Earlybird-Frühindikator: „Die Talsohle im Auftragseingang ist erreicht“
VDMA-Chefvolkswirt Dr. Ralph Wiechers
Foto: imago-images, BloombergRalph Wiechers hatte in den zurückliegenden Monaten kaum Grund zu dienstlicher Freude: Der Chefvolkswirt des Maschinen- und Anlagenbauverbands VDMA musste Monat für Monat schlechte Auftragswerte für seine Branche verkünden. Nun aber, nach anderthalb Jahren durchgehender Minusraten, legen die Bestellungen wieder zu. Im April gab es im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von real zehn Prozent. Aus dem Inland kamen 3 Prozent mehr Aufträge, aus dem Ausland 13 Prozent. Auch wenn der April in diesem Jahr drei Arbeitstage mehr hatte als 2023, sieht sich Ökonom Wiechers in der „Annahme bestärkt, dass die Talsohle im Auftragseingang erreicht ist“.
Die Einschätzung der Maschinenbauer entspricht ziemlich genau der Befindlichkeit in der gesamten Wirtschaft: Ein kräftiges Hoch ist zwar nicht in Sicht, aber immerhin ist das konjunkturelle Jammertal durchschritten. Vor diesem Hintergrund hat auch der Earlybird-Frühindikator, den die Commerzbank exklusiv für die WirtschaftsWoche ermittelt, im Mai seinen gemächlichen Aufstieg fortgesetzt. Das Barometer, das einen Vorlauf gegenüber der Realwirtschaft von sechs bis neun Monaten hat, stieg um einen Zähler auf minus sieben Punkte. Nach dem fünften Anstieg in Folge liegt der Earlybird freilich immer noch unter der Nulllinie – so wie bereits seit Oktober 2022. Der Indikator erfasst den Außenwert des Euro, die kurzfristigen Nominalzinsen sowie (als Messgröße für die Lage der Weltwirtschaft) einen Welteinkaufsmanagerindex, in den die nationalen Einkaufsmanagerindizes der USA (Gewicht: 40 Prozent), des Euro-Raums ohne Deutschland (40 Prozent) und Chinas (20 Prozent) eingehen.
„Die Chancen für eine nachhaltige Erholung der deutschen Wirtschaft haben sich etwas verbessert“, schreiben die Commerzbank-Volkswirte euphoriefrei in ihrer Analyse für die WirtschaftsWoche. Haupttreiber der aktuellen Aufwärtsbewegung sei vor allem die Geldpolitik: „Während im Sommer 2023 die deutlichen Zinserhöhungen der EZB die Konjunktur noch massiv belastet hatten, hat dieser Bremseffekt seitdem stetig nachgelassen.“
Hingegen entwickelt sich das weltwirtschaftliche Umfeld eher unterdurchschnittlich. Die Einkaufsmanagerindizes für die Industrie in China und den USA zeigten zuletzt südwärts. Auch vom Devisenmarkt kam leichter Gegenwind für deutsche Exporteure. Fazit der Ökonomen: „Für einen kräftigen Aufschwung reicht es noch nicht – zumal auch die strukturellen Probleme der deutschen Wirtschaft eine Aufwärtsbewegung bremsen.“
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