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Corona-Impfungen Das ungenutzte Potenzial der Betriebsärzte

In Deutschland gibt es etwa 20.000 Betriebsärzte in Firmen oder als Niedergelassene vor Ort für kleine und mittlere Unternehmen, die der Corona-Impfkampagne zusätzlichen Schub geben könnten. Quelle: dpa

20.000 Betriebsärzte in Deutschland könnten bei den Corona-Impfungen einen zusätzlichen Schub bringen. VW hat in Zwickau bereits losgelegt, auch RWE wäre bereit.

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Wo sonst tausende Menschen arbeiten, herrscht seit einem Jahr Stille. Der Campus der RWE-Zentrale in Essen wirkt wie ausgestorben. Freie Parkplätze, leere, Gänge, geschlossene Büros, wohin der Blick auch schweift. Nur in der Vorstandsetage und im Handelsraum des Energiekonzerns trifft man dieser Tage Menschen an – und beim medizinischen Dienst des Unternehmens im Erdgeschoss des Hauptgebäudes.

Vor einem Besuch beim künftigen RWE-Chef Markus Krebber führt der Weg über die eigens eingerichtete Teststation. Besser wäre natürlich, die 17 Betriebsärzte von RWE würden nicht testen, sondern impfen, aber mangels Vakzinen ist man auch hier zum Warten verurteilt. „Wir könnten morgen loslegen“, sagt Andree Mosel, der Leiter des medizinischen Dienstes bei RWE, „aber ohne Impfstoff geht es nicht“. Mosel schätzt, dass jeder der 17 Betriebsärzte rund 80 bis 100 Mitarbeiter pro Tag impfen kann. Bei knapp 20.000 Beschäftigten wäre RWE demnach in knapp zwei Wochen einmal geimpft.

In Deutschland gibt es etwa 20.000 Betriebsärzte in Firmen oder als Niedergelassene vor Ort für kleine und mittlere Unternehmen, die der Corona-Impfkampagne zusätzlichen Schub geben könnten. Im sächsischen Zwickau ist bei Volkswagen dazu immerhin ein Modellprojekt gestartet worden.

„Eine flächendeckende Einbindung von Betriebsärzten ist derzeit noch nicht möglich“, heißt es beim Gesundheitsministerium in Dresden. Doch jetzt gehe es um Erfahrungen für andere, wenn bald hoffentlich genug Impfstoff da sei. Bei Volkswagen in Sachsen werden vorerst nur Mitarbeiter geimpft, die zur zweiten Priorisierungsgruppe gehören, also bestimmte chronische Erkrankungen haben. Die Spritze bekommen auch Beschäftigte aus dem Vogtlandkreis, alle Erwachsenen von dort dürfen bereits wegen der hohen Inzidenz im Landkreis geimpft werden.

Die Vorteile für die Mitarbeiter seien der kurze Weg und der unkomplizierte Zugang zur Impfung. Das Impfen ist freiwillig, soll aber die Impfzentren entlasten und Tempo beim Immunisieren machen. Volkswagen Sachsen beschäftigt in Zwickau rund 8.500 Menschen, im Freistaat insgesamt etwa 11.000. Geimpft wird nach Auskunft des Unternehmens in einem Gesundheitszentrum im Werk selbst und in einem Impfmobil, das auch an den anderen Standorten in Chemnitz, Dresden und im nahen St. Egidien unterwegs sein soll.

Auch der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte drängt auf eine flächendeckende Einbeziehung von Betriebsärzten und der Impfung in großen Unternehmen. Die Vizepräsidentin des Verbands, Anette Wahl-Wachendorf, hatte der WiWo jüngst bereits gesagt: „Große Konzerne haben sich schon konkret um die Logistik gekümmert und die stehen bereit loszulegen. Einige haben angekündigt, sie würden auch die Familienangehörigen ihrer Mitarbeiter mit impfen können. So lassen sich viele Menschen erreichen.“



Aber auch in Kleinbetrieben und mittleren Unternehmen ließen sich schnell viele Menschen erreichen, sagte Wahl-Wachendorf. „Es geht darum, bestimmte Räume zum Impfen auszuweisen und Abläufe zu organisieren. Das kann über Betriebsärzte geschehen, die in ihren Praxen Mitarbeiter mehrerer Unternehmen betreuen.“

Es gebe 15.000 bis 20.000 Betriebsärzte und wenn man bei solchen Aktionen auch Teams von freiwilligen Helfern etwa vom Roten Kreuz einsetze, ließen sich sehr viele Dosen verabreichen.
Schon Anfang März hatte Nivea-Hersteller Beiersdorf sich auf eigene Impfangebote für die Beschäftigten vorbereitet und angekündigt, sich auch an den Kosten zu beteiligen - sofern das Land oder die Krankenkasse die Kosten nicht übernehmen. In Bayern sollen ab April wenigstens in rund zehn Modellprojekten Reihenimpfungen in Betrieben hinzukommen. Das kündigte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) an. Verschiedene Betriebe, darunter die Sportartikelhersteller Adidas und Puma, hatten angeboten, ihre Beschäftigten selbst durch Betriebsärzte zu impfen. Hier würde die Impfreihenfolge außer Kraft gesetzt werden müssen, hieß es.

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Zudem erklärten bereits die Autohersteller Daimler und Porsche, sie hätten Vorbereitungen getroffen, um ihre Belegschaft gegen das Coronavirus impfen zu können. Man wolle einen Beitrag zu einer möglichst raschen und flächendeckenden Impfung leisten, erklärte Porsche. Auch Mittelständler wie der Mulfinger Ventilatorenhersteller EBM-Papst haben sich vorbereitet. Nach Medienberichten hat das Hohenloher Unternehmen in einem Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) angeboten, in einem Pilotprojekt das Impfen der Belegschaft zu starten.

Mehr zum Thema: Ein kalifornisches Unternehmen hat einen Test entwickelt, der messen soll, wie wirksam der Covid-Impfschutz ist. Dieser soll gezielt die sogenannten neutralisierenden Antikörper messen.

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