Ukrainekrieg: Tappt Trump in seine eigene Falle?

Dass Donald Trump binnen weniger Tage einen „Deal“ mit der Ukraine und Russland abschließen könne, wurde ohnehin von niemandem außer ihm selbst geglaubt. Inzwischen sind seit seiner großspurigen Ankündigung mehr als vier Monate vergangen, aber der schnelle Waffenstillstand in der Ukraine lässt weiter auf sich warten.
Trump hat hohe Erwartungen geweckt und sich damit selbst unter Zeitdruck gesetzt. Putin schaut sich die Entwicklung in Ruhe an – und spielt auf Zeit. Weder reist er zu den für heute angesetzten Gesprächen nach Istanbul an, noch lässt er die Waffen schweigen. Der mit viel Hoffnung versehene „Gipfel“ der Kriegsparteien unter Vermittlung des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan läuft ins Leere. Angesichts der Absage aus Moskau sieht auch Trump keinen Anlass, seine aktuelle Nahostreise zu unterbrechen und nach Istanbul zu fliegen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sitzt alleine am Bosporus. Immerhin hat er seinen guten Willen bewiesen – mehr kann er in dieser verzwickten Lage nicht tun.
Selbst gebaute Falle unrealistischer Erwartungen
Trump muss erkennen, dass er in eine selbst gebaute Falle unrealistischer Erwartungen gelaufen ist, in der Putin ihn einfach zappeln lässt. Auch wenn die russische Wirtschaft unter den Kriegsfolgen leidet, auch wenn die Europäische Union das inzwischen18. Sanktionspaket schnürt und Moskau jeden Tag viele Tote an der festgefahrenen Front hinnehmen muss – Putin kümmert das alles wenig. Er hat Zeit.
Dass der Russe seine Karten überreizt hat, wie der neue deutsche Außenminister Johann Wadephul zu wissen glaubt, erscheint wenig wahrscheinlich. Putin kann auch ein viertes Kriegsjahr aushalten – besser jedenfalls als der Westen. In dem Bemühen, den Krieg endlich zu beenden und wenigstens zu einem Waffenstillstand zu kommen, steigt auch die westliche Bereitschaft zu weiteren Zugeständnissen. Trump hat schon vor der ersten Begegnung mit Putin so viele Forderungen Moskaus anerkannt, dass dort wahrscheinlich zu Recht die Strategie verfolgt wird, dass ein Warten auf bessere Angebote ertragreicher wäre als das Aufnehmen ernsthafter Verhandlungen zum jetzigen Zeitpunkt.
Vielleicht hofft man im Kreml sogar, dass „Friedensstifter“ Trump irgendwann frustriert vom fruchtlosen Taktieren zwischen Kiew und Moskau die Brocken hinwirft, der Ukraine die amerikanische Hilfe streicht und das Problem den Europäern vor die Tür kippt. Das wäre der Worst Case.
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