Tauchsieder: „Ich bin müde. Ich bin müüüüdeee!“
„Ich meine, jetzt kommt ja hoffentlich nächste Woche nicht noch was… Ich meine, was soll denn eigentlich noch kommen?… Atomare Bedrohung haben wir. Klimakatastrophe haben wir. Pandemie haben wir“, sagt Fabian Hinrichs: „Ich bin müde. Ich bin müüüdeeee“, schreit Fabian Hinrichs. Und er schreit es bereits am 24. März 2022 zum ersten Mal ins leere Rund der Berliner Volksbühne, zur Premiere von „Geht es Dir gut?“.
Aber natürlich kam dann noch was und drängte sich in unser Leben, beengte unser Dasein, erschreckte, verstörte, ließ uns verzweifeln: Berichte über das Massaker russischer Streitkräfte im ukrainischen Butscha etwa, die Barbareien der Hamas-Islamisten in Israel, der schleichend schnelle Versuch Donald Trumps, die US-Demokratie zu zerstören – und zwischendrin auch noch der plötzliche Tod von René Pollesch.
Pollesch. Der genialisch-freundliche Autor und sein fabelhaft-freundlicher Lieblingsschauspieler der vergangenen Jahre – sie haben sich, uns und die Welt immer wieder befragt in ihren Stücken und sich, uns und der Welt dabei immer wieder versichert, dass es sinnlos geworden ist, noch Antworten zu erwarten; sich, uns und der Welt noch einen Sinn abtrotzen zu wollen.
„Ja, nichts ist okay“, hieß das letzte, beiläufige Stück der beiden. Premiere war am 11. Februar 2024 – lakonischer lässt sich die Lage nicht in Worte fassen. „Ja, nichts ist okay“, und okay wird auch nichts mehr, ich meine, wie soll man das denn aushalten: die Kinder erziehen und Sumy ertragen, Geburtstage feiern und Gaza fernsehen, mit Freunden was essen, während Trump die Ukrainerinnen und Ukrainer vor die Hunde gehen lässt – „theoretisch wäre das ja so, man würde Dialoge haben und man würde die ganze Zeit Schreie und Bomben im Hintergrund hören…“
Ja, nichts ist okay. Und wir alle sind müde. Unendlich müde. Vom Stakkato der Nachrichten. Vom Sekundenhandel mit Informationen. Von der schieren Umlaufgeschwindigkeit des Neuen. Von der Flut der Bilder und Videos, Snippets und Smileys. Von der Gleichzeitigkeit der Kriegs- und Katzenbilder auf unseren Bildschirmen. Von der Simultanität der Sorge um das Ostermontagsessen und den Weltfrieden. Kurz: von der brausenden Leere in unseren Köpfen. Es ist höchste Zeit, ein paar freie Tage. Runterkommen. Durchatmen. Innehalten. Ruhen. Lesen. Nachdenken. Neu zur Welt kommen. Wiederauferstehen.
Frohe Ostern? Doch, doch das geht. Vor zwei Wochen bin ich noch einmal zu „Geht es Dir gut?“ zurückgekehrt. Man muss die Chance nutzen. René Pollesch hat verfügt, dass seine Stücke nur mit demselben Personal, an demselben Ort und in derselben Ausstattung wie während der Premiere wiederaufgeführt werden dürfen.
Das bedeutet, dass seine Stücke und Texte sich nur performativ, im Moment ihrer Aufführung, zur Geltung bringen – und dass sie, kaum geboren, langsam sterben. Die Zeit setzt sich über sie hinweg und soll es auch: Pollesch hat seine Texte, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch nie abseits des Bühnengeschehens publiziert.
Noch einmal also: „Geht es Dir gut?“. Es war ein berührender Abend. Man blickte nostalgisch, fast ein bisschen amüsiert zurück auf die Harmlosigkeit des Schreckens in den Coronajahren. Man schmunzelte in sich hinein, dass wir unsere Probleme vor ein paar Jahren noch für beherrschbar hielten: 1,5 Meter Abstand, 1,5 Grad Celsius… Man erinnerte, dass der Gedanke an die Zeit nach der Pandemie noch Fantasiehorizonte aufriss – und dachte betreten an den mächtig anschwellenden Strom des Nachrichtengrauens seither.
Und dann brachte Fabian Hinrichs in zwei, drei spontanen Sätzen auch noch das Kunststück fertig, auf den Punkt zu bringen, was Trump gerade zerstört und tötet: nicht nur die liberale Weltwirtschaftsordnung und die US-Demokratie, die Institutionen der Gewaltenteilung und Denkfreiheit, sondern überhaupt das Denkbare: unseren Sinn fürs Fragliche und Mögliche, unsere Fantasie und Kreativität – mithin das, was uns Menschen als Menschen auszeichnet.
