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ChemieindustrieWarum Chemie-Start-ups jetzt ihren eigenen Lobbyverband gründen

Nur 0,2 Prozent des europäischen Wagniskapitals gehen an Chemie-Start-ups. Das wollen Gründerinnen und Gründer ändern – auch durch mehr Einfluss in Brüssel und Berlin.Sonja Álvarez 09.07.2025 - 14:21 Uhr
Chemie-Start-ups machen einen großen Teil der Innovationen aus. Jetzt gründen Sie ihren eigenen Verband Foto: Getty Images

Europäische Chemie-Start-ups und Mittelständler wollen ihre Lobbyarbeit in Brüssel und Berlin verstärken und gründen deshalb einen neuen Verband. Die Association of Industrial Green Chemistry (IGC) soll vor allem die Interessen von innovationsgetriebenen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) vertreten – eine Gruppe, die aus Sicht der Verbandsgründerinnen und -gründer bislang weitgehend vom traditionellen industriellen Dialog ausgeschlossen ist, wie es in dem Gründungsschreiben heißt, das der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt.

Jüngstes Beispiel für den Ausschluss sei der Strategiedialog der EU-Kommission Mitte Mai. Dazu seien zwar große Konzerne wie BASF, Solvay oder Cefic eingeladen gewesen, Start-ups aber angeblich nicht. „Das war überraschend“, sagt Aliz Kiss, Chefin des neuen Verbands: „Denn gerade Start-ups sind doch besonders erfolgreich darin, Innovationen auf den Markt zu bringen – und schon heute prägen sie den Pharma-, Medtech- und Cleantech-Sektor maßgeblich mit.“

Kiss, promoviert in analytischer Chemie, gründete mit Kemialytics ein eigenes Start-up für grüne Chemie. Das Unternehmen hatte sich den Zugang zu den Daten aller großen wissenschaftlichen Verlage gesichert – mit dem Ziel, eine europäische Tech-Plattform für Chemiedaten aufzubauen. Doch wegen fehlender Finanzierung musste Kiss aufgeben. „Ich habe mein Unternehmen verloren – nicht, weil die Wissenschaft gescheitert ist, sondern weil es in Europa kein risikobereites Kapital für neuartige chemische Lösungen gibt“, erklärt sie.

Nur 0,2 Prozent Wagniskapital für Chemie

Das zeigten auch die Zahlen des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Obwohl die Chemieindustrie drei- bis viermal größer sei als die gesamte Pharmaindustrie, erhalte sie deutlich weniger Risikokapital: Zwischen 2019 und 2021 flossen nur rund 0,2 Prozent des europäischen Wagniskapitals in Chemie-Start-ups, kritisiert der IGC.

Der neue Verband will sich deshalb vor allem um die Interessen junger Innovatoren in der chemischen und pharmazeutischen Produktionsbranche kümmern – gerade jetzt sei der richtige Zeitpunkt, um damit in Brüssel durchzudringen.

Denn die EU-Kommission hat am Dienstag ihren neuen Aktionsplan für die Chemieindustrie veröffentlicht. Darin erkenne sie „die wesentliche Rolle der grünen und nachhaltigen Chemie“ an und kündige an, Prozessinnovationen stärker zu integrieren, loben die Verbandsgründer. Zudem werde betont, dass kleine und mittlere Unternehmen sowie Start-ups dabei „besondere Aufmerksamkeit“ erhalten sollen, „insbesondere bei der Umsetzung des EU-Transformationspfads für die Chemieindustrie.“

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Der Verband will nun erreichen, dass es nicht nur bei diesen Ankündigungen bleibt. Grüne Chemie und Prozessinnovationen müssten in Programme wie STEP, das große Industrieprogramm der EU, in den Critical Medicines Act und den Critical Raw Materials Act aufgenommen werden. Dazu will er für einen „Clean Industrial Deal für Start-ups“ kämpfen – inklusive eines Zugangs zu Pilotanlagen und start-up-freundlicher Finanzierung. Zudem müssten die Förderregeln grundsätzlich geändert werden, damit risikofreudige Start-ups nicht bestraft werden, sondern wachsen können.

Risiko der Zersplitterung

Zu den Gründungsmitgliedern gehören die Unternehmen Sulfotools, Dude Chem, Nanolope und Porelio. Nach Angaben der Gründer wollen mehr als 30 weitere Start-ups beitreten.

Ob die Stimme der Start-ups und kleineren Unternehmen tatsächlich stärker wird, wenn sich die Verbände zersplittern, statt gemeinsam aufzutreten, muss die Association of Industrial Green Chemistry jedoch erst noch beweisen.

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