Ifo-Geschäftsklimaindex: „Die Durststrecke der deutschen Wirtschaft verlängert sich“
Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts.
Foto: dpaDie Aussichten für die deutsche Wirtschaft trüben sich weiter ein. So hat sich die Stimmung in den Chefetagen hierzulande im August einmal mehr verschlechtert, wie das Ifo-Institut am Freitag in München mitteilte. Das Ifo-Geschäftsklima fiel zum Vormonat um 1,7 Punkte auf 85,7 Zähler. Es ist der vierte Rückgang in Folge und der tiefste Stand seit Oktober 2022. Bereits nach drei Rückgängen des Ifo-Index in Folge sprechen Ökonomen von einem konjunkturellen Wendepunkt hin zu einer Konjunkturschwäche.
Analysten hatten für August einen Rückgang beim wichtigsten deutschen Konjunkturbarometer erwartet und waren von einem Indexstand von 86,8 Punkten ausgegangen. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Fachleute hatten nur mit einem Rückgang auf 86,7 Punkte gerechnet.
„Die Durststrecke der deutschen Wirtschaft verlängert sich“, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest das Ergebnis der Umfrage unter etwa 9000 Unternehmen. Die aktuelle Lage wurde deutlich schlechter bewertet, die künftigen Geschäftsaussichten fielen ebenfalls schwächer aus. Das Geschäftsklima trübte sich in allen betrachteten Bereichen ein, und im Bauhauptgewerbe setzte der Indikator seine Talfahrt fort. Besonders in der Baubranche greife der Pessimismus immer mehr um sich.
Die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage fiel sogar auf den niedrigsten Stand seit August 2020, als Deutschland konjunkturell schwer mit der Corona-Krise zu kämpfen hatte. „Der deutsche Konjunkturmotor stottert weiter stark“, sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe im Reuters-Interview. Vor allem Industriebetriebe klagten über immer weniger Neuaufträge. Bei einem Blick auf die Kernbranchen Maschinenbau, Chemie und Automobilindustrie sei nirgendwo ein Lichtblick zu sehen.
Mit Blick auf die Angebotsseite entspanne sich zwar die Situation zunehmend, sagte Wohlrabe. „Der Materialmangel hat weiter abgenommen.“ Aber vor allem fehlendes Neugeschäft habe zum Stimmungsabschwung geführt. „Die Unternehmen beklagen mehr und mehr, dass sie immer weniger Aufträge bekommen.“ Das sei einer der Hauptgründe für die schlechte Stimmung. Inzwischen sei dies auch vermehrt im Dienstleistungssektor zu sehen.
Die Exporterwartungen sind Wohlrabe zufolge weiter gefallen. „Die Geldpolitik entfaltet weltweit ihre dämpfende Wirkung,“ erläuterte der Ifo-Experte. Dies spüre auch die deutsche Exportwirtschaft. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Zinsen im Kampf gegen die Inflation seit Sommer 2022 bereits neun Mal in Folge angehoben.
Experten blicken pessimistisch auf die Wirtschaft
Auch andere Fachleute äußerten sich pessimistisch über die Aussichten für die deutsche Wirtschaft. Der Ifo-Index sende ein recht klares Rezessionssignal, kommentierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Ich erwarte für das zweite Halbjahr mehr denn je ein Schrumpfen der deutschen Wirtschaft.“
„Der vierte Rückgang in Folge ist Ausdruck einer sich verfestigenden Negativstimmung“, urteilte Analyst Elmar Völker von der LBBW. Nicht nur die Lage habe sich spürbar verschlechtert, sondern auch die ohnehin bereits düsteren Erwartungen seien „noch ein Stück schwärzer“ geworden. „Immer mehr spricht dafür, dass die Stagnation der Wirtschaftsleistung vom Frühjahr nur eine Atempause vor dem Rückfall in die Rezession gewesen ist.“
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Per saldo stünden die Zeichen auf konjunkturelle Flaute, schrieb Analyst Ralf Umlauf von der Landesbank Hessen-Thüringen. Nach den Worten von Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, wird die deutsche Konjunktur nach unten durchgereicht. „Die eher temporären Belastungen der Nachfrage durch Inflation und Zinsanstieg treffen auf strukturelle Probleme des Unternehmensstandorts Deutschland wie zu viel Bürokratie oder hohe Energiepreise.“
Aus Sicht von Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank, werden Hoffnungen auf eine wirtschaftliche Besserung weiter in die Zukunft verschoben. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt Union Investment, verwies auf einen Silberstreifen am Horizont. „Die Erwartungen der Industrie weisen erste Stabilisierungstendenzen auf. Gut möglich also, dass das Tal der Tränen für das Konjunkturbarometer demnächst durchschritten ist.“
Die Wirtschaft war Ende 2022 und Anfang 2023 jeweils geschrumpft und hatte im Frühjahr nur stagniert. Die Bundesbank geht davon aus, dass die Konjunktur auch im laufenden Sommerquartal auf der Stelle treten dürfte. Viele Fachleute erwarten sogar für das Gesamtjahr 2023 einen Rückgang des BIP, die Förderbank KfW etwa rechnet mit minus 0,4 Prozent. Zuletzt verschärften Daten zum Einkaufsmanagerindex die Sorge, dass die maue Lage der Industrie noch stärker auf die Dienstleister übergreifen könnte.
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