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Engelbert Lütke Daldrup Dieser Mann hat das Monster BER gezähmt

BER-Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup schließt seine „Mission Impossible“ ab. Quelle: dpa

Mit acht Jahren Verspätung ging am Samstag der neue Berliner Hauptstadtflughafen in Betrieb. Möglich machte es ein ehemaliger Beamter.

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Diesmal aber wirklich, der Spott soll ein Ende haben. Rund 14 Jahre nach dem ersten Spatenstich und mit mehr als acht Jahren Verspätung wurde am Samstag der neue Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg eröffnet. Zahlreiche Probeläufe haben bereits stattgefunden, knapp 10.000 Komparsen simulierten in den vergangenen Wochen Buchungen, Gepäckaufgabe sowie An- und Abflugsituationen.

Kurz vor dem großen Tag läuft Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup noch einmal durch die leeren Hallen des Terminal 1. Selbstfahrende Poliermaschinen geben dem beigefarbenen Jura-Kalksandsteinboden den letzten Schliff, eine Armada Reinigungspersonal wischt über die riesigen Flächen aus dunkelbraunem Nussbaumfurnier. Das Design des „Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt“, wie der neue Airport im Südosten der Hauptstadt offiziell heißt, ist knapp 20 Jahre nach der ersten Entwurfsplanung vielleicht etwas aus der Mode gekommen. Aber die warmen Naturfarbtöne und das großflächig verbaute Holz im Inneren nehmen der wuchtigen Gebäudekonstruktion aus Stahl und Glas die Anmutung technischer Kühle.

Der „Professor“, wie Daldrup wegen seines akademischen Titels am BER auch genannt wird, versprüht ebenso wie sein Flughafen den Retro-Charme der Achtziger Jahre. Korrekt gekleidet in Anzug und Krawatte und mit schwarzer Woody-Allen-Hornbrille läuft der schmale Mann vorbei an leeren Abfertigungsschaltern und First-Class-Lounges, um vor dem großen Tag noch einmal alles zu kontrollieren. Seinem schnell umherhuschenden Blick entgeht nichts. Seit 2005 kennt Daldrup dieses Bauprojekt, das wegen seiner nahezu unbeherrschbaren Komplexität auch „das Monster“ genannt wurde.

Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup gestikuliert auf der Besucherterrasse des neuen Flughafen Berlin Brandenburg (BER). Quelle: dpa

Dass ausgerechnet er, der unscheinbare, ehemalige Beamte, ein Monster zähmen würde, an dem schon gestandene Industriemanager wie Hartmut Mehdorn scheiterten, macht Daldrup stolz. Er verbirgt das zwar so gut er kann, aber in seinem Understatement, mit dem er inzwischen über den BER spricht, kann man die Freude über den bevorstehenden Erfolg herauslesen. „Wir haben einen Flughafen“, sagt Daldrup nur, ganz so wie bei einer Papstwahl, wenn endlich der weiße Rauch aufsteigt: „habemus papam“ heißt es dann im Vatikan, „ready for take off“ nun endlich in Berlin.

Doch selbst so kurz vor dem Abschluss meidet Daldrup jeden Überschwang, dafür sitzen Schmerz und Schmach der jahrelangen Verspätung noch zu tief. Weder benutzt der BER-Chef große Worte noch will er am 31. Oktober eine rauschende Eröffnung feiern. „Wir machen einfach auf“, sagt Daldrup. Einchecken, losfliegen, fertig. Keine Party, keine Promis, kein Pomp. Verständlich – ein wenig Demut scheint ihm immer noch angebracht; schließlich hat er die großspurige Einladung seiner Vorgänger vom Juni 2012 nicht vergessen. „Let's write history“, stand da in der Diktion typischer Berliner Großspurigkeit zu lesen, „Europe's most modern airport opens in June 2012“. Haha.

WiWo-Reporter Daniel Goffart durfte den BER bereits vor der offiziellen Eröffnung besuchen.

Die ganze Republik lachte fortan über Berlin oder schüttelte den Kopf, wenn wieder einmal ein Eröffnungstermin platzte, neue Kostenexplosionen bekannt wurden oder gar ernsthaft über den Abriss des fast schon fertigen Flughafens diskutiert wurde. Es war eine Blamage für deutsche Ingenieurskunst, für deutsche Pünktlichkeit, für den deutschen High-Tech-Standort schlechthin. Die Schadenfreude im Ausland war nicht zu überhören. „Was für ein Trost, dass den Deutschen auch nicht alles gelingt“, schrieb einmal die französische Zeitung „Le Monde“ – und das war noch charmant formuliert.

