Streitgespräch: Brauchen wir die D-Mark neben dem Euro?
Nur Euro oder auch D-Mark, das ist hier die Frage! Die Ökonomen Rolf Langhammer (links) und Dirk Meyer streiten über die Chancen nationaler Parallelwährung.
Foto: Arne Weychardt für WirtschaftsWocheWirtschaftsWoche: Herr Professor Meyer, Sie wollen Europa retten, indem Sie jedem Land der Euro-Zone das Recht geben, eine eigene Währung parallel zum Euro einzuführen. Können Sie uns die Idee hinter diesem Konzept erläutern?
Meyer: Der Euro ist ein Experiment, und wie bei jedem Experiment ist es wichtig, Fehlentwicklungen zu vermeiden oder zumindest zu korrigieren. Daher müssen wir den Ländern die Möglichkeit geben, aus dem Euro auszutreten oder eine eigene Währung parallel zum Euro einzuführen, wenn sich herausstellt, dass sie nicht reif sind für die Währungsunion.
Aber Parallelwährungen wären doch ein ebenso waghalsiges Experiment wie der Euro.
Meyer: Parallelwährungen sind ein Experiment, aber der Euro fungiert dabei als Sicherheitsnetz. Der Vorteil liegt in den korrigierenden Kräften des Wettbewerbs. Währungswettbewerb diszipliniert die Notenbanken, eine verantwortungsvollere Geldpolitik zu betreiben. Mit dem Euro haben wir in Europa eine Monopolwährung eingeführt, die dem auf Wettbewerb ausgerichteten Grundgedanken des europäischen Binnenmarktes widerspricht.
Herr Professor Langhammer, Sie haben die Währungspolitik vieler Länder untersucht. Führt der Wettbewerb zwischen Währungen zu besseren Ergebnissen?
Langhammer: Es lässt sich viel Positives über Währungswettbewerb sagen, wenn sich ein Land oder eine Gruppe von Ländern am Anfang der Suche nach einer geeigneten Währung befindet. In der aktuellen Situation wäre die Einführung von Parallelwährungen in Europa jedoch eine gefährliche Operation am offenen Herzen. Die Befürworter von Parallelwährungen unterstellen, dass der Euro zu einer inflationären und instabilen Währung wird, vor der man die Bürger durch alternative Währungen schützen muss. Dafür gibt es aber keine Belege. Die Inflationsraten in der Euro-Zone sind vergleichsweise niedrig.
Meyer: Darum geht es doch gar nicht. Der entscheidende Punkt ist, dass Parallelwährungen weniger krisen- und manipulationsanfällig sind als eine Monopolwährung, die sich keinem Wettbewerb vor ihren Bürgern stellen muss. Parallelwährungen geben den Staaten die Möglichkeit, neben dem Euro eine eigene Währung einzuführen und eine eigenständige Geldpolitik zu betreiben, die stärker den Wünschen der Bürger entspricht. Die Deutschen könnten auf die D-Mark zurückgreifen, wenn ihnen die Inflation im Euro zu hoch wird. Und die Griechen könnten ihre eigene Währung abwerten, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
Langhammer: Ich warne davor, das Heil für die Krisenländer in einer Währungsabwertung zu suchen. Nehmen Sie Griechenland. Falls Athen tatsächlich die Drachme parallel zum Euro einführt, würde diese kräftig abwerten. Das ließe die Importpreise und das Defizit in der Handelsbilanz sehr rasch in die Höhe schnellen. Die Regierung dürfte zudem auf den Inflationsschock mit Preiskontrollen, Handelsbeschränkungen und anderen Regulierungen reagieren. Am Ende brächte der Währungswettbewerb den Griechen statt mehr Freiheit mehr Regulierung. Ich halte es daher für sinnvoller, die Wettbewerbsfähigkeit durch interne Abwertung, also durch Lohnsenkungen und Lohnzurückhaltung, zu verbessern. Irland hat mit dieser Strategie Erfolg. Wir sollten uns daher darauf konzentrieren, die politischen Widerstände in den Krisenländern gegen die interne Abwertung zu überwinden.
