Editorial: Die eine Hälfte des Landes protestiert, die andere möchte weniger arbeiten
Die Proteste der Landwirte haben viele Fragen aufgeworfen, aber nicht immer die richtigen.
Foto: imago imagesSteht diesem Land ein Umsturz durch Bauern bevor? Das ist natürlich Quatsch, und unser Wirtschaftsminister zeichnet ein Zerrbild, wenn er „Umsturzfantasien“ beschwört. Diese mögen sich in den Protest gemischt haben – genauso wie geschmacklose Galgen, Spinner und Rechtsextreme.
So wie es immer passiert, ob es nun um Corona, Migration oder Agrardiesel geht. Überhaupt wird viel zu viel Energie in Talkshows, Videobotschaften und Leitartikeln an die Frage verschwendet, ob irgendwelche Proteste legitim oder angemessen sind, anstatt sich mit den Ursachen zu beschäftigen. Und diese vielleicht auch mal zu beheben, anstatt immer wieder Stilkritik zu betreiben.
Die Wut der Bauern, die in ihrer Wucht viele überrascht hat, hält zwei Lehren parat.
Erstens: Hier wehrt sich eine Gruppe, die sich durch ein (notwendiges) Sparpaket überproportional belastet und überrumpelt sieht. Zu Recht, aber mit dem halben Einknicken der Regierung hätten sie sich zufriedengeben sollen.
Was ein Problem ist: Jede Maßnahme, jeder Einschnitt, das haben wir schon beim Elterngeld erlebt, führt inzwischen zum Aufschrei; wir haben schlicht verlernt zu sparen, Prioritäten zu setzen – und hinter der Geldfrage verbirgt sich der fehlende Wille zu Veränderung. Überspitzt gesagt, kann man die Lage der Nation Anfang 2024 so zusammenfassen: Die eine Hälfte des Landes protestiert, die andere möchte weniger arbeiten.
Die zweite Lehre hat mit den Landwirten zu tun – wobei es „den Bauern“ nicht gibt. Viele fürchten tatsächlich um ihre Existenz, andere sind gerade nicht mit dem Traktor auf der Straße, sondern seit November auf der Jagd. Die Proteste haben sich längst vom Agrardiesel gelöst. Da hat sich über Jahre etwas aufgestaut – ob es nun um Glyphosat, Düngemittelverordnungen, den Wolf oder Grünstreifen geht. Diese Entfremdung geht über die Bauern hinaus: Klagen über immer neue Bürokratie, Auflagen, Eingriffe – und das Gefühl, dass die Regierung das Ganze von einem anderen Planeten aus steuert, gibt es ja nicht nur auf den Bauernhof. Um es mit einem russischen Sprichwort zu sagen: „Man soll nicht auf den Spiegel schimpfen, wenn die Fratze schief ist.“
Die Proteste sind ein Warnschuss, wie schnell auch in Deutschland etwas kippen kann. Man hat nicht den Eindruck, dass er in Berlin hinreichend gehört – geschweige denn verstanden – wurde.
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