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Parteitag CDU verliert Gesicht - und ihre Wählerschicht

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Die Basis bröckelt

Merkel steht zwischen den Stühlen Quelle: dpa

„Unheimlich viel Potenzial“ hat der CDU-Kenner Helmut Jung vom Hamburger Meinungsforschungsinstitut GMS registriert. „15 bis 20 Prozent wären für eine neue bürgerliche Partei ansprechbar. Das heißt aber nicht, dass sie diese Partei tatsächlich auch wählen.“ Wie stark die Bindungskraft der CDU nachgelassen hat, zeigt ein weiterer Wert. „Zehn Prozent der CDU-Wähler haben uns gesagt, sie könnten sich auch vorstellen, die Piraten zu wählen.“ Sein Kollege Klaus-Peter Schöppner von TNS Emnid hat ähnliche Erkenntnisse. „Das Potenzial für eine konservative Partei, nicht für eine rechtsextreme Partei, liegt bei 20 Prozent.“

Der konservative Flügel murrt

Längst tummeln sich am konservativen Flügel der Union etliche Grüppchen, die der Kern einer Neugründung sein könnten – auch wenn sie es heute noch nicht wollen. Die parteiinterne „Aktion Linkstrend stoppen (ALs)“ möchte die CDU auf alten Kurs zurückführen, vereinigt aber auch Nichtmitglieder. Oft ist es nur eine Handvoll Aktivisten, die ein Heer von Unzufriedenen mobilisieren möchten. 7500 Unterstützer hat die ALs, darunter auch Bundestagsabgeordnete. Aber richtig aktiv sind derzeit nur 20. Beim Parteitag planen sie eine Aktion für christliche Werte: „Vitamin C für eine gesunde Volkspartei.“

Im Brennpunkt steht die Währungskrise. So sammelt die „Zivile Koalition für Deutschland“ Unterschriften gegen Staatsverschuldung, Merkels Euro-Politik und die Rettungseinheitsfront im Parlament. Mehr als 250 000 E-Mails haben sie zusammengebracht. Hans-Olaf Henkel, ehemaliger Präsident des BDI, wirbt dafür, dass der liberale Koalitionspartner weitere Rettungsschirme stoppt. Aber er sagt auch: „Wenn der Mitgliederentscheid in der FDP in die Hose geht, kommt eine neue Partei – und dann bin ich dabei“.

Der rechte Flügel flattert

Das Risiko einer Neugründung kann die CDU bei der sozialdemokratischen Konkurrenz studieren. Das Sprießen der Grünen, die Fusion aus PDS und der Westgründung WASG zur Linkspartei und schließlich das Auftauchen der Piraten haben das Lager links der Mitte zersplittert wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Für die SPD erschwert das die Bildung von regierungsfähigen Mehrheiten erheblich. Dasselbe Schicksal könnte nun auch der CDU drohen.

Früher galt im konservativen Lager ein ehernes Gesetz: Der gute Staatsbürger geht wählen, und er wählt keinen rechtsradikalen, braunen Schmutz. Also blieb nur die Stimme für die Schwarzen, notfalls verbunden mit dem leisen Fluch „Augen zu, CDU“. So kalkulierten auch jahrelang die Strategen im Konrad-Adenauer-Haus um die Vorsitzende Merkel: Man könne beliebig über die Mitte nach links ausgreifen, denn rechts könne nichts verloren gehen.

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