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Peter Wohlleben „In Deutschland gibt es eher Plantagen als Wälder“

Peter Wohlleben wurde mit seinen Bestsellern über den Wald Deutschlands bekanntester Förster. Quelle: Miriam Wohlleben

Den Wäldern geht es schlecht. Massive Trockenheit und Käferbefall haben für deutlich mehr Holzschäden in den deutschen Wäldern gesorgt. Förster Peter Wohlleben kritisiert Politik und Forstwirtschaft.

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WirtschaftsWoche: Herr Wohlleben, große Teile des brasilianischen Regenwaldes stehen in Flammen und erst jetzt reagiert ein Teil der Welt mit medialer Aufmerksamkeit, fürchtet mit dem schrumpfenden Urwald umso heftigere Klimafolgen. Wie schätzen Sie die Brände ein?
Peter Wohlleben: Die Bilder sind natürlich schrecklich. Was wir im Amazonas sehen, hat aber nichts mit dem Klimawandel zu tun. Der Regenwald brennt von Natur aus nicht. Ich gehe davon aus, dass das alles Brandstiftungen sind. Der Platz für den landwirtschaftlichen Anbau von Soja oder Ähnlichem ist knapp und begehrt.

Dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro wird eine Teilschuld daran gegeben. Angesichts der Abholzung des brasilianischen Regenwaldes hatte die Bundesregierung angekündigt, Förderungen für Projekte zum Schutz des Regenwaldes zu unterbrechen. Bolsonaro antwortete: „Nehmen Sie diese Knete und forsten Sie Deutschland wieder auf, ok? Dort ist es viel nötiger als hier.“ Hat er Recht, haben eher die deutschen Wälder Hilfe nötig?
So ungern ich Bolsonaro Recht gebe, in dieser Sache hat er einen Punkt. Brasilien hat noch knapp 70 Prozent Urwald. Im Vergleich dazu stehen in Deutschland so gut wie keine Urwälder mehr. Wir sollten erstmal vor unserer eigenen Haustür für Ordnung sorgen, bevor wir andere verurteilen oder missionieren wollen. Allerdings möchte ich auch betonen: Es ist wichtig, dass wir jetzt die brasilianischen Umweltschützer unterstützen. Brasilien ist nicht nur Bolsonaro.

Die Umweltschutzorganisation BUND warnt vor einem Waldsterben 2.0. Warum geht dem deutschen Wald so schlecht?
Wir müssen uns erstmal die Frage stellen: Ist das, weswegen da gerade das Waldsterben 2.0 ausgerufen wird, überhaupt Wald? Oder ist das eher so etwas wie eine Plantage? Intakte Buchenwälder schaffen ganz gut, den gestiegenen Temperaturen zu trotzen. Wir sehen hier eher ein Problem mit der Forstwirtschaft. Wir haben den Wald eingeteilt in 16 Meter Baumlinien und vier Meter Fahrtwege, das sind mehr Plantagen als Wälder. Dort werden parzellenweise Bäume angepflanzt, die dort gar nicht heimisch sind. Das ist so, als würden wir Robben im Bodensee aussetzen und uns dann wundern, dass es denen dort schlecht geht.

Also ist der Klimawandel gar nicht schuld am Kränkeln der Wälder?
Durch den Klimawandel werden Probleme nur verschärft, die wir immer schon hatten. Dürren und Stürme sind ja keine neuen Naturphänomene. Jetzt haben wir hier aber Wälder, denen es schlecht geht, weil die falschen Bäume gepflanzt wurden. Natürlich halten die Wetter-Extreme nicht so gut aus wie gesunde Wälder.

Kann man dem deutschen Wald noch helfen?
Klima ist gerade ein großes Thema und das ist auch gut so. Die Politik stürzt sich jetzt auf alles, was da reinpasst, somit auch auf den Schutz der deutschen Wälder. Was Politiker aber verstehen müssen, ist, dass man sich Natur nicht bauen kann. Mit Geld können wir höchstens den Klimawandel aufhalten, durch die Investition in innovative Projekte.

