Politischer Aschermittwoch Jens Spahn kämpft in Thüringen gegen den Anfangskater

Der Jungstar der CDU will einen Ministerposten. Deshalb präsentiert sich Spahn auf dem politischen Aschermittwoch ungewohnt zurückhaltend.

„Es gibt keine Einheitskinder, deshalb wollen wir auch keine Einheitsschulen.“ Quelle: dpa

ApoldaJens Spahn ist Westfale. Und als Westfale ist man von Haus aus trinkfest. Spahn setzt sein zu drei Viertel gefülltes Weizenglas an und trinkt es in einem Rutsch herunter. Die 1300 CDU-Mitglieder johlen. So haben sie sich den Aschermittwoch in der Vereinsbrauerei in Apolda vorgestellt: zünftig, mit Spahn als Einheizer.

Jens Spahn ist auf dem „größten politischen Aschermittwoch in Ostdeutschland“ der Stargast. Schon vor einem Jahr habe ihn der Landesverband eingeladen, erzählt Thüringens CDU-Landeschef Mike Mohring. Mit anderen Worten: Spahn ist ziemlich busy.

Die alles überlagernde Frage an diesem Abend lautet, ob Spahn in Zukunft noch mehr zu tun haben wird. Aktuell ist er Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Zufrieden ist er damit nicht.

Spahn will in der neuen Regierung ein Ministeramt. Aber kriegt er es auch?

Mohring erklärt das so: „Entweder er ist nichts, oder er ist was. Wenn er was ist, ist es gut für uns. Aber dass er selbst nicht weiß, was er werden wird, damit konnte keiner rechnen.“ Gelächter im Saal.

In Berlin kursiert seit der Einigung in den Koalitionsverhandlungen eine Kabinettsliste. Spahn steht nicht drauf. Dennoch kann sich der CDU-Hoffnungsträger Hoffnung in eigener Sache machen.

Die Liste mit den Ministernamen ist angeblich nicht in Stein gemeißelt. Und Kanzlerin Angela Merkel kündigte am Sonntag nach Kritik aus den eigenen Reihen an, im neuen Kabinett frische Gesichter zu präsentieren.

Vor dem CDU-Bundesparteitag am 26. Februar will Merkel ihre Riege bekanntgeben. Spahn hofft, dann draufzustehen. Der 37-Jährige, der als „Merkel-Kritiker“ gilt, steht deshalb unter besonderer Beobachtung.

Auch bei seinem Auftritt in Apolda. Dieser Teil Thüringens tickt politisch rechts. Die AfD holte hier bei der Bundestagswahl 25 Prozent.

Die Thüringer CDU gilt ebenfalls als eher konservativ. Vor der Toilette sagt ein CDU-Mitglied zum anderen: „Ein Glück gibt’s keine Jamaika-Koalition. Die Grünen, das geht ja gar nicht.“

Spahn hat sein Outfit auf die Umgebung abgestimmt. Mit Trachtenjacke zieht er in die Apoldaer Vereinsbrauerei ein, schüttelt eine Hand hier, eine Hand da, ein älterer Mann flüstert ihm etwas ins Ohr, Spahn lächelt.

An der Bühne angekommen wird er als „junge Gallionsfigur des konservativen Rest-Flügels der CDU“ vorgestellt. Als seine Parteifreunde etwas später den lang ersehnten Hering verdrücken, flötet Spahn zur Blaskapelle mit, bis sich eine Schlange vor ihm bildet. Die Leute stehen für ein Selfie mit ihm an.

An einem Abend wie in Apolda geht es auch immer für eine Partei darum, sich ihrer selbst zu vergewissern. Spahn versucht in seiner Rede, seinen Teil dazu beizutragen.

Er sei nicht bereit zu akzeptieren, dass es eine etablierte rechtspopulistische Kraft im Land gibt, sagt Spahn. Die Union müsse auch in einer großen Koalition unterscheidbar von anderen Parteien bleiben. Nur so könne die CDU die AfD überflüssig machen.

Was Spahn darunter versteht, ohne es auszusprechen: Die CDU darf ihre konservative Seele nicht weiter vernachlässigen.

Man gelte ja schon häufig als rechtsradikal, nur weil man pünktlich bei einem Termin erscheine, so Spahn. „Pünktlichkeit hilft im Leben.“ Genauso wie Leistungsbereitschaft. Es müsse Schluss sein mit der „Ideologie der Gleichmacherei. Es gibt keine Einheitskinder, deshalb wollen wir auch keine Einheitsschulen.“

Sowieso müsse die Familie die „Kerninstitution“ für die Erziehung sein, nicht staatliche Schulen. So geht es die ganze Zeit weiter. Es gebe eine Sehnsucht nach Heimat, Bürgerlichkeit, kultureller Sicherheit.

Überraschend selten wird Spahn polemisch. Eine Ausnahme macht er nur, wenn er die SPD mit dem „Denver-Clan“ vergleicht und sich fragt, ob nach Schulz‘ Schwester und Gabriels Tochter bald auch Nahles' Cousine sich zur Lage in der SPD zu Wort meldet.

Angela Merkel nennt Spahn mit keinem Wort. Die große Koalition sei mit einem „Anfangskater“ gestartet, Deutschland befinde sich in einer politischen Lage, wie es sie vielleicht in 70 Jahren nicht gegeben habe. Das war es zur aktuellen Lage.

Direkt nach Ende der Verhandlungen mit der SPD hatte Spahn noch gemurrt, die Beschlüsse erinnerten ihn an 2013 nur mit dem Unterschied, dass jetzt noch mehr Geld ausgegeben werde.

Manch einer in der CDU meinte, das war es für ihn mit dem Ministeramt. Die Kanzlerin verzeiht offenen Widerstand nicht. Zumal Spahn schon öfter gegen Merkel aufbegehrt hat.

Doch Merkel ist angeschlagen. Wenn sie Spahn ins Kabinett holt, hätte das auch Vorteile für sie: Ihr Quälgeist müsste sich künftig an die Kabinettsdisziplin halten. Und sie könnte mit seiner Ernennung die Konservativen wie die Jungen in der Partei ruhig stellen.

Spahn weiß das. Deshalb ist er im Moment so vorsichtig. Als er gerade über die Flüchtlingskrise redet und die Grenzen, was ein Land imstande ist zu leisten, bekommt er ein neues Bier hingestellt. Im Saal geht die Stimmung direkt hoch. Schafft er noch eins?

Spahn lässt sich darauf nicht ein. „Noch eins geht nicht.“

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