Der Fünf-Euro-Schein zeigt Bettina von Arnim: Vor allem Menschen zwischen 40 und 49 Jahren sind skeptisch. Hier wünscht sich knapp die Hälfte der Befragten die alten Zahlungsmittel zurück.
Foto: BundesbankIn der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen sind lediglich 16 Prozent skeptisch gegenüber dem Euro. 35 Prozent der 60-bis 69-Jährigen wünschen sich die D-Mark ebenfalls zurück.
Foto: BundesbankAnnette von Droste-Hülshoff ziert den 20 D-Mark-Schein: Besonders Arbeiter und Hausfrauen trauern der D-Mark nach; Schüler und Studenten hingegen nur in ganz geringem Maße.
Foto: Bundesbank"Früher war alles besser" sagen mit 37 Prozent vor allem Menschen, die mit einem Netto-Einkommen zwischen 1000 und 2000 Euro leben. Sie sind die D-Mark-Liebhaber unter den Deutschen.
Foto: BundesbankUnter denjenigen, die mehr als 4000 Euro im Monat verdienen, sind lediglich 21 Prozent D-Mark-Liebhaber. Sie machen sich schlicht keine Gedanken darüber.
Foto: BundesbankZum Thema Inflation: Der Aussage "Durch die Inflation werden die Sparer schleichend enteignet" stimmten lediglich 34 Prozent zu.
Foto: BundesbankRund die Hälfte der 60- bis 69-jährigen Befragten stimmt der Aussage nach der Enteignung allerdings zu - das ist der höchste Wert. Lediglich 28 Prozent in den Altersklassen der 18 bis 49-Jährigen ist davon überzeugt.
Foto: BundesbankAcht Prozent sind "tief" besorgt durch die Bankenkrise ihr Geld zu verlieren. Meinungsforscher befragten Ende 2012, in der Studie, die der "Welt" vorliegt, repräsentativ insgesamt 1680 Bürger im Alter zwischen 18 und 69 Jahren.
Foto: Bundesbank
Rolf Langhammer
Foto: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche
Meyer: Das Parallelwährungskonzept schließt interne Abwertungen nicht aus. Jedes Land soll selbst entscheiden, welchen Weg es gehen will oder kann. Gerade für Länder mit massiven Reformwiderständen bietet die externe Abwertung durch eine eigene Parallelwährung einen Zeitgewinn, der langfristigen Reformen den Weg ebnen kann.
Dirk Meyer
Foto: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche
Langhammer: Ich glaube, dass Sie und andere Befürworter von Parallelwährungen nicht die Sicht der Krisenländer vertreten, sondern die der Gläubiger, die Angst haben, dass sie die Zeche zahlen müssen. Nicht umsonst kommen die Vorschläge zu Parallelwährungen vor allem aus Deutschland, nicht aber aus Griechenland oder Portugal. Sie haben immer noch nicht verstanden, wie ein Binnenmarkt funktioniert. Das Defizit an Vertrauen, das zwischen den Ländern der Euro-Zone herrscht, kann man nur dadurch beseitigen, dass man die Integration vorantreibt. Parallelwährungen hingegen bewirken das Gegenteil. Sie führen zu Desintegration.
Meyer: Wer wie Sie auf mehr Integration setzt, verweigert sich der Erkenntnis, dass die Länder der Währungsunion nicht zusammenpassen. Es gehen tiefe Risse durch Europa. Der Streit zwischen Deutschland und Frankreich über die Rolle und die Politik der EZB belegt dies deutlich. Parallelwährungen können das zerrüttete Verhältnis zwischen den Ländern entspannen, weil jedes Land zu einer eigenständigen Geldpolitik zurückkehren kann.
Welche konkreten Folgen hätten Parallelwährungen denn für den Alltag der Bürger. Müssen wir mit zwei Portemonnaies herumlaufen?