Also ist Geld keine Lösung. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) lädt im September zum nationalen Waldgipfel. Was erwarten Sie von der Veranstaltung?
Wenn ich mir das Programm für den Waldgipfel so anschaue, dann ist das eher ein Holzgipfel. Da geht es relativ wenig darum, wie wir den echten Wald zurückbekommen. Klöckner sollte nicht Bundeswaldministerin, sondern Bundesplantagenministerin genannt werden. Mir scheint, als stünden da überwiegend wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Das System ist fokussiert auf Holz und nicht auf Bäume.

Was würden Sie vorschlagen?
Wir brauchen einen Einschlagstopp in Laubwäldern. Dann müssen wir der Natur Zeit geben. Die schafft die Wiederaufforstung ganz alleine, wenn man sie lässt. Was uns nicht hilft, ist blinder Aktionismus. Jetzt wieder die nächsten drei bis vier Baumsorten aus dem Katalog auszusuchen und die nächsten Plantagen anzulegen, funktioniert nicht. Die Natur entscheidet immer am besten, welche Bäume wo wachsen sollten.

Nun schlägt Klöckner gleichzeitig vor, die Wohnungsnot mit dem Bau von Holzhäusern zu bekämpfen. Auch aus der SPD kommen Vorschläge einer Holzbauinitiative zur Rettung des Waldes. Sind diese Vorschläge sinnvoll?
Das ist so, als würde man sagen: „Rettet die Tiere, esst mehr Fleisch!“ Zu glauben, wir tun dem Wald einen Gefallen, indem wir Holz rausholen, widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Was wäre hier los, wenn das jemand im Amazonas forderte?

Also sollten wir auf Holz als Baustoff besser verzichten?
Nein, Holz ist ein toller Rohstoff. Holz schafft eine Verbindung zwischen Mensch und Natur. Außerdem ist Holz super zu verarbeiten. Aus der Herstellung von Fertighäusern ist der Baustoff nicht wegzudenken. Wir müssen nur eine nachhaltige Forstwirtschaft betreiben. Auch ein nachwachsender Rohstoff kann umweltfeindlich produziert werden.

Bestseller-Autor Peter Wohlleben beschreibt in seinem neuen Buch „Das geheime Band zwischen Mensch und Natur“. Quelle: PR

Was ist an der jetzigen Forstwirtschaft problematisch?
Diese Nadelholzverliebtheit muss dringend aufhören. Die Holzindustrie greift momentan gerne zu Nadelhölzern, die sind am günstigsten. Das liegt aber auch an den großen Mengen, die auf dem Markt verfügbar sind. Die deutsche Forstwirtschaft wird von staatlichen Ministerien organisiert. Forstwirte unterliegen einem Budget und müssen bestimmte Mengen liefern. Gleichzeitig ist aber auch der Staat der größte Wirtschafter im Forstsektor. Der Kontrolleur kontrolliert sich also selbst.

Wie kann sich die deutsche Forstwirtschaft verbessern?
Sie ist viel zu sehr auf die industrielle Holzerzeugung konzentriert. Wir sollten uns auf alte Werte besinnen, was die Einstellung zum Wald angeht: Schutz und Erholung stehen klar vor der Holzerzeugung. Forstwirte müssen wieder zum Waldhüter werden.

Welche Rolle nimmt die Holzindustrie ein?
Holzverarbeiter sind auf gleichmäßige Lieferungen angewiesen. Also hat die Holzwirtschaft ein großes Interesse an gesunden Ökosystemen, denn sie sorgen für stabilen Nachschub von Rohstoffen. Gerade haben wir ein störungsanfälliges Gebilde. Wenn wir auf wenige Baumsorten setzen und die Plantagen eingehen, wird der Markt mit Holz überschwemmt. Dabei ist der Rohstoff leicht verderblich. Klar fallen dann auch kurzfristig die Preise, aber die Sägewerke kommen mit der Verarbeitung kaum hinterher. Unternehmen wünschen sich stabile Verhältnisse. Und die erhalten wir nur mit einer gesunden Forstwirtschaft, die auf natürliches Wachstum von heimischen Bäumen setzt. Dann sehen wir bald auch wieder eine gesunde Mischung aus heimischen Laubbäumen wie Buchen und Eichen.

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