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  4. Kirchenaustritt: Selber Gutes tun mit der gesparten Steuer

Werner knallhartMit der gesparten Kirchensteuer können Sie selbst Gutes tun

Wer aus der Kirche austritt, erleichtert damit oft sein Gewissen. Ein Nebeneffekt: die Steuerersparnis von rund 850 Euro pro Jahr. Mal so eine Idee: Das Geld könnte für den guten Zweck eingesetzt werden. Eine Kolumne.KOMMENTAR von Marcus Werner 16.04.2025 - 18:28 Uhr
Die Zahl der Kirchenaustritte ist seit Jahren hoch. Foto: Imago Images

Wenn es um die Kirchenaustritte geht, fällt in Deutschland meist das Wort „scharenweise“. Und ja, die Katholiken und Protestanten sind hierzulande mittlerweile eine Minderheit. Und keine Sorge vor dem Untergang des Abendlandes: Muslime gibt es noch viel, viel weniger. Deutschland wird mehr und mehr konfessionsfrei glücklich. Viele würden wohl sagen: moderner.

Viele Leute stellen sich da nämlich wohl Fragen wie:

1. Würde ich in einem Schwimmverein Mitglied bleiben, in dem die Schwimmtrainer in den vergangenen Jahrzehnten Kindern und Jugendlichen reihenweise sexuelle Gewalt angetan haben, wenn sich die Vereinsführung seit Jahren einfach nicht dazu durchringen kann, konsequent komplett aufzuklären und die Opfer zu entschädigen?

2. Würde ich im Fitnessstudio Mitglied bleiben, wenn ich jährlich nur einmal an Ostern und einmal an Weihnachten hinginge?

Werner Knallhart

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Kommentar von Marcus Werner

Und dann treten sie aus der Kirche aus. Oder sie wollen einfach nur Kirchensteuern sparen. Auch legitim. Das Gute ist ja: Selbst wer an einen Gott glaubt, braucht dafür nicht unbedingt eine Institution, ernannt und geführt von lauter fehlbaren Sündern – nämlich Menschen – die einem dafür Geld abknöpfen. Die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft verlieren wir durch einen Kirchenaustritt nicht. Taufe ist Taufe. Sagt etwa die evangelische Kirche selber.

Sicher, mit der Kirchensteuer werden sozial hilfreiche Dinge finanziert. Aber wissen Sie eigentlich was genau? Ich habe mal recherchiert und gerechnet:

Bei einem durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommen von rund 54.000 Euro brutto jährlich zahlen wir je nach Bundesland gut 800 bis 900 Euro Kirchensteuer pro Jahr.

Die württembergische Landeskirche hat grob aufgelistet, was aus diesem unserem schönen Geld wird. Sehen Sie selbst – und setzen Sie sich besser:

Von 100 Euro unserer Kirchensteuer

-   fließen allein 36 Euro in Gottesdienste und etwa Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen

-   mit 8 Euro fließt genauso viel in den Gebäudeunterhalt (Kirchen, Gemeinde- und Pfarrhäuser) wie in die Jugend- und Familienarbeit. Die Immobilien verschlingen also den gleichen Betrag wie die Arbeit mit unserem Nachwuchs und deren Eltern.

-   12 Euro fließen in religiöse Bildung, also Religionsunterricht durch kirchliche Lehrkräfte bis hin zur Diakonenausbildung.

-   4 Euro gehen weg für Kirchenmusik, Orchester und Konzerte.

-   12 Euro gehen allein für die Verwaltung der Landeskirche drauf.

-   3 Euro zahlt die Kirche für den – ehrlich gesagt absonderlichen – Zustand, dass der Staat für sie die Steuern eintreibt.

Unterm Strich fließen von 100 Euro also 75 Euro in – ich sage es in eigenen Worten – Feierlichkeiten, eigene Zukunftssicherung, Gebäude und Verwaltung. Dreiviertel der ganzen Kirchensteuern. Bleiben 25 Euro.

