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SAP-Chef Christian Klein Schluss mit Faxen: Warum Deutschland einen „digitalen Ruck“ braucht

SAP-Chef Christian Klein wünscht sich von der neuen Regierung mehr Tempo bei den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit.  Quelle: dpa

Ein „Weiter so“ reicht nicht. Die neue Bundesregierung muss dringend die Defizite angehen, die durch die Pandemie offengelegt worden sind. Vier Punkte sind dabei unverzichtbar für eine zukunftsfähige Digital- und Nachhaltigkeitspolitik. Ein Gastbeitrag von SAP-Chef Christian Klein.

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Die Pandemie hat Defizite in vielen Bereichen schonungslos offengelegt – und gezeigt, wie elementar Digitalisierung ist, damit Deutschland langfristig zukunftsfähig bleibt. Ein „Weiter so“ reicht nicht. Es gilt, unser Wirtschaftsmodell so weiterzuentwickeln, dass es auch in einer zusehends digitalen und vernetzten Welt tragfähig bleibt.

Die Zeit drängt – deshalb brauchen wir schnell eine Regierung, die gewillt und in der Lage ist, konsequent und zügig zu handeln: Im globalen Wettbewerb Anschluss zu halten und den Klimawandel – die größte Herausforderung der Menschheit – einzudämmen sind anspruchsvolle Unterfangen. Jede Verzögerung macht es noch schwieriger.

Eine neue Bundesregierung steht deshalb vor der Aufgabe, Digitalisierung und Nachhaltigkeit mit Mut und Tempo voranzutreiben und als zwei Seiten derselben Medaille zu betrachten.

Längst dient Technologie nicht mehr nur dazu, Produktivität oder Betriebsergebnisse zu steuern, sondern auch Klimaschutz messbar, Vielfalt und Inklusion sichtbar und ethische Verantwortung transparent zu machen – nicht nur innerhalb des eigenen Unternehmens, sondern über die gesamte Wertschöpfungskette.

Ohne Technologie und eine durchgehende Digitalisierung werden wir unsere Nachhaltigkeitsziele nicht erreichen. Das gilt für die meisten Ansätze, um CO2 zu reduzieren, etwa intelligente Stromnetze und Gebäude oder eine moderne Mobilität sicherzustellen.

Nur ein Beispiel: Digitale Technologien können laut Bitkom den CO2-Ausstoß um 120 Megatonnen reduzieren und damit fast die Hälfte dazu beitragen, dass Deutschland seine Klimaziele bis zum Jahr 2030 erfüllt. Ein hoher Digitalisierungsgrad von Wirtschaft und Gesellschaft ist also viel mehr als „nur“ ein Faktor, global wettbewerbsfähig zu bleiben. Aus meiner Sicht gehören daher diese vier Punkte zu einer zukunftsfähigen Digital- und Nachhaltigkeitspolitik für unser Land:

1. Schlüsseltechnologien: Wir müssen digitale Schlüsseltechnologien weiter fördern, insbesondere in den Bereichen künstliche Intelligenz und Quantencomputing. Das umfasst beispielsweise die fortlaufende Unterstützung von Gaia-X, dem europäischen digitalen Ökosystem, die Förderung europäischer Datenräume und -standards etwa bei Gesundheit oder Mobilität und die Unterstützung von Start-ups.

2. Regulierung: Daran schließt sich die Notwendigkeit einer Regulierung mit Augenmaß an: Sie muss dem berechtigten Interesse an Datenschutz und -sicherheit Rechnung tragen, Unternehmen gleichzeitig aber auch den Freiraum bieten, Innovationen voranzutreiben und Partnerschaften einzugehen.

3. Bildung: Arbeits- und Bildungssysteme in Deutschland müssen weiterentwickelt und auf die digitale Welt ausgerichtet werden. Das betrifft die betriebliche Aus- und Weiterbildung genauso wie die Ausstattung und Lehrpläne von Schulen und Universitäten. Wir müssen stärker in Lehrkräfte investieren, damit sie Begeisterung für technische Innovationen ausstrahlen. Vor allem aber dürfen Bildungschancen nicht von Herkunft oder sozialem Status abhängen. Es gilt, den Digitalpakt Schule umzusetzen und eine bundesweit einheitliche Plattform für Bildungsangebote zu schaffen. Ich bin außerdem überzeugt: Informatik muss Pflichtfach werden.

4. Verwaltung: Wir brauchen eine einheitliche Plattform für die öffentliche Verwaltung. Abgesehen davon, dass einzelne digitale Bürgerservices in jedem Bundesland anders gestaltet sind, basieren gegenwärtig immer noch zu viele Prozesse auf Fax und Zettelwirtschaft. Rund 40.000 unterschiedliche Softwareprogramme sind in den Ämtern von Bund, Ländern und Kommunen im Einsatz – so ist jedes Projekt einer durchgehend digitalen Verwaltung zum Scheitern verurteilt. Starre Prozesse und mangelnde Flexibilität machen es schwer, digitale Talente und Experten für den öffentlichen Sektor zu begeistern. Dabei benötigen wir sie gerade dort. Es braucht also einen digitalen Ruck in Deutschlands Ministerien und Ämtern. Und weil Digitalisierung in alle Politikfelder hineinstrahlt, ist ein Digitalministerium mit klarer Weisungsbefugnis ein Muss.

Trotz vorhandener Defizite und viel Handlungsbedarf haben wir Grund, optimistisch zu sein: Deutschland hat beste Voraussetzungen, um auch in der digitalen Welt erfolgreich zu sein und die nächste Phase der Digitalisierung aktiv mitzugestalten. Ich bin überzeugt: Mit unserer starken industriellen Basis, unseren Stärken im Engineering, in der Projektsteuerung und bei Prozessen sowie unserem großen Fachkräftepool können wir die vierte industrielle Revolution anführen.

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Dafür braucht es aber Einigkeit, dass wir genau das brauchen und wollen und bereit sind, die notwendigen Schritte zu gehen. Was dann möglich ist, hat sich in der Coronapandemie gezeigt. Hier hatten Forscherinnen und Forscher sowie Unternehmen aus Deutschland maßgeblichen Anteil daran, dass wir in Rekordzeit einen Impfstoff gegen das Virus entwickelt sowie Produktion und Auslieferungslogistik auf die Beine gestellt haben.

Ich bin überzeugt: Deutschland kann Digitalisierung. Wir haben vieles, was wir dafür brauchen. Nur eines haben wir sicher nicht: Zeit zu verlieren.

Mehr zum Thema: Die hybride Arbeitswelt macht das papierlose Büro zur Notwendigkeit. Doch Unternehmen, die es probieren, scheitern schnell: an unflexiblen Behörden, starren Gesetzen – und unwilligen Geschäftspartnern.

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