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Neue StudieFrauen haben Angst vor dem Rabenmutter-Image

Wissenschaftler untersuchen den Geburtenmangel in Deutschland. Frauen wünschen sich ein besseres Betreuungsangebot für Kinder.Cornelia Schmergal 17.12.2012 - 13:44 Uhr

Weil sie fürchten, sich nicht gut um ein Kind kümmern zu können, bleiben viele Frauen kinderlos

Foto: dpa

Dass Konrad Adenauer irrte, wissen wir seit dem Pillenknick. Kinder kriegen die Leute eben nicht immer - schon gar nicht, wenn sie in Deutschland wohnen. Statistisch betrachtet bringt jede Frau nur 1,39 Kinder zur Welt, dieser krud-krumme Wert gehört längst zur Allgemeinbildung. In nur zehn europäischen Ländern dümpelt die Geburtenziffer noch etwas weiter unten herum.

Alles schon mal gehört, alles nicht neu. Warum hierzulande aber nur so wenige Babys zur Welt kommen, hat jetzt die Bundesregierung untersuchen lassen. Dabei wagte sie ein interessantes Experiment: Erstmals sollten Wissenschaftler dabei auch die Gemütslage der Deutschen ergründen.

Die wichtigsten Antworten zum Betreuungsgeld
Das Betreuungsgeld soll zum 1. August 2013 starten, zeitgleich zum Inkrafttreten des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz für unter dreijährige Kinder.
Im ersten Jahr soll es 100 Euro und vom 1. August 2014 an 150 Euro im Monat betragen.
Das Geld kann für Kinder beantragt werden, die nach dem 31. Juli 2012 geboren wurden. Ausgezahlt wird es an Eltern, die ihre ein- und zweijährigen Kinder zu Hause erziehen und somit nicht vom Kita-Ausbau profitieren. Auch Berufstätige sollen das Geld beziehen können, wenn sie für ihr Kind keine öffentlich geförderte Betreuung oder eine kommunal bezuschusste Tagesmutter in Anspruch nehmen. Bezieher von Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe profitieren nicht, da das Betreuungsgeld hier angerechnet wird. Das Betreuungsgeld wird nicht parallel zum 14-monatigen Elterngeld ausgezahlt. Es ist daher auf 22 Monate begrenzt.
Die Kosten werden für 2013 mit 55 Millionen statt ursprünglich 300 Millionen und für 2014 mit 680 Millionen Euro statt der bisher veranschlagten 1,2 Milliarden Euro beziffert.
Kritiker bemängeln, dass gerade diejenigen Kinder vom Besuch einer Kita abgehalten werden könnten, die eine frühkindliche Bildung besonders nötig hätten. Zudem würden Frauen dazu angehalten, eine Berufstätigkeit zurückzustellen. Beim Betreuungsgeld handele es sich daher um eine "Fernhalteprämie". Auch als "Herdprämie" für Mütter wird die Leistung verspottet. Weiter führen Gegner an, das Geld könne für den Ausbau von Krippenplätzen sinnvoller eingesetzt werden. Die Befürworter halten entgegen, erst mit dem Betreuungsgeld werde für Eltern echte Wahlfreiheit geschaffen, sich für ein Familienmodell zu entscheiden.
Durch ein weiteres geplantes Gesetz sollen Eltern die Möglichkeit erhalten, anstelle einer Barauszahlung das Betreuungsgeld auch für ihre private Altersvorsorge oder zum Bildungssparen für ihr Kind zu nutzen. Eltern, die sich für eine dieser beiden Varianten entscheiden, sollen zusätzlich einen Bonus von 15 Euro pro Monat erhalten. Allerdings müssen zu diesen Wahlmöglichkeiten noch zentrale Details geklärt werden.

In einem Bericht, aus dem die "Süddeutsche Zeitung" zitiert, kommt das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung nun zu dem bitteren Ergebnis, dass das Kinderkriegen schlicht immer "unattraktiver" werde. Nicht die Finanzen sind damit gemeint, sondern das Lebensgefühl: Frauen hätten verstärkt die Sorge, sie könnten Beruf und Elternschaft nicht vereinbaren.

Angst vor dem "Rabenmutter-Klischee"

Und das hat auch mit falsch verstandenem Perfektionismus zu tun: Das kulturelle Leitbild der "guten Mutter", die sich zu Hause für ihre Kinder aufopfere, sei vor allem in den alten Bundesländern noch sehr stark verbreitet. Erwerbstätigkeit mit kleinen Kindern werde gesellschaftlich nicht toleriert. Berufstätige Frauen würden sich im Zweifel eher gegen ein Kind entscheiden. Aus Angst, das deutsche "Rabenmutter-Klischee" zu erfüllen. Aus Sorge, einem Kind nicht gerecht zu werden, wenn sie ihren Beruf nach der Geburt nicht aufgeben wollen. Nirgendwo auf der Welt gibt es mehr kinderlose Frauen als in Deutschland. Vor allem unter Akademikerinnen ist diese Quote hoch.

Platz 10: Schweden

Fast jeder Fünfte in Schweden (19 Prozent) ist über 64 Jahre alt. Jugendliche und Kinder unter 15 Jahre machen nur 17 Prozent der Bevölkerung aus. Dafür werden in Schweden mehr Kinder geboren als etwa in Österreich - nämlich zwölf pro 1000 Einwohner. An dem hohen Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung ändert das derzeit allerdings nichts. Schweden landet daher auf Platz 10 der ältesten Länder.