Meyer: Sicherlich nicht. Es dürfte sich schnell eine Währung als Transaktionsmittel für Güterkäufe durchsetzen. In Deutschland könnte das die D-Mark sein, in Griechenland die Drachme. Es wäre sogar möglich, die nationale Währung nur als elektronisches Geld einzuführen. Dann würden alle Käufe weiter in Euro abgewickelt und die Beträge anschließend in D-Mark oder Drachme umgerechnet. In Deutschland etwa könnte die Preisauszeichnung in den Supermärkten auf D-Mark lauten. An der Kasse wird dann zum tagesaktuellen Kurs in Euro umgerechnet und in Euro gezahlt.
Langhammer: Dann erfüllt Ihre Parallelwährung aber nicht alle drei zentralen Funktionen von Geld, nämlich die des Zahlungsmittels, der Recheneinheit und der Wertaufbewahrung.
Geuro
Es war eine Idee des früheren Deutsche-Bank-Chefvolkswirts Thomas Mayer: Griechenland führt eine Parallelwährung ein, den Geuro, der neben dem Euro im Land zirkuliert. Unternehmen könnten dann ihre Beschäftigten mit dem Geuro bezahlen, diese sich dafür Lebensmittel und andere Verbrauchsgüter kaufen. Da sich die neue Parallelwährung gegenüber dem Euro schnell abwerten würde, wären griechische Produkte und Dienstleistungen – hier vor allem der Tourismus – schnell wieder wettbewerbsfähig. Nach außen hin könnte das Land weiter in Euro rechnen. Es blieb eine Idee.
Foto: dapdStriktes Sparprogramm
Griechenland spart sich gesund. Der Plan sieht vor, dass Griechenland 2013 und 2014 gut 11,5 Milliarden Euro einspart – durch Kürzung der Gehältern der Staatsbediensteten sowie der Renten, des Verteidigungsetat und so weiter. Dass Griechenland seine Sparpläne einhält, glaubt kaum noch jemand. Die Prüfungskommission Troika wurde bisher bitter enttäuscht. Auch Regierungschef Antonis Samaras trägt nicht zum Vertrauen in die Sparbemühungen bei, wenn er wie Ende August geschehen bei den Schuldnerländern um einen Aufschub bis 2016 bittet. In wenigen Wochen wird die Troika ihren neuen Bericht vorlegen, dann wird man sehen, was Griechenland bisher erreicht hat.
Foto: dpa'Grexit" - Zurück zur Drachme
Das Land erklärt sich bankrott, steigt aus der Europäischen Währungsunion aus und kehrt zur Drachme zurück. Jahrelang warnten Euro-Politiker vor Ansteckungseffekte einer Griechenland-Pleite. Spanien, Italien oder Portugal würden dann ebenfalls in den Abgrund getrieben, hieß es einstimmig aus Brüssel. Doch die Stimmung hat sich gedreht. Das Risiko eines Austritts Griechenlands aus der Währungsunion wird in den Ländern der Euro-Zone mittlerweile für beherrschbar gehalten. Das "Grexit-Szenario" bleibt eine Option, sollte Griechenland seine Sparpläne nicht in die Tat umsetzen.
Foto: dpaKonzept "Südo"
Die Teilung des Euro in eine Gemeinschaftswährung der Südländer (Südo) und der Nordländer (Nordo) käme zwar vor allem Griechenland, aber auch Italien, Spanien und Portugal zugute. Da eine Abwertung des Südo gegenüber dem Nordo die unmittelbare Folge einer solchen Teilung wäre, würde sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der südlichen Euro-Krisenländer entsprechend verbessern. Mit einer solchen Aufteilung wäre die Währungsunion langfristig ökonomisch stabil. Doch die Politik stellt sich quer – das Festhalten an der Einheitswährung ist europäische Staatsräson.