Die Landeskirche nennt dafür die weiteren Posten:

Nicht einmal neun Euro für die Ärmsten der Armen

-   Die Bezuschussung etwa finanzschwacher Kirchen in der Welt irgendwie zusammengezählt mit den Zahlungen an Brot für die Welt und die Katastrophenhilfe macht gerade einmal 9 Euro (ich wiederhole: neun Euro) aus. Also 9 Prozent. Und ein Teil von diesem Posten geht auch an Missionswerke (also sozusagen wieder ins ureigene Anliegen). Dies als Knaller-Info an alle, die wie ich beim Gedanken an die Wohltätigkeit der Kirchen als erstes die Hilfe für die Armen der Ärmsten vor Augen hatten. Nein, für die großen Summen gibt es dann die Spendenaktionen nach Erdbeben und vor Weihnachten.

Es kommt aber noch knapper:

-   Für die Diakonie zusammengerechnet mit Aufgaben für den gesellschaftlichen Zusammenhalt (z. B. Sozialkaufhäuser, Flüchtlingsarbeit, Evangelischer Kirchentag) bleiben gerade mal sechs Euro übrig (und wie gesagt: ein Teil davon fließt wieder intern in den Kirchentag). Den Rest des Benötigten stemmen wir on top. Als Steuerzahler und Spender.

-   Für die Lebensbegleitung in Notsituationen wie Krankenhaus-, Polizei-, Notfall- und Telefonseelsorge haut die Kirche raus: 2 Euro.

Ja, das kann man alles unkritisch sehen. Sogar für richtig. In den Kirchen arbeiten viele engagierte Menschen, die es gut mit ihren Mitmenschen meinen. Viele schuften ehrenamtlich. Und ja, Verwaltung muss sein und in einer Kirche fließt nun einmal mehr Geld in die christliche Glaubenspflege als bei der freiwilligen Feuerwehr.

Ich hielte allerdings niemanden für gottverlassen, der beim Wissen ob dieses Verteilschlüssels auf die Idee kommt zu sagen: „Och, du, weißte was? Meine 900 Euro für den guten Zweck verteile ich künftig lieber selber.“

Ja, es steht jedem frei, dieses Geld dann an diverse Strandbars auf Mallorca zu verteilen.

Aber wem es mit dem Gedanken der Nächstenliebe ernst ist, könnte statt seiner rund 18 Euro für die Notfallbetreuung jährlich ja auch 180 Euro dafür spenden (und mit Spendenquittung von der Steuer absetzen). Ganz ohne Abflüsse für die Beheizung gigantischer Kathedralen.

Oder 500 Euro an die Freiwillige Feuerwehr spenden ohne Nebenkosten für Konfirmationsunterricht.

Oder 300 Euro für Farbe zur Renovierung der Schultoiletten an der Grundschule der eigenen Tochter ohne Subventionierung von Kirchenmusik.

Oder 200 Euro fürs Sozialkaufhaus in der Nachbarschaft ohne Verwaltungskosten für die Landeskirche.

Oder warum nicht direkt auch für Brot für die Welt? Dort, wo Kirche den Menschen ihren schlagkräftigen Dienst an der Gesellschaft leistet, verdient sie Unterstützung wie alle anderen Helfenden in konfessionsfreien Einrichtungen auch.

Ein Kirchenaustritt kostet bis zu 35 Euro. Wegen des staatlichen Verwaltungsaufwands bei Amtsgericht, Standesamt oder Bürgeramt. Allein in Bremen treten die Bürger direkt bei der Kirche aus. Kostenpunkt: 0 Euro. Ausgerechnet. Da sehen Sie mal: Da ist einem offensichtlich niemand böse.

Selbst der Gottesdienstbesuch sei noch erlaubt. Nicht nur in Bremen. Ostern und Weihnachten inklusive. Also, für eiskalte Rechner, die es auf ihre Weise gut mit ihren Mitmenschen meinen, ist das ein No-Brainer.

Für Einzelbesuche gibt es ja den Opferstock und den Klingelbeutel. Fair ist fair. Pay per visit statt lebenslanges Abo. Jeder, wie er möchte. Ist das die Zukunft?

Den Autor erreichen Sie über LinkedIn.

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