Daldrup war es nicht in die Wiege gelegt, diese „Mission Impossible“ erfolgreich abzuschließen. Er begann als Raumplanungs-Ingenieur, war Referatsleiter in der Bauverwaltung Berlin, Stadtbaurat in Leipzig, Staatssekretär im Bundesbauministerium und schließlich Staatssekretär in der Senatsbauverwaltung Berlin. Chaotische Zustände sind ihm seitdem nicht mehr fremd. Als der Flughafen trotz der Verteuerung von zwei auf sechs Milliarden Euro Baukosten 2016 nicht mehr zu retten schien, übernahm er die Steuerung des Desasterprojekts und ersetzte schließlich 2017 den glücklosen Karsten Mühlenfeld auf dem Chefsessel des BER – als vierter Chef in sechs Jahren. Seitdem läuft es, auch weil Daldrup sich „systematisch, risikoorientiert und sehr kleinteilig“ mit der Aufgabe beschäftigte, wie er selbst sagt.

Die peinlichsten Pannen am BER
Das Licht geht nicht aus: Damit überraschte der Flughafen 2013. Es gab Probleme mit der Leittechnik, wo nach Umplanungen immer wieder angeflickt wurde. Quelle: dpa
Monitore laufen und laufen: 750 Bildschirme im BER waren jahrelang in Betrieb, zeigten Flugziele und Schalternummern - bis die Monitore schrottreif waren und entsorgt wurden. Quelle: dpa
Die Rolltreppen sind zu kurz: Zwei feste Treppen folgten am Bahnhofsausgang auf die Rolltreppen, sie waren zu kurz bestellt worden. Über den Austausch wurden Flughafen und Bahn lange nicht einig. Quelle: dpa
Der Rauch muss durch den Keller: Bei Feuer geht ein Teil des Rauches durch den Keller nach außen. Das sorgte für Spott, ist wegen des Unterdrucks aber möglich. Die Anlage war über die Jahre aber so groß geraten, dass sie sich nicht mehr steuern ließ. Lösung: Aufteilung und Abluftkamine im Dach. Quelle: REUTERS
Die Türen sind falsch nummeriert: Jeder dritte der 4000 Räume im Terminal trug nach Umplanungen eine falsche Nummer - und war etwa für Rettungsdienste nicht zu finden. 2014 ging die Flughafengesellschaft das Problem an. Quelle: dpa
Im Terminal herrscht Kabelsalat: Mit den Erweiterungen in der Bauphase kamen immer mehr Leitungen auf die Kabeltrassen, was wegen Hitzebildung riskant sein kann. Kabel führten auch durch Kanäle mit Hauptleitungen für Wärme, Kälte und Wasser. Teilweise fehlten Pläne. Quelle: dpa
Vertrauliche Unterlagen im Müll: Ordnerweise Baupläne lagen 2014 in einem Abfallcontainer auf offener Straße in Berlin. Es gab auch Hochstapelei und Schmiergeld-Affären am BER. Quelle: REUTERS

Dass der gelernte Ingenieur etwas vom öffentlichen Bauwesen versteht, ist mit Blick auf seine Karriere klar. Aber zusätzlich brauchte er angesichts der permanenten Presseschelte in den vergangenen Jahren noch „eine gewisse Robustheit“, wie er es in seiner trockenen Diktion ausdrückt. Zwar sei bei ihm die unfaire Behandlung in der Öffentlichkeit „mit dem Gehalt abgegolten“, so Daldrup. „Aber für mein Team, das diese Baukatastrophe in Ordnung bringen musste, war es nicht schön, alle paar Tage in den Medien zu lesen, man sei unfähig“. Und dann kann sich der Airport-Chef zum guten Schluss einen Seitenhieb auf die vielen am BER gescheiterten Politiker und Großmanager doch nicht verkneifen. „Mit einer Überfliegermentalität“, so Daldrup süffisant, „kommt man hier nicht zum Erfolg“.

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