Es war ein rarer Moment reinen Theaterglücks. Nach etwa einer halben Stunde stand ein Besucher vernehmbar auf, schleuderte ein „Nur Fragen. Nichts als Fragen“ Richtung Bühne und knallte die Tür hinter sich zu. Und Hinrichs? Er unterbrach sich kurz, witzelte den Vorfall weg, machte weiter im Text.
Aber man sah, die Szene hing ihm nach, also unterbrach er sich erneut - und bemerkte dann, keine Gewähr für den Wortlaut: „Ich muss jetzt doch noch was sagen. ‚Nur Fragen. Nichts als Fragen’, hat der Mann gesagt? Ja, nichts als Fragen. Ich lese gerade Gadamer. Darum geht es doch. Dass wir uns in Fragen verwickeln. Wir stellen hier Fragen. Wer Antworten will, muss sich ein anderes Theater suchen.“
Es waren Sätze, die wie Blitze einschlugen. Denn das ist doch wohl der Kern dessen, was uns am nachrichtlichen Rand des Gewalt- und Umsturzgeschehens so sehr ermüdet und zermürbt: Dass Typen wie Trump und JD Vance permanent Fakten schaffen und uns sofortige Antworten aufnötigen. Dass sie uns zwingen, sich ihnen gegenüber zu verhalten, definitiv und argumentationslos, so oder so, ja oder nein, hopp oder topp, als wären wir binäre Reiz-Reaktions-Maschinen.
Dass Trump uns mit eilig hingedäumelten Tweets, Fallbeilurteilen im Weißen Haus und Halbsätzen in der Mixed-Zone der Air Force One zu synchron zappelnden Marionetten seines Daherredens degradiert; dass er uns mit seinen Ausrufezeichen Stunden, Tage, Wochen raubt – und exakt auf diese Weise, mit dem Maschinengewehrfeuer seiner Dekrete und Bescheide, Erlasse und Machtworte unsere Wissenskultur sturmreif schießt, die, so Gadamer, auf der „Vorgängigkeit der Frage für alles sacherschließende Erkennen und Reden“ beruht.
Hans-Georg Gadamer hat diesen Vorrang in „Wahrheit und Methode“ in wundervolle Sätze gemeißelt, das Fragen als „Kunst des Denkens“ im Sinne einer „Kunst des Erprobens“ und „Weiterfragens“ gepriesen, als dialektische Methode: „Fragen heißt Offenlegen und ins Offene stellen. Gegen die Festigkeit der Meinungen bringt das Fragen die Sache mit ihren Möglichkeiten in die Schwebe… Ein Reden, das eine Sache aufschließen soll, bedarf (daher) des Aufbrechens der Sache durch die Frage...“
Und weiter: „Sofern die Frage ins Offene stellt, umfasst sie immer beides, sowohl das im Ja wie das im Nein Geurteilte… Die Entscheidung der Frage ist der Weg zum Wissen… Erst durch die Auflösung der Gegeninstanzen, erst wenn die Gegenargumente in ihrer Unrichtigkeit durchschaut sind, ist die Sache selbst gewusst… Wissen heißt immer, auf das Entgegengesetzte zugleich gehen. Darin besteht seine Überlegenheit gegenüber der Eingenommenheit durch die Meinung, dass es Möglichkeiten als Möglichkeiten zu denken versteht.“
Trump und die Seinen schließen diesen Möglichkeitsraum. Sie verabscheuen das Fragen. Und sie hassen das, was Pollesch und Hinrichs mit Gadamer unter einem Gespräch verstehen: Fragende stellen das Befragte ins Zentrum ihres Interesses, um eine Sache aufzuschließen – was dem Rechthaben, Anweisen, Befehlen und Dekretieren in Washington (und Moskau und Peking) diametral zuwiderläuft.
Gadamer kannte natürlich noch das „Medium“ der altgriechischen Sprache. Es changiert zwischen Aktiv und Passiv und lädt den gedachten Raum zwischen einem Handelnden und Behandelten mit einer Spannung auf, die man heute allenfalls noch bei zwei Liebenden bemerken will, „zwischen“ denen es „knistert“. Das Deutsche kennt nur noch einen schwachen Abdruck des Mediums als unbestimmter Handlungsrichtung: Im reflexiven Gebrauch eines Verbs (etwa im Satz „Ich wasche mich“) ist angedeutet, dass das Geschehen zwischen Aktiv und Passiv schillert. Die Griechen aber hatten für dieses „Dazwischen“ noch einen viel ausgeprägteren Sinn: Das „Medium“ bezeichnet eine doppelt bestimmte Handlungsrichtung, die vom Subjekt und Objekt zugleich ausgeht: eine Wechselwirkung, die sich im „Dazwischen“ gleichsam entlädt.
