1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. Der Eurofighter-Stress der Bundesregierung

RüstungDer Eurofighter-Stress der Bundesregierung

Annalena Baerbock zeigt sich offen für Lieferungen von Eurofightern an Saudi-Arabien. Damit reißt die Außenministerin die moralischen Grenzen ihrer eigenen Partei. Die Gründe haben mit harter Geopolitik zu tun, mit Verbündeten und wohl mit der deutschen Rüstungsindustrie. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Max Biederbeck, Rüdiger Kiani-Kreß 10.01.2024 - 14:37 Uhr aktualisiert

Ein Eurofighter EF-2000.

Foto: REUTERS

Während ihrer Reise durch Israel hat Annalena Baerbock einmal mehr fest auf eine schmerzende Wunde der Grünen gedrückt. Die Außenministerin hatte angekündigt, sich offen für die Lieferung von Eurofighter-Kampfjets an Saudi-Arabien zu zeigen. Und damit sorgte Baerbock prompt für einen moralischen Aufschrei in der eigenen Partei. 

Nicht zum ersten Mal: Mit ihrer Jemen-Klausel hatte sich die Ampel im Koalitionsvertrag eigentlich selbst untersagt, Waffen an alle Beteiligten des blutigen Jemen-Kriegs zu exportieren. Seitdem aber wird genau diese Regel immer wieder strapaziert: Erst mit der Ausfuhr von Ausrüstung und Munition im Wert von rund 36 Millionen Euro für Eurofighter an Saudi-Arabien. Dann mit Verhandlungen über die Lieferung von sechs militärischen Airbus-Transportflugzeugen des Typs A400M an die Vereinigten Arabischen Emirate.

Immer tobte die Grünen-Basis, immer drückte ihre Führung sich gegen den Protest durch. Auch diesmal wird das so laufen. Es scheint eine schwer zu ertragende Wahrheit für Fraktionelle und Basis: Aber Annalena Baerbock, die Bannerträgerin der wertegeleiteten Außenpolitik, hat das Thema Pazifismus auf der Prioritätenliste längst gestrichen. 

Aufrüstung

Europa, der schutzlose Kontinent

von Max Biederbeck, Melanie Bergermann, Rüdiger Kiani-Kreß und weiteren

In Bezug auf den Ukraine-Krieg war das nie ein Problem. Es galt und gilt, die russische Invasion abzuwehren. Dazu braucht es Waffen. So einfach. Bei der Auslieferung von Eurofightern aber hört diese Einigkeit auf. „Saudi-Arabien begeht schwere Menschenrechtsverletzungen und ist am Jemenkrieg beteiligt. Niemand kann garantieren, dass diese Waffen nicht für weitere völkerrechtswidrige Einsätze eingesetzt würden“, erklärte Grünenpolitikerin Jamila Schäfer dem „Spiegel“. Eine wertegeleitete Außenpolitik dürfe darüber nicht hinwegsehen.

Warum Baerbock dieser Logik trotzdem nicht folgt, hat mehrere Gründe. Einen davon spricht die Ministerin offen an. Saudi-Arabien fange Raketen ab, die von den jemenitischen Huthi-Rebellen auf Israel abgeschossen würden, betonte Baerbock. Das Königreich trage dazu bei, einen Flächenbrand in der Region zu verhindern. Geopolitisch ergibt das Sinn: Immerhin stärkt die Bundesregierung mit neuen Eurofightern vor Ort auch die stetig zusammenwachsende Anti-Iran-Achse, die unter vielen Expertinnen und Experten als einziger Weg zu nachhaltiger Stabilität in Nahost gilt. 

Dazu war auch der politische Druck der anderen Eurofighter-Länder Großbritannien und Italien zuletzt immens. Der Verkauf der Kampfflugzeuge läuft über UK. Deutschland hat einen Anteil von einem Drittel am Eurofighter-Programm und steuert wesentliche Teile des Jets bei. Deshalb warnte Airbus-Chef Guillaume Faury, das bisherige Veto der Bundesregierung schade „dem deutschen Ruf als zuverlässiges Exportland, weit über den Rüstungsbereich hinaus“. Eine grundsätzliche Verweigerung von Rüstungsexporten seitens der Deutschen wirke wie eine Absage auch anderer Eurofighter-Länder an eine Zusammenarbeit mit dem globalen Süden. „Darum erwarteten alle anderen Stakeholder, dass Deutschland seine Position ändert“, so Faury. 

Härteste Wirtschafts- und Machtpolitik

Zumal Saudi-Arabien den Eurofighter offenbar gar nicht unbegrenzt in Kampfhandlungen gegen andere Länder einsetzen kann, wie es ein Insider des Programms gegenüber der „Wirtschaftswoche“ betont. Das Hightech-System bleibe auch nach seiner Auslieferung auf technische Unterstützung der Hersteller angewiesen. Die Firmen hätten über die Computersysteme deshalb jederzeit die Möglichkeit, die Maschinen quasi stillzulegen. „Wenn wir wollen, bleiben die Bildschirme im Flugzeug grün – und die Maschine am Boden“, so der Insider. Ergo: Die Bundesregierung behalte die Kontrolle, sollte es zum Missbrauch der Flugzeuge kommen.

Schneller schlau: Bundeswehr
Die Streitkräfte der Bundeswehr bestehen aus den drei Teilstreitkräften Heer, Luftwaffe und Marine sowie den drei militärischen Organisationsbereichen Streitkräftebasis, Zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr und Cyber- und Informationsraum.
Im Frieden hat der Bundesminister der Verteidigung als Mitglied der Bundesregierung die Befehls- und Kommandogewalt (IBuK) über die Streitkräfte. Sie geht im Verteidigungsfall auf den Bundeskanzler über. Dies regeln die Artikel 65a und 115b des Grundgesetzes.
Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee und benötigt daher für Einsätze die Zustimmung des Deutschen Bundestags. Auslandseinsätze der Bundeswehr finden grundsätzlich im Rahmen von Mandaten der Nato, EU oder UN statt.
„Hinter der Bundeswehr steckt mehr als Waffen und Gerät, mehr als Befehl und Gehorsam. Werte, Normen und das Grundgesetz geben ihren Soldaten und Soldatinnen, ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, Orientierung für ihr Handeln und bestimmen so das Selbstverständnis“, heißt es bei der Bundeswehr. Neben Pflichtbewusstsein, Kameradschaft, Disziplin und Loyalität gehören laut der deutschen Armee auch Toleranz, Gerechtigkeit und Vielfalt dazu. Das Selbstverständnis der Bundeswehr formuliere einen hohen Anspruch an ihre Angehörigen und bringe diesen in drei Worten auf den Punkt: „Wir. Dienen. Deutschland.“
Stand: August 2023

Ein weiterer Grund für Baerbocks Spurenwechsel hat wohl mit knallharten innerdeutschen Wirtschaftsinteressen zu tun. Seit Monaten fahren die Flugzeugbauer hierzulande massive Lobby gegen das bisherige Ampel-Veto zum Export von Eurofightern an die Saudis. Erst Mitte November kam beim Rellinger Rüstungszulieferer Autoflug, der unter anderem Sitze für Militärflugzeuge und Panzer baut, ein seltenes Großbündnis aus Politik, Gewerkschaft und Flugzeugbauern zusammen, um für neue Eurofighter-Aufträge zu demonstrieren. Der Export an die Saudis war von Anfang an ein Teil dieses Puzzles, weil er Beschäftigung bedeutet. 

Denn weil die Bundesregierung aus dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr vor allem US-F-35-Kampfbomber einkauft, fürchten die 120 deutschen Lieferanten um ihre Existenz. Zwar läuft die Produktion des Eurofighters noch bis 2030. Doch weil einige Teile des Jets bereits drei Jahre vor dem Termin produziert werden müssen, könnte den Zulieferern 2027 die Arbeit ausgehen.

„Dann verlieren wir in Deutschland nach und nach die Fähigkeit, an Kampfflugzeugen auch nur mitzubauen“, alarmierte schon Airbus-Rüstungschef Michael Schöllhorn. Damit sei dann auch das geplante europäische Kampfflugzeugprojekt FCAS tot und die Bundesrepublik riskiere neben 25.000 Hightechjobs auch einen Teil ihrer strategischen Souveränität. 

Annalena Baerbock muss diese lauthals vorgetragenen Argumente mittlerweile gehört haben. Auch dürfte es innerhalb der Regierungskoalition ordentlich Druck auf die Außenministerin sowie ihren Parteifreund, Robert Habeck geben. Was die Wertepolitikerin von einst da jedenfalls gerade propagiert, ist per Definition härteste Wirtschafts- und Machtpolitik – mit begrenzter Rücksicht auf Moral.

Lesen Sie auch: Der Bund kauft den US-Kampfjet F-35. Aber war der Deal wirklich alternativlos?

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick