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Schulen im Lockdown Mattscheibe statt Mathe: Wie Kinder unter Schulschließungen leiden

„Deutlich verschlechtert“ hat sich die Situation für Familien im zweiten Lockdown, zeigt eine neue Studie. Mehr Streit und psychische Belastungen sind die Folge. Quelle: dpa

Abgetauchte Lehrer, kaum digitaler Unterricht: Auch im zweiten Lockdown lernen Kinder weniger. Defizite gibt es nicht nur beim verpassten Stoff. Doch die Ferien zu verkürzen, ist für die Länder bisher keine Option.

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Der Jahreswechsel ist schon vier Monate her, doch in Berlin gehen viele Schülerinnen und Schüler der siebten bis neunten Klasse seit Montag erstmals in diesem Jahr wieder zur Schule. Seit Weihnachten haben sie zu Hause gelernt, nun geht es für die Mittelstufe wieder los, vorerst allerdings nur im Wechselunterricht.

Wie groß die Defizite nicht allein in diesen Jahrgängen sind, zeigt eine heute veröffentlichte Studie des Münchner ifo-Instituts über die Folgen des zweiten Lockdowns – und dabei geht es nicht allein um verpassten Stoff.

23 Prozent lernten weniger als zwei Stunden pro Tag

Nur 4,3 Stunden haben die Schulkinder in Deutschland demnach täglich im Schnitt mit schulischen Aktivitäten verbracht. Das ist zwar eine knappe Dreiviertelstunde mehr als während der ersten Schulschließungen im Frühjahr 2020 – aber immer noch drei Stunden weniger als an einem üblichen Schultag vor Corona.

Sogar mehr als jedes fünfte Kind (23 Prozent) beschäftigte sich pro Tag nicht mehr als zwei Stunden mit Schule, das sei „besonders bedenklich“, sagt Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik, der mit seinem Team 2122 Eltern für die Studie befragt hat. „Die Coronakrise ist eine extreme Belastung für die Lernentwicklung und die soziale Situation vieler Kinder“, erklärt Wößmann.

Fast fünf Stunden täglich vor dem Bildschirm

Statt mit Mathe verbrachten die Schulkinder ihre Zeit lieber mit Mattscheiben: 4,6 Stunden saßen sie täglich vorm Fernseher, Computer und Handy. Das sind zwar 0,6 Stunden weniger im Vergleich zu den ersten Schulschließungen im Frühjahr, als diese passiven Aktivitäten sogar 5,2 Stunden pro Tag ausmachten – aber immer noch einen Anstieg um 0,6 Stunden im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit, heißt es in der Studie.



Doch so gerne die Kinder zum Vergnügen vor den Bildschirmen hängen, so sehr scheuen Lehrerinnen und Lehrer offensichtlich auch weiterhin die digitalen Möglichkeiten zur Unterrichtsvermittlung: 39 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben nur maximal einmal pro Woche Videounterricht erhalten. „Für mehr als ein Drittel der Schulkinder ist somit der Schulalltag während der Schulschließungen fast ausschließlich vom eigenständigen Erarbeiten von Unterrichtsstoff geprägt und nur minimal vom regelmäßigen Austausch im digitalen Klassenzimmer“, kritisieren die Studienautoren.

Die Defizite haben auch hohe volkswirtschaftliche Kosten. Deutschland droht ein dauernder Verlust von 1,5 Prozent seiner Wirtschaftskraft, zeigt eine Berechnung. Das entspräche in Deutschland etwa 2,5 Billionen Euro.

Nur 26 Prozent hatten täglich Videounterricht 

Dabei hilft regelmäßiger Videounterricht offenbar, dass Kinder mehr Zeit mit Lernen verbringen. Denn die Gruppe der Schüler, die mehr als einmal pro Woche Videounterricht hatten, verbrachte pro Tag durchschnittlich 0,7 Stunden mehr Zeit mit schulischen Aktivitäten als jene Gruppe, die seltener Videounterricht hatte.

Mit 26 Prozent hatte nur ein Viertel der Schülerinnen und Schüler täglich gemeinsamen Video-Unterricht – was jedoch eine deutliche Steigerung ist im Vergleich zum ersten Lockdown, wo es nur sechs Prozent waren. Dabei sei es den Schulen gelungen, einen größeren Anteil mit digitalem Fernunterricht zu erreichen und somit den regelmäßigen Austausch mit Lehrkräften und Klassenkameradinnen sicherzustellen, loben die Studien-Autoren.

Auch Lernvideos und Lernsoftware wurden Anfang 2021 häufiger eingesetzt als noch im Frühjahr 2020: 64 Prozent der Eltern berichten, dass ihr Kind mehrmals pro Woche bereitgestellte Lernvideos anschauen oder Texte lesen sollte.

Noch immer gibt es Lehrer, die abtauchen

Dennoch gibt es Lehrkräfte, die auch während des zweiten Lockdowns quasi regelrecht abgetaucht sind: 32 Prozent der Eltern geben an, dass ihr Kind während der Schulschließungen Anfang 2021 nie ein individuelles Gespräch mit einer Lehrkraft hatte, im Frühjahr 2020 beklagten dies sogar 45 Prozent.

Aber aus der Not heraus haben die Kinder offensichtlich auch positive Effekte ziehen können: Die Mehrheit der Eltern gibt an, dass ihr Kind durch die Schulschließungen gelernt hat, sich eigenständig Unterrichtsstoff zu erarbeiten (56 Prozent) und mit digitalen Techniken besser umzugehen (66 Prozent).

Psychische Belastung steigt deutlich

Während sich der digitale Unterricht also teils gebessert hat im zweiten Lockdown, hat sich die psychische Belastung für die Kinder weiter verschärft: Die Hälfte der Eltern (51 Prozent) gibt in der Studie an, dass die Situation Anfang 2021 für ihr Kind eine große psychische Belastung war, ebenso für sie selbst (52 Prozent). Im Frühjahr 2020 waren die Anteile von Kindern beziehungsweise Eltern mit psychischer Belastung noch deutlich geringer mit jeweils 38 Prozent.

40 Prozent der Eltern geben zudem an, dass sie sich mit ihrem Kind während der jüngsten Schulschließungen mehr gestritten haben als sonst, vor einem Jahr lag dieser Wert deutlich niedriger bei 28 Prozent, heißt es in der Studie: „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Situation in einigen Familien deutlich verschlechtert hat“, schreiben die Autoren.

Länder wollen Ferien nicht verkürzen

Diese Belastung zu verarbeiten, dürfte Zeit brauchen. Was aber ist mit den Lernrückständen? Wäre die Verkürzung der Sommerferien eine Option, um die Defizite auszugleichen? In den Kultusministerien der Länder gibt es dazu eine einhellige Meinung: nein.



13 von 16 Landesministerien erklärten auf Anfrage der WirtschaftsWoche, keine Pläne für eine Verkürzung der sechswöchigen Sommerferien zu verfolgen oder solche zu debattieren. Berlin, Niedersachsen und Brandenburg antworteten nicht auf die Anfrage.

Stattdessen führen Bund und Länder derzeit Gespräche über ein gemeinsames Förderprogramm. Darüber hinaus legen zahlreiche Länder Angebote für Schülerinnen und Schüler auf, um Stoff gegebenenfalls nachzuholen, auch in Ferienzeiten – oder sie haben dies bereits getan.

Förderkurse in den Sommerferien

Aus Baden-Württemberg heißt es etwa, es sei „zwingend notwendig, auch in diesem Jahr wieder spezielle Förderformate für Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten“ anzubieten. Man werde „in den Sommerferien erneut spezielle Förderkurse anbieten, um den Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen, Stoff aufzuholen, Lerninhalte zu wiederholen und gezielt an Lernschwierigkeiten zu arbeiten“. Das Land prüfe zudem, ob diese Nachhilfeangebote zusätzlich zu den Sommerferien auch bereits in den Pfingstferien angeboten werden könnten.

Bremen wiederum plant so genannte „Lernferien“, in NRW gibt es ein mit 36 Millionen Euro ausgestattetes Sonderprogramm „Extra-Zeit zum Lernen“. Und in Bayern erarbeitet das Kultusministerium „ein umfangreiches Unterstützungsprogramm, mit dem pandemiebedingte Lernrückstände bei Schülern ausgeglichen werden sollen, das aber auch freizeitpädagogische Elemente und Beratungsangebote vorsieht“. Angebote in den Sommerferien seien dabei explizit miteingeschlossen, etwa Kernfach-Intensivkurse sowie freizeitpädagogische Angebote.

Nur zwei Monate, dann ist wieder Schluss

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Zwei Monate sind es noch, bis mit Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein am 21. Juni die ersten Bundesländer in die Sommerferien starten, kurz darauf folgen Hamburg und Bremen – ob die Schulen bis dahin weiter öffnen, gar komplett offenbleiben können, ist jedoch noch ungewiss angesichts der steigenden Inzidenzzahlen in der Altersgruppe der Schülerinnen und Schüler.

Ab einer Inzidenz von 100 wird mit dem verschärften Infektionsschutzgesetz Wechselunterricht vorgeschrieben, ab einer Inzidenz von 165 sollen die Schulen geschlossen werden.

Mehr zum Thema: Die sozialen und ökonomischen Kosten der Schulschließungen sind enorm, Lernverluste lassen sich sogar beziffern: ein dauernder Verlust von 1,5 Prozent der deutschen Wirtschaftskraft. Wollen wir uns das wirklich leisten?

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