Foto: dapdProjekt Eureka
Es war eine geniale Idee der Unternehmensberatung Roland Berger: Der griechische Staat verkauft große Teile seines Staatsbesitzes – an Kulturgüter wie die Akropolis war dabei allerdings nicht gedacht – an eine europäische Treuhandanstalt. Mit dem Erlös hätte Griechenland seine Auslandsschulden abtragen können. Die Treuhand hätte dann rund 30 Jahre Zeit gehabt, die griechischen Staatsunternehmen zu sanieren und zu verkaufen. Deutsche und griechische Politiker hatten durchaus Sympathien für diesen Plan mit dem Namen „Eureka“. Doch es wurde nichts daraus.
Foto: dapdKonzept "Fixit"
Um den Griechen das Leben in der Europäischen Währungsunion zu erleichtern, könnten auch finanziell starke und hoch wettbewerbsfähige Länder die Euro-Zone verlassen. So haben etwa die Finnen angekündigt, sie könnten auch ohne Euro leben. Würden die Finnen tatsächlich austreten (Fixit) und machen die Niederlande, Estland und vor allem Deutschland diesen Schritt mit, würde das Griechenland die fällige Anpassung erleichtern. Vom Tisch ist diese Option noch nicht – der Schlüssel dazu liegt bei der Regierung in Helsinki.
Foto: dpaGeld drucken
Es ist der bequemste aller Auswege – und damit der wahrscheinlichste. Die Europäische Zentralbank (EZB) wirft die Notenpresse an. Und das geht so: Die Regierung in Athen gibt Staatsanleihen aus, griechische Banken kaufen die Titel auf und hinterlegen sie bei der EZB. Dafür bekommen sie frisches Zentralbankgeld. Darüber hinaus denkt die EZB darüber nach, wie sie weitere Staatsanleihen der Krisenländer vom Markt nehmen kann. Die Deutsche Bundesbank ist mit ihrem Widerstand gegen dieses Programm isoliert. 'Not kennt kein Gebot', lautet das Motto von EZB-Präsident Mario Draghi – und so ist der Staatsfinanzierung durch die Notenbank Tür und Tor geöffnet.
Foto: dpaDurchfinanzieren
Die internationale Gemeinschaft füttert Griechenland so lange durch, bis es wieder auf eigenen Füßen steht. Die derzeitigen Pläne zielen darauf ab, dass Griechenland mit den Nothilfen und einem scharfen Reform- und Sparprogramm seinen Schuldenstand bis 2020 auf 120,5 Prozent der Wirtschaftsleistung drückt - von derzeit über 160 Prozent. Schon jetzt ist absehbar, dass Griechenland das Ziel verfehlen wird. Ob der Internationalen Währungsfonds IWF und die europäischen Staaten weitere Hilfen gewähren, hängt davon ab, welche Fortschritte Griechenland macht - auch wenn es die genannten Ziele nicht erreicht.
Foto: dpaModell Sonderwirtschaftszone
BDI-Präsident Hans-Peter Keitel schlug im Interview mit der WirtschaftsWoche die Einrichtung einer Art Sonderwirtschaftszone für Griechenland vor. "Für zehn Jahre, mit Steueranreizen und ohne hinderliche Bürokratie, um dort attraktive Bedingungen für Wirtschaftsansiedlungen aus dem Ausland zu schaffen“, sagte Keitel. So könne Griechenland im Euroraum bleiben, vorausgesetzt es erfülle die vereinbarten Bedingungen. Das Modell Sonderwirtschaftszone ist vor allem für die dort ansässigen Unternehmen interessant, da sie von extrem günstigen Steuersätzen profitieren. Dem griechischen Staat nützt das kaum, denn was Griechenland braucht, sind mehr Staatseinnahmen. Den dringend nötigen Reformprozess hilft der Vorschlag nicht auf die Beine.
Foto: dapd
Griechen tauschen ihre Euros
Kinderleicht ist die Rettung Griechenlands, wenn man der Idee des elfjährigen Jurre Hermanns folgt. Das Konzept des Schülers: Alle Griechen tragen ihre Euros zur Bank. Dort tauscht eine Maschine die gemeinsame Währung in Drachmen um. Die Euros gehen direkt an die Regierung, die damit ihre Schulden bezahlt. Jeder Kreditgeber, ob Unternehmen oder Banken, soll laut Jurres Plan "ein Stück von der Pizza erhalten". Der Schüler weiß, dass die Griechen ihre Euros nur ungern herausrücken werden, weil die Drachme, die die dafür erhalten, dramatisch an Wert verlieren wird. Er schreibt "You see, the Greek guy does not look happy!" Weil es aber sein muss, wird jeder, der versucht seine Euros zu behalten, bestraft. Wen die Regierung erwischt, der muss doppelt so viel abgeben. Die Idee ist gar nicht schlecht, fand auch die Jury des renommierten und mit 250.000 Pfund dotierten "Wolfson Economic Prize". Der niederländische Schüler bekam für seinen Rettungsplan immerhin eine Belobigung.
Foto: dapd
Meyer: Das muss sie auch nicht. Für Deutschland käme es darauf an, dass die Bürger D-Mark als Mittel zur Wertaufbewahrung halten können, um sich gegen Inflationsgefahren zu schützen. In Griechenland stünde die Zahlungsmittelfunktion im Vordergrund, weil es darum geht, durch die Abwertung billiger zu werden, die Standortattraktivität zu erhöhen und Investitionen anzukurbeln. Sparen könnten die Griechen weiter in Euro.
Langhammer: Mit einer Parallelwährung richten Sie in kleinen offenen Volkswirtschaften wie Griechenland, die auf den Import von Investitionsgütern angewiesen sind, um wieder auf die Beine zu kommen, großen Schaden an. Sie treiben einen Keil in die Wirtschaft. Unternehmen, die nicht über genügend Euro verfügen und mit Drachme zahlen müssen, werden Waren aus dem Ausland nur noch gegen Vorkasse beziehen. Das ist ein Nährboden für massive Verteilungskonflikte innerhalb der heimischen Wirtschaft.
„Die Vorstellung, dass wir in Europa ein Liquiditätsproblem haben, ist komplett falsch“
Im August 2011 malte der Draghi-Vorgänger, Ex-EZB-Chef Jean-Claude Trichet, die Lage schön. Denn wahr ist: Sowohl auf staatlicher Seite, als auch im Bankensektor fehlt es vielerorts an liquiden Mitteln.
Foto: dpa„Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart“
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble versicherte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Juli 2010, dass die Rettungsschirme nicht von Dauer sein werden. Inzwischen ist klar: Der Euro-Rettungsschirm EFSF wird zwar abgelöst, aber ersetzt durch den permanenten Rettungsschirm ESM.
Foto: dpa„Wir werden jeden Cent zurückzahlen. Deutschland bekommt sein Geld zurück - und zwar mit hohen Zinsen“
Griechenlands Ex-Regierungschef Giorgios Papandreou betonte im März 2011, dass sein Land nicht dauerhaft alimentiert werden braucht. Bei den Rettungspaketen handele es sich lediglich um Kredite, die das Land mit hohen Zinsen zurückzahlen werde. Doch: Wenige Monate später brauchte Griechenland einen Schuldenschnitt. Der betraf zwar zunächst nur private Gläubiger. Allerdings: Mehrere Milliarden musste mit dem Schuldenschnitt auch die deutsche Hypo Real Estate abschreiben, die Griechenland-Anleihen im Wert von rund acht Milliarden Euro besaß. Durch die Verstaatlichung der Bank im Jahr 2009 trägt diese Lasten der deutsche Steuerzahler.
Foto: dpa„Wenn Griechenland pleitegehen würde, wäre das schlimmer als Hypo Real Estate und Lehman Brothers zusammen“
Wolfgang Schäuble warnte bei einem Treffen der Unionsfraktion vor den unkontrollierbare Folgen einer Griechenland-Pleite. Doch nach dem Schuldenschnitt für Athen blieben die Horror-Szenarien aus. Ansteckungseffekte auf Portugal oder Spanien gab es nicht.
Foto: dapd„Ich bin fest davon überzeugt, dass Griechenland diese Hilfe nie wird in Anspruch nehmen müssen, weil das griechische Konsolidierungsprogramm in höchstem Maße glaubwürdig ist“
Der Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker war sich noch im März 2010 sicher, dass Griechenland die Wende schaffen würde und nannte die Sparvorhaben der griechischen Regierung „in höchstem Maße glaubwürdig“. Schon längst mussten die europäischen Geldgeber feststellen, dass die Politiker in Athen ihren Worten nur sehr spärlich Taten haben folgen lassen. Der Internationale Währungsfonds droht bereits, seine Hilfen einzustellen, wenn Griechenland nicht endlich seine Konsolidierungsversprechen einlöst.
Foto: dapd„Wir können Zinsen nicht sozusagen künstlich herunterrechnen“
Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte diesen Satz im März 2011. Dabei versuchte die EZB mit ihren Anleihekäufen seit 2010, die Märkte auszutricksen. Durch den Kauf von Schuldpapieren in Milliardenhöhe versucht die Zentralbank, die Renditen für die Euro-Pleitekandidaten zu drücken. Kritiker sprechen von einer direkten Staatsfinanzierung, die der Notenbank verboten ist.
Foto: dapd„Spanien wird sein Defizit-Ziel von 4,4 Prozent erreichen“
Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy beteuerte noch im Januar 2012, dass Griechenland die Maastricht-Kriterien nur um 1,4 Prozent reißen wird. Schon damals hielten Ökonomen dieses Ziel für unrealistisch. Heute wissen wir: Spanien wird dieses Jahr nach Schätzungen der EU-Kommission ein Haushaltsdefizit von mindestens 6,4 Prozent aufweisen. Im Juli musste das Land bereits Finanzhilfen für seinen maroden Bankensektor anfordern.
Foto: REUTERS„Italien ist kein Risikoland“
EZB-Chef Mario Draghi erklärte am 15. Februar 2011, dass sein Heimatland stabil ist. Darstellungen, Italien sei ein Euro-Sorgenkind, seien falsch. Inzwischen ist der Zinsdruck auf Italien so hoch, dass der Notenbank-Präsident mit Anleihekäufen seinem Landsmann, Ministerpräsident Mario Monti, zur Seite springen muss.
Foto: dpa„Deutschland kann sein Veto einlegen, wenn die Voraussetzungen für Hilfen nicht gegeben sind – und davon werde ich Gebrauch machen“
Bundeskanzlerin Angela Merkel beschrieb im März 2011 die „strikten Auflagen“ unter denen ein Euro-Sorgenland Geld von den europäischen Partnern bekommen kann. Die Realität ist eine andere. Griechenland hat die Auflagen aus dem ersten Rettungspaket nicht erfüllt, wie die Troika festgestellt hat. Trotzdem bekam Griechenland per zweitem Rettungspaket neue Milliardenkredite.
Foto: dapd„Dieses Geld wird eine große Zukunft haben“
Helmut Kohl, Bundeskanzler von 1982 bis 1998, prophezeite der Gemeinschaftswährung in seiner Rede zur Einführung des Euro 2001 eine rosige Zukunft. Die kann noch kommen, keine Frage. Aktuell gilt aber eher, dass der Euro die Ressentiments gegenüber Brüssel und den europäischen Nachbarn verstärkt haben. Gegenüber dem Dollar hat der Euro in den vergangenen Jahren an Wert verloren, die Währungen der Nicht-Euro-Länder (Schweiz, Schweden) haben massiv aufgewertet.
Foto: AP
Platz 57: Bulgarien
Bulgarien wird zurecht als das Armenhaus Europas bezeichnet. Unter 60 Ländern, die die Schweizer Wirtschaftshochschule IMD (International Institute for Management Development) nach ihren wirtschaftlichen Stärken und Schwächen miteinander verglichen hat, landet Bulgarien auf Platz 57 (Platz 54 im Jahr 2012). Damit ist Bulgarien das wirtschaftlich schwächste Land der Europäischen Union. Noch schlechter stehen nur noch Kroatien (Platz 58), das am 1. Juli der EU beitreten wird, Argentinien (Platz 59) und Venezuela (Platz 60) da.
Wirklich gut schneidet Bulgarien nur beim Preisniveau ab, da belegt es im internationalen Vergleich Platz vier. In Disziplinen wie Beschäftigungsrate, Arbeitsmarkt, Bildung, Infrastruktur, gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Gesundheit und Investments schafft es das osteuropäische Land nicht einmal unter die Top 30.
Foto: dpaPlatz 55: Rumänien
Im gleichen Atemzug mit Bulgarien wird stets Rumänien genannt. Das Land liegt im internationalen Vergleich auf Rang 55, im Vorjahr schaffte es Rumänien noch auf Platz 53 von 60 im World Competitiveness Ranking. Von 21,35 Millionen Einwohnern haben 10,15 Millionen einen Job, die Arbeitslosenquote beträgt 6,8 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Rumäniens liegt bei 169,4 Milliarden Euro - im internationalen Vergleich macht das Platz 48 von 60. Beim BIP pro Kopf schafft es das Land mit 16.062 Euro auf Rang 46.
Wirklich glänzen kann auch Rumänien nur beim Preisniveau, da landet es auf Platz neun von 60. Die zweitbeste Wertung bekommt das osteuropäische Land für seine Beschäftigungsquote: Hier liegt es im internationalen Vergleich auf Rang 33. Fragt man Unternehmen, was sie am meisten am Wirtschaftsstandort Rumänien schätzen, nennen 78,7 Prozent die offene und freundliche Art der Menschen. Eine kompetente Regierung lobten dagegen nur 11,5 Prozent und ein wirksames Rechtssystem attestierte dem Land niemand. Dafür lobten immerhin 52,5 Prozent der Befragten die Dynamik der Wirtschaft.
Foto: dpa
Platz 54: Griechenland
Auch Griechenland gehört weiterhin zu den Sorgenkindern Europas, konnte sich aber binnen eines Jahres von Rang 58 auf 54 verbessern. Griechenland muss auch 2013 weiterhin daran arbeiten, seinen aufgeblasenen Verwaltungsapparat zu verkleinern und den Finanzsektor wieder auf die Beine zu bringen. Auch in puncto Korruptionsbekämpfung und Steuersystem hat das Land noch einiges an Arbeit vor sich.
Dementsprechend rangiert Griechenland, gerade was die Gesamtsituation der heimischen Wirtschaft angeht, auf Platz 60 von 60 Staaten. Auch beim BIP-Wachstum und der Kreditwürdigkeit gibt es nur Platz 60. Allerdings hat sich in Griechenland seit dem letzten Ranking auch einiges verbessert: So konnte das Land sein Image, die Anpassungsfähigkeit der Regierungspolitik und die Staatfinanzen verbessern sowie die Bürokratie verringern. Unternehmen schätzen an Griechenland besonders die gut ausgebildeten Arbeitskräfte sowie das allgemein hohe Bildungsniveau.
Foto: dpaPlatz 46: Portugal
Binnen eines Jahres ging es für Portugal im IMD-Ranking von Platz 41 runter auf 46. Jetzt soll die rezessionsgeplagte Wirtschaft mit Steueranreizen aufgepäppelt werden. Bei Firmeninvestitionen von bis zu fünf Millionen Euro seien Steuererleichterungen von 20 Prozent möglich, sagte Finanzminister Vitor Gaspar. Die Investitionen in Portugal sind zwar binnen eines Jahres von 10,20 Milliarden Dollar auf 13,79 Milliarden gestiegen, das Bruttoinlandsprodukt schrumpft dennoch weiter. 2012 betrug der Rückgang noch 1,6 Prozent, 2013 soll das Minis hingegen ganze 3,2 Prozent betragen.
Dafür steht Portugal sowohl bei der technischen als auch der wissenschaftlichