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Gemeinnützige Organisationen Der Spendenmarkt braucht mehr Transparenz

Spender sollten wissen, ob ihr Geld in guten Händen ist. Allerdings ist das nicht immer leicht zu erkennen. Quelle: IMAGO

Die Zahl der Spender nimmt weiter ab. Da es keine offiziellen Kontrollen gibt, können NGOs ihre Arbeitsweise theoretisch verschleiern. Selbst der Dachverband und die Prüfstellen fordern mehr verpflichtende Transparenz.

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Immer weniger Menschen spenden Geld an gemeinnützige Organisationen. Im Vergleich zu 2018 waren es rund 800.000 Menschen weniger, seit 2005 hat sich die Zahl der Spender nahezu halbiert. Das geht aus einer aktuellen Erhebung des Deutschen Spendenrats, dem Dachverband Spenden sammelnder gemeinnütziger Organisationen hervor. Der Geschäftsführer Max Mälzer sieht dafür mehrere Gründe: „Hilfe für Bedürftige wird zunehmend als Aufgabe des Staates angesehen. Viele Spender sind aber auch von der mangelnden Transparenz bei gemeinnützigen Organisationen verunsichert“. Denn wer Geld für einen guten Zweck geben möchte, kann nicht immer erkennen, welche Anlaufstellen vertrauenswürdig sind.  

Keine offiziellen Maßstäbe für Vertrauenswürdigkeit

Eine staatliche Kontrolle, was mit den Spendengeldern passiert, gibt es nicht. Laut Mälzer erfolgt zwar eine „rudimentäre Prüfung“ durch das Finanzamt, jedoch werde dabei lediglich die steuerrechtliche Gemeinnützigkeit begutachtet, also ob die Organisationen ihr Geld zweckgerichtet einsetzen. Für Spender ist das keine Hilfe. Denn dabei wird nicht geprüft, wie vertrauenswürdig eine Organisation ist. Zudem dürfen die Finanzbehörden der Öffentlichkeit keine Auskunft darüber geben, ob eine NGO gemeinnützig ist. Für den Geschäftsführer des Spendenrats reicht das nicht aus: „Die Möglichkeit intransparent am Markt zu sein besteht eindeutig“, bemängelt er die Unübersichtlichkeit der Spendenbranche.

Die Anzahl der in Deutschland aktiven gemeinnützigen Organisationen ist geradezu erdrückend. Rund 630.000 Zusammenschlüsse werben um die Gunst potentieller Spender. Doch nicht für alle gelten die gleichen Regeln. Während als GmbH eingetragene Zusammenschlüsse strengen Vorschriften unterliegen, haben besonders eingetragene Vereine, zu denen die meisten der Organisationen zählen, nur geringe Rechnungslegungsvorschriften und müssen kaum Einsicht in ihre Tätigkeiten geben.

Eine Bescheinigung für grundlegende Transparenz vergibt die Initiative Transparente Zivilgesellschaft (ITZ). 1266 Organisationen haben sich der Selbstverpflichtungserklärung bisher angeschlossen. Um sich mit dem ITZ-Logo schmücken zu können, müssen sie zehn wesentliche Informationen veröffentlichen. Dazu zählen unter anderem Tätigkeitsberichte, Angaben zur Mittelverwendung sowie Name und Funktion wesentlicher Entscheidungsträger. Damit auch kleine Organisationen die Ansprüche der Initiative erfüllen können, sind sie bewusst gering gehalten. Deshalb garantiert das ITZ-Logo auch weder den sparsamen Umgang noch eine verantwortungsvolle Verwendung der Spenden. Zudem prüft die Initiative nicht, ob die Angaben der NGOs richtig sind, sondern lediglich ihre Vollständigkeit.

Deshalb sollen verschiedene Gütesiegel und Zertifikate Spendern dabei helfen, vertrauenswürdige Organisationen zu erkennen. Zum Trägerkreis der ITZ gehören auch die Herausgeber der drei relevanten Kennzeichnungen für den deutschen Spendenmarkt. Neben dem Deutschen Spendenrat sind das das mehrheitlich staatlich getragene Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) und das Analyse- und Beratungshaus Phineo. Obwohl jede Einrichtung eine eigenständige und seriöse Orientierungshilfe bietet, verfolgen sie verschiedene Ansätze und vergeben ihre Auszeichnungen nach unterschiedlichen Kriterien.

Die verschiedenen Auszeichnungen für Seriosität

Ein Ziel, drei Auszeichnungen, viele Unterschiede 

So prüft der Deutsche Spendenrat bei der Vergabe seines Zertifikats vor allem die Transparenz des Datenschutzes und der Rechnungslegung. Wer damit ausgezeichnet werden möchte, muss zunächst einige abgeschwächte Prüfungskriterien erfüllen, um in den Verband aufgenommen zu werden.

Auch das Siegel des deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) prüft jährlich die Rechnungslegung der Organisationen. Obwohl dabei ähnliche Schwerpunkte wie beim Spendenrat gesetzt werden, stellt das Siegel andere Anforderungen an die Anwärter. Beim DZI gibt es etwa eine konkrete Beschränkung der Werbe- und Verwaltungskosten auf maximal 30 Prozent. Eine Richtlinie definiert, was unter diesen Kostenpunkt fällt.

Beim Spendenrat wird im Einzelfall geprüft, ob die Ausgaben für Werbung und Verwaltung angemessen sind. Geschäftsführer Mälzer hält eine Obergrenze von 30 Prozent für problematisch: „Durch die unterschiedliche Ausrichtung der Organisationen sind ihre Ausgaben nicht vergleichbar. Sammelt man als Verein Spenden für andere gemeinnützige Einrichtungen, werden die Verwaltungskosten immer niedriger sein, als beispielsweise bei Fundraising mit Kleingelddosen auf Ladentheken“. So könnten die Werbe- und Verwaltungskosten auch ohne unangemessenes Wirtschaften gegebenenfalls die 30-Prozent-Marke übersteigen.

