. Da können jede Menge unvorhersehbarer Dinge den Ausschlag geben. Regnet es in Michigan? Erschweren die Hurrikan-Schäden in North Carolina die Stimmabgabe in bestimmten Regionen? Welche Auswirkungen hat die Gouverneurswahl in dem Staat? Was bedeutet das überraschend knappe Senatsrennen in Nebraska für die Electoral-College-Stimme des zweiten Kongressbezirks in diesem Staat? All das lässt sich heute nicht messen. Deshalb bleibe ich bei meiner Einschätzung, die ich auch vor drei Jahren nicht anders abgegeben hätte: Es wird sehr knapp ausgehen, die Chancen stehen 50 zu 50. Daran wird sich in den nächsten Tagen wohl auch nichts mehr ändern.
"Trump ist komisch. Er ist ein Clown. Und er ist gefährlich", sagt der demokratische Stratege Elie Jacobs.
Foto: PRSie haben erwähnt, dass sich Trump im Wahlkampf vor allem an seine Basis wendet. Harris scheint mehr in die Mitte zu zielen, trat zuletzt häufiger mit Anti-Trump-Republikanern wie Liz Cheney auf. Läuft sie damit Gefahr, ihre eigene Basis zu vernachlässigen?
Ich glaube nicht. Der progressive Teil der Demokraten ist ein sehr verlässlicher Wählerblock. Und Harris erfährt von dort ja auch enorme Unterstützung. Alexandria Ocasio-Cortez (eine selbsterklärte demokratische Sozialistin, führende Stimme des linken Demokraten-Flügels und Kongressabgeordnete aus New York, Anm. der Red.) verhält sich gerade wie die Lieblingstante, die jeder hat. Wenn sich Progressive bei ihr beschweren, hört sie aufmerksam zu und macht dann unmissverständlich klar, dass sie dennoch Harris wählen müssen. Dort droht also keine Gefahr. So kann sich Harris auf Wählerschichten konzentrieren, die traditionell eher zu den Republikanern tendiert haben, allen voran weiße Frauen mit Universitätsabschluss. Wenn Harris hier hoch gewinnt, dann dürfte sie schwer zu schlagen sein.
Lässt sich die Neuausrichtung der Harris-Kampagne in den letzten Wochen des Wahlkampfs mit dem Fokus auf diese Wählerinnen erklären? Im Sommer trat sie als „Joyful Warrior“ an. Heute warnt sie vor allem vor den Gefahren einer Trump-Rückkehr an die Macht.
Davon gehe ich aus. Persönlich hat mir die positive Ausrichtung der Kampagne gut gefallen. Aber das Team wird seine Gründe dafür haben, die Botschaft anzupassen. Wir haben alle gesehen, was Trump im Amt und nach seiner Wahlniederlage getan hat. Er ist eine Gefahr. Und das sehen weiße Frauen mit Universitätsabschluss ähnlich. Die Zukunft der amerikanischen Demokratie und das Recht auf Abtreibung sind für Harris die stärksten Themen in dieser Wählerschicht. Daran könnte sich die Wahl entscheiden.
Letzte Wahlkampfauftritte: Donald Trump spricht in Green Bay, Wisconsin, zu seinen Anhängern.
Foto: APWar der Fokus auf die vermeintliche Merkwürdigkeit der Republikaner im Sommer also ein Fehler?
Nein. Trump ist komisch. Er ist ein Clown. Und er ist gefährlich. Diese beiden Eigenschaften zusammenzubekommen, ist nicht schwer. Deshalb muss man sich irgendwann entscheiden. Die Clinton-Kampagne hat 2016 vor allem auf seine Merkwürdigkeit gesetzt. Das war nachvollziehbar, schließlich konnten sich viele Amerikaner nicht vorstellen, was Trump im Amt tatsächlich tun würde. Aber jetzt wissen wir es.
Wie würden Sie die Arbeit der Harris-Kampagne insgesamt bewerten?
Hervorragend. Sie haben in den vergangenen dreieinhalb Monaten kaum Fehler gemacht. Das war so nicht abzusehen. Ihre Präsidentschaftskampagne 2019 war schrecklich geführt, ihre Zeit als Vizepräsidentin immer wieder von Personalquerelen überschattet. Doch nachdem sie die Nominierung von Biden übernommen hat, sind Harris fast keine Fehler unterlaufen. Sie hat einen Teil des alten Teams der Kampagne ersetzt, eine höchst erfolgreiche Spendensammelorganisation und GOTV-Infrastruktur aufgebaut. Und auch ihr Social-Media-Team macht eine großartige Arbeit.
Gibt es denn gar nichts zu kritisieren?
Das Kampagnenteam hat vielleicht zu lange gezögert, Harris der breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Sie waren sehr gut darin, sie als kompetente nächste Präsidentin zu präsentieren, aber wer genau sie ist und was genau sie will, ist dabei etwas auf der Strecke geblieben. Mehr Interviews hätten dabei helfen können – aber vergessen Sie nicht, wie kurz ihre Kampagne war! Und: Sollte Harris Pennsylvania, den vermutlich alles entscheidenden Swing State, verlieren, dann wird viel Kritik an ihrer Entscheidung geübt werden, Tim Walz zum Vizepräsidentschaftskandidaten gemacht zu haben – und nicht Pennsylvanias Gouverneur Josh Shapiro. Verstehen Sie mich nicht falsch: Walz macht einen guten Job und hilft der Kampagne dabei, Wähler zu erreichen, mit denen sich die Demokraten seit Jahren zunehmend schwertun. Aber ohne Pennsylvania könnte das egal sein.
Am Dienstag schließen die Wahllokale. Dann wird ausgezählt. Wann erwarten Sie ein Ergebnis?
Theoretisch kann es schnell gehen, wenn eine Seite überraschend hoch gewinnt. Aber das erwarte ich nicht. Ich denke nicht, dass wir vor Freitag oder Samstag ein Ergebnis haben. Und dann werden wohl erst einmal die Rechtsstreitigkeiten und Klagen losgehen. Aber es sieht gut für Harris aus. Die Trends weisen in ihre Richtung, auch wenn noch jede Menge unvorhergesehene Dinge passieren können. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass sie gewinnen wird. Aber sicher bin ich mir natürlich nicht.
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