In diesem Sinne ist Gadamers Verständnis eines Gesprächs zu verstehen, das er dem dritten Teil seines Buches voranstellt: „Wir sagen zwar, dass wir ein Gespräch ‚führen‘, aber je eigentlicher ein Gespräch (bei der Sache) ist, desto weniger liegt die Führung desselben in dem Willen des einen oder anderen Gesprächspartners… So ist das eigentliche Gespräch niemals das, das wir führen wollten. Vielmehr ist es im Allgemeinen richtiger zu sagen, dass wir in ein Gespräch geraten, wenn nicht gar, dass wir uns in ein Gespräch verwickeln,… (dass die) Partner des Gesprächs weit weniger die Führenden als die Geführten (sind).“
„Frohe Ostern“ wünschen – das kann daher in diesem Jahr nur heißen: freie Zeit und offene Gespräche – über alles, was fragwürdig und möglich ist. Beides fiel uns schon mal viel leichter. Beides ist heute fast schon subversiv, ein Akt des Widerstands, ein mutiges Statement für die Freiheit der Wissenschaft und des Denkens, frag’ nach in Harvard und Stanford: in der Schwebe halten, was die vorurteilsreich Meinungsmächtigen jederzeit entschieden beantwortet wissen wollen, Räume des Denk- und Sagbaren verteidigen, den Möglichkeitssinn schärfen. Mit Pollesch und Hinrichs. Mit Gadamer. Mit den Lieben am festlich gedeckten Tisch. Oder mit einem dicken Buch auf der Couch.
Welches Buch? Nun, Eingeweihte wissen natürlich, dass hier nur von Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ die Rede sein kann. Ein Roman, der die Macht des Faktischen, Sich-Vollziehenden und Geschichtlichen („Seinesgleichen geschieht“) nie leugnet und das Gewicht „versteinerter Weltlagen“ (Joseph Vogl) sorgfältig prüft – die Handlung aber zugleich formal unterläuft und inhaltlich sprengt – mit der Zauderkraft (sic!) des Konjunktivs und der fragenden Einrede, mit dem praktischen Lob des essayistischen Selbstgesprächs und natürlich der Feier des Möglichkeitssinns:
„Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“
Aber dieses Mögliche, das sind doch nur Chimären und Glasperlenspielereien? Sie können uns allenfalls ein paar Feiertage lang ein bisschen Ablenkung versprechen – bevor die Wirklichkeit uns wieder ereilt, bevor die Trumps und Putins uns wieder auf den Boden ihrer Tatsachen zurückzwingen? Falsche Fragen. Gesellschaften, die den Raum für das Denkbare und Mögliche schließen und ihren Sinn fürs Fragwürdige verkümmern lassen, haben bereits gegen Despoten und Tyrannen kapituliert.
Möglichkeitsmenschen leben, „wie man sagt, in einem feineren Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven“, schreibt Musil – und Kindern treibe man diesen Hang nachdrücklich aus. Aber das Mögliche umfasst eben nicht nur die Verzückung von Narren und Idealisten, sondern auch die handfeste Spekulation auf Veränderung: Die Wirklichkeit wird – in der Sprache der Wirtschaft: – als Kapital und Vermögen aufgefasst, sie anders zu denken und einzurichten. Dann leuchtet das Mögliche als „Utopismus“, auf, „der die Wirklichkeit nicht scheut, wohl aber als Aufgabe und Erfindung behandelt“. Dann hat der Möglichkeitsmensch auch einen Wirklichkeitssinn – insofern er nämlich seine Ideen „als noch nicht geborene Wirklichkeiten“ verfolgt.
Natürlich musste man auch Gadamer darüber nicht belehren. Er beharrte auf der „Vorgängigkeit der Frage“ nicht, um Antworten auszuweichen, verwechselte ihre konstitutive Offenheit nicht mit Uferlosigkeit – und schon gar nicht das Gespräch mit ziellosem Palaver.
Wenn es stimmt, dass die Zeit sich heute abermals „so schnell wie ein Reitkamel bewegt“ (Musil); wenn es stimmt, dass dabei kaum noch erkennbar ist „was vor und zurück geht“, was Fortschritt ist und Rückschritt; und wenn es stimmt, dass viele Menschen sich in diesem „Gefilz von Kräften“ von Typen wie Trump angesprochen fühlen, die ihnen Antworten auf die Probleme der Gegenwart vorgaukeln, indem sie die Höhenzüge der Vergangenheit (nostalgisch) und Zukunft (heroisch) besetzen – dann geht es um die Rückeroberung des Denkbaren und Faktischen: um Fragen und Antworten.
Gadamer sagt es so: „Im Wesen der Frage liegt, dass sie einen Sinn hat. Sinn aber ist Richtungssinn.“ Das heißt: Sie zielt auf eine Antwort. Auf ein Wissen- und Weiterwollen. Auf eine Realisierung des Fraglichen, Möglichen, Denkbaren: Was wäre, wenn? Ja: Was eigentlich? Viel Spaß beim Ostertraining des Möglichkeitssinns!
Lesen Sie auch: Die falschen Freunde der Freiheit