Auch Phineo untersucht bei der Vergabe seines Siegels die Kostenstrukturen der Organisationen, ohne sich auf eine Beschränkung der Werbe- und Verwaltungskosten festzulegen. „Bei der Höhe der Verwaltungskosten ist eine individuelle Betrachtung nötig, die auch die zu leistenden Aufgaben berücksichtigt“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Andreas Rickert.

Burkhard Wilke, der Geschäftsführer und wissenschaftliche Leiter des DZI, vermisst hingegen die Vergleichbarkeit der Ausgaben unter den Organisationen durch die Einzelfallprüfung der anderen Auszeichnungen: „Für die Spender ist es wichtig, dass ein gewisses Maximum nicht überschritten wird. 30 Prozent ist eine auch international bewährte Obergrenze“. Dieses Limit sei vielen Spendern laut Wilke gar zu großzügig.

Doch auch wenn die Spendengelder zweckmäßig verwendet werden, bedeutet das nicht, dass die geförderten Projekte auch etwas bewirken. Deshalb untersucht Phineo neben den Kostenstrukturen vor allem die Wirkung von Spenden. „Neben nackten Zahlen sollten auch Informationen darüber veröffentlicht werden, was Projekte und Organisationen bei ihren Zielgruppen nachhaltig verändern und welche gesellschaftliche Wirkung sie entfalten“, sagt Rickert.

Das DZI untersucht ebenfalls die Wirksamkeit von Spenden, allerdings mit anderem Fokus. Während Phineo einzelne Projekte intensiv analysiert, prüft das DZI die Wirkung aller Projekte einer Organisation. Dafür lässt sich das Institut Wirkungsanalysen von den Organisationen darlegen und nachweisen, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden.

Neben Kostenstrukturen, Transparenz und Wirkung ist vielen Spendern auch die Ethik der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit wichtig. Immer wieder werden potentielle Förderer mit erschreckenden Bildern oder im persönlichen Gespräch emotional unter Druck gesetzt. Deshalb hat das DZI in seinen Siegel-Standards 14 Punkte für angemessene Werbung und Öffentlichkeitsarbeit festgelegt. Die Einhaltung wird vom DZI auch geprüft. Auch die Mitglieder des Spendenrats verpflichten sich selbst zu rücksichtsvoller Öffentlichkeitsarbeit, allerdings sind die Auflagen des DZI detaillierter. Beim Wirkt-Siegel von Phineo wird die Ethik der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit nicht berücksichtigt.

NGOs sollten Informationen nicht zurückhalten dürfen

Insgesamt gibt jede der drei Auszeichnungen Spendern eine verlässliche Auskunft über die geprüften Organisationen. Das DZI-Siegel beinhaltet die weitreichendsten Prüfungskriterien, doch auch die Prüfungen von Spendenrat und Phineo bieten Sicherheit bei der Auswahl der begünstigten NGO. Die verschiedenen Auszeichnungen ergänzen sich durch die unterschiedlichen Ansätze gegenseitig. Eine Schwäche haben die Siegel und Zertifikate jedoch gemein: Sie alle basieren auf Freiwilligkeit. Organisationen können also entscheiden, ob und für welches Siegel sie sich bewerben – somit lassen sich nur seriöse NGOs prüfen, während schwarze Schafe sich den Kontrollen entziehen.

„Im gemeinnützigen Sektor gibt es keine Veröffentlichungspflichten, dennoch sollten Spender sicher sein können, dass mit ihrem Geld verantwortungsvoll umgegangen wird“, sagt der Phineo-Vorsitzende Rickert. „Deshalb fordern wir mehr verbindliche Transparenz“.  Unter anderem sollte öffentlich sein, welche Ziele eine Organisation verfolge, woher ihre Mittel stammen und wohin sie fließen, sagt Rickert.

Sylvia Schwab, stellvertretende Geschäftsführerin von Transparency Deutschland, hat konkrete Vorstellungen, wie eine einheitliche Kontrolle der gemeinnützigen Organisationen aussehen sollte und fordert gar „gesetzlich vorgeschriebene Veröffentlichungspflichten für gemeinnützige Organisationen“. Diese sollten „mindestens“ den Anforderungen der ITZ entsprechen. Zudem verlangt sie ein bundesweites, elektronisches und kostenlos einsehbares Vereinsregister und dass Finanzämter Auskunft über die Gemeinnützigkeit von Organisationen erteilen dürfen. Auch Spendenrats-Chef Mälzer hält „eine Veröffentlichungspflicht nach den ITZ-Kriterien für sehr sinnvoll“. Damit sei trotz der niedrigen Anforderungen ein erheblicher Schritt getan.

Der DZI hält sich mit der Forderung nach einer Veröffentlichungspflicht zurück. Die Maßnahme sei zwar sinnvoll, könnte aber als Symbol für Seriosität missverstanden werden. Um zu zeigen, welche NGOs vertrauenswürdig sind, seien qualifiziertere Informationen notwendig, sagt Geschäftsführer Wilke.

Die Vertrauenswürdigkeit einer Organisation kann mit einer Veröffentlichungspflicht nicht garantiert werden, dennoch ist mehr Transparenz im Spendenmarkt dringend notwendig. Gemeinnützige Vereinigungen sollten kein Problem damit haben, grundlegende Informationen wie ihre Ziele oder Herkunft und Verwendung der Spendengelder bereitzustellen. Die Einführung dieses Minimal-Standards wäre somit im Sinne aller Beteiligten.

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