Quelle: Stiftung Weltbevölkerung

Foto: dapd

Platz 9: Portugal

Neun Babys pro 1000 Einwohner kommen im südeuropäischen Portugal auf die Welt. Die Zahl der Portugiesen über 64 Jahre entspricht mit 19 Prozent der Zahl in Schweden. Der Bevölkerungsanteil der unter-15-Jährigen liegt jedoch nur bei 15 Prozent bei einer Gesamtbevölkerung von 10,5 Millionen.

Foto: REUTERS

8. Lettland

Auch in Lettland liegt der Bevölkerungsanteil an über 64-jährigen im Jahre 2013 bei 19 Prozent. Die unter 15-jährigen kommen zwar nur auf 14 Prozent, jedoch werden 10 Babys pro 1000 Einwohner neugeboren.

Foto: dpa

Platz 7: Griechenland

Auch die griechische Bevölkerung hat 19 Prozent Bürger im Alter von über 64 Jahren. Zwar werden im Schnitt mit neun Geburten pro 1000 Einwohner dort genauso viele Kinder geboren wie in Portugal, aber die Zahl der Griechen unter 15 Jahren beträgt nur 14 Prozent.

Foto: dpa

Platz 6: Finnland

Auch Finnland gehört mit 19 Prozent Einwohnern über 64 Jahre zu den zehn ältesten Ländern der Welt. Als eines der am dünnsten besiedelten Ländern Europas kommen dort auf 1000 Einwohner im Schnitt nur elf Geburten. Finnen unter 15 Jahren machen 16 Prozent der Bevölkerung aus. Das sorgt für eine recht alte Gesamtbevölkerung.

Foto: dapd

Platz 5: Bulgarien

Das einzige Land Osteuropas, das unter den zehn ältesten der Welt vertreten ist, ist Bulgarien. Mit 19 Prozent Menschen über 64 Jahre und nur 14 Prozent Kindern und Jugendlichen unter 15 kann das EU-Mitglied nicht punkten. Auf 1000 Bulgaren kommen derweil nur neun Babys. Damit geht der fünfte Platz der ältesten Länder der Welt an das Land am Schwarzen Meer.

Foto: Reuters

Platz 4: Italien

Auch die Italiener sind ein alterndes Volk: 21 Prozent von ihnen sind älter als 64, lediglich 14 Prozent jünger als 15 Jahre. Bei den Geburten sind sie ebenfalls nicht gut dabei: Neun Geburten kommen auf 1000 Einwohner. Damit ist Italien das viertälteste Land der Welt.

Foto: dapd

Platz 3: Deutschland

Das drittälteste Land der Welt: In der Bundesrepublik sind mittlerweile 21 Prozent der Bevölkerung über 64 Jahre. Die junge Generation kann da mit 13 Prozent unter 15 Jahren nicht mithalten und mit einem baldigen Babyboom können die Deutschen bei einem Negativrekord von gerade einmal acht Babys pro 1000 Einwohner garantiert nicht rechnen.

Foto: dpa

Platz 2: Monaco

Bei der letzten Erhebung lag Monaco noch auf dem ersten Platz und war das älteste Land der Welt. Mit lediglich sechs Geburten pro Einwohner weist Monaco die geringste Zahl an Geburten auf. Die Zahl der über 64-jährigen liegt bei 24 Prozent. Älter ist derzeit nur noch...

Foto: dpa

Platz 1: Japan

In Japan werden zwar mehr Kinder geboren - immerhin acht Geburten pro 1000 Einwohner - aber dafür sind die Menschen über 64 Jahren mit 25 Prozent eine noch größere Gruppe in der japanischen Gesellschaft. Daneben erscheinen die 13 Prozent der unter-15-Jährigen mehr als gering.

Japan ist aktuell das älteste Land der Welt.

Foto: REUTERS

Mal abgesehen davon, dass es vor allem eine hochpersönliche Lebensfrage ist, ob Frauen (und Männer) sich für oder gegen eine Familie entscheiden. Vielleicht kommt der eine oder andere in der Bundesregierung nach der Lektüre des Berichtes doch noch einmal ins Grübeln. Ob zum Beispiel das Betreuungsgeld, das am Freitag erst die Länderkammer passiert hat, wirklich eine so gute Idee ist. Oder ob die ein bis zwei Milliarden Euro jährlich nicht klüger in mehr und bessere Möglichkeiten zur Kinderbetreuung angelegt wären. Das schlagen zumindest internationale Experten vor.

Auch die OECD hat gerade einen großen Bericht vorgelegt, es geht darin um die Gleichstellung von Frauen und Männern. Vor allem das Betreuungsgeld kritisiert die Organisation darin heftig: In Deutschland werde zwar mit 2,8-Prozent des Bruttoinlandsproduktes (im OECD-Schnitt: nur 2,2 Prozent) viel Geld für Familien ausgegeben.

Trotzdem fehle ein qualitativ hochwertiges und erschwingliches Betreuungsangebot. Außerdem habe Deutschland OECD-weit "das einzige Steuer- und Abgabensystem, in dem es sich für Eltern schulpflichtiger Kinder nicht lohnt, dass beide Elternteile arbeiten". Solange diese Mängel nicht beseitigt würden, werde die Geburtenrate in Deutschland niedrig bleiben.

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