Fachkräftemangel: Der fehlende Abi-Jahrgang, den keiner vermisst
Kommendes Schuljahr bleiben in Bayern die meisten Abi-Prüfungssäle leer: 2025 wird es im Freistaat keinen regulären Abiturjahrgang geben.
Foto: dpa Picture-AllianceEs ist nicht einfach mit den Auszubildenden derzeit, das erzählt nicht nur Alexander Tauscher von der Handwerkskammer (HWK) München und Oberbayern. Das Lamento seiner Mitgliedsunternehmen ist lang: Immer mehr unterschrieben mehrere Verträge und sagten keinem ab. Fast die Hälfte erscheine zumindest zeitweise nicht zur Arbeit. Die Zahl der Abbrecher steige.
Dennoch werden Auszubildende umworben wie selten zuvor. Sie sind ein knappes Gut in Zeiten kleiner werdender Jahrgänge und größer werdender Lücken bei den Fachkräften. Und das Gut wird in den kommenden Jahren noch knapper, Bundesland für Bundesland, aktuell in Bayern.
Grund ist die Umstellung der Gymnasien von acht auf neun Jahre. Nachdem einige Jahre lang das G8 en vogue war, kehren immer mehr Bundesländer zum neunjährigen Abitur zurück. Den Anfang gemacht hat Niedersachsen, in den nächsten Jahren folgen weitere Bundesländer, unter ihnen das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen.
Bayern fehlt der Abi-Jahrgang
Kollateralschaden: Zwischen dem letzten G8- und dem ersten G9-Jahrgang liegt ein komplettes Jahr ohne Abiturklasse. In Bayern ist es am Ende des dieser Tage beginnenden Schuljahres 2024/2025 so weit.
Für Ausbildungsbetriebe und Universitäten heißt das, dass sie auf zehntausende Nachwuchskräfte verzichten müssen. Voriges Schuljahr machten in Bayern 33.300 Schülerinnen und Schüler Abitur. Kommendes Jahr werden es nach Schätzungen des bayerischen Unterrichtsministeriums etwa 5000 sein, vornehmlich Absolventen der sogenannten Mittelstufe plus, Wechsler von der Realschule, Sitzenbleiber und Überspringer. Bleibt eine Lücke von 28.000 Abiturienten.
„Der fehlende Abiturjahrgang trifft die Ausbildungsunternehmen zur Unzeit, da viele bereits seit Jahren immer mehr Probleme haben, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen“, sagt Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK). Jede fünfte angebotene Lehrstelle blieb zuletzt unbesetzt. Und die Renten-Welle bei den Babyboomern setze die Betriebe zusätzlich unter Druck.
„Es ist jetzt schon vorherzusehen, dass die zuletzt rund 9000 Abiturienten, die in Bayern eine Ausbildung begonnen haben, im kommenden Jahr einfach fehlen werden und auch nicht durch andere Potenziale ersetzt werden können“, moniert Schöffmann. „Es ist bereits alles ausgeschöpft.“
Bei den Mitgliedsunternehmen des BIHK wird im Schnitt jeder fünfte Ausbildungsplatz durch einen Abiturienten besetzt. Bei den Handwerksbetrieben der HKW ist es nur etwa jeder zehnte, da fallen die fehlenden Abiturienten weniger ins Gewicht.
Roche hat schon fast alle Plätze besetzt
Selbst die Mitgliedsunternehmen der BIHK geben sich bemerkenswert entspannt. Der Pharmariese Roche etwa betreibt in Penzberg, südlich von München, ein großes Ausbildungszentrum. Hier werden Kaufleute ausgebildet, vor allem aber auch Chemikanten sowie Chemie- und Biologielaboranten. Jobs, bei denen die Abiturientenquote mit einem Drittel deutlich über dem Branchenschnitt liegt.
Dennoch fürchtet Roche keine Lücke, im Gegenteil: Die Ausbildungsplätze sind fast alle schon vergeben. Für kommendes Jahr September, wohlbemerkt. „Wir haben schon dieses Jahr mehr Abiturienten in die Ausbildung genommen, weil wir wussten, dass ein Jahrgang fehlen würde“, berichtet Johannes Ritter, Kommunikationsverantwortlicher für das Roche-Ausbildungszentrum.
Lesen Sie auch: „Es wird ein Fachkräftemangel beklagt, den es gar nicht gibt“
Ein ähnliches Bild bietet sich bei Wacker Chemie, das im malerischen Burghausen an der österreichischen Grenze sein Ausbildungszentrum betreibt und sogar in 14 Berufen ausbildet. „Der fehlende Abi-Jahrgang in Bayern geht natürlich auch an Wacker nicht vorbei“, sagt Wacker-Personalchef Maximilian Peter. „Doch wir sind vorbereitet.“
So sei etwa bereits im Vorjahr die Zahl der dualen Studienplätze angepasst worden. Ohnehin kommen bei Wacker viele Bewerber gar nicht aus Bayern, sondern aus anderen Bundesländern oder dem benachbarten Österreich. Das verringert den Druck.
Auch der Münchner Buchhändler Hugendubel, der überdurchschnittlich viele Abiturienten unter seinen Auszubildenden zählt, hat keine Angst vor dem fehlenden Jahrgang: Es gebe stets weit mehr Bewerberinnen als Plätze, sagt eine Sprecherin.
Der Fachkräftemangel ist real – aber anderswo
Dass die Unternehmen so entspannt sind, liegt auch an der inneren Struktur des Fachkräftemangels. So schlug die bundesweite DIHK zwar unlängst Alarm, dass jedes zweite Unternehmen nicht alle Ausbildungsplätze besetzen könne.
Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass es große Unterschiede nach Branchen gibt. Am schwierigsten sei die Besetzung von Ausbildungsplätzen in der Industrie, im Gastgewerbe, im Handel, in der Verkehrsbranche und im Baugewerbe. Mithin Branchen, die der fehlende Abiturjahrgang kaum trifft, weil sie ohnehin wenig Abiturienten beschäftigen. Zudem haben vor allem kleine Unternehmen zu kämpfen, deren Azubis nicht extra aus der ganzen Republik anreisen, nicht die Roches und Wackers der Republik.
Lesen Sie auch: Diese Karten zeigen, wo wirklich Fachkräftemangel herrscht
Was aber ist mit dem Ort, der fast nur Abiturienten beherbergt: den Universitäten?
„Unsere Hochschulen werden auch dann sehr gut nachgefragt sein“
Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume weiß natürlich schon lange, was auf ihn zukommt. „Auf die Sondersituation des Abiturs 2025 sind wir bestens vorbereitet“, sagt er. In der großen Kreuztabelle der Kultusministerkonferenz, die die erwarteten Studienanfänger nach Bundesländern und Jahren aufschlüsselt, steht schon seit Jahren, dass Bayern im Herbst 2025 nur knapp 55.000 neue Studierende erwartet. Das sind knapp 13.000 weniger als in den Vorjahren, aber es ist immer noch der dritthöchste Wert in Deutschland. „Unsere Hochschulen werden auch dann sehr gut nachgefragt sein“, freut sich Blume.
Studieren in Bayern boomt, während andere Bundesländer seit Jahren Studenten verlieren. Der Freistaat kann es sich leisten, kurzzeitig etwas weniger Neustudenten aufzunehmen, sie fallen in der Gesamtschau kaum ins Gewicht. Auch finanziell gebe es keine Einbußen, versichert Blume.
Es scheint fast, als würde niemand den fehlenden Abiturjahrgang vermissen. Schon gar nicht Tauschers Mitgliedsunternehmen bei der Handwerkskammer, trotz der geringen Abiturientenquote im Handwerk. Die meisten Betriebe nähmen ohnehin am liebsten Realschulabsolventen, sagt er. Abiturienten seien zu wenig verlässlich, wechselten in ein Studium oder gingen auf Weltreise. Spätestens nach der Ausbildung seien viele wieder weg, statt eine der vielen vakanten Fachkräftestellen zu besetzen.
Lesen Sie auch: Gesucht sind Azubis, doch stattdessen gibt es ein Heer 21-jähriger Bachelor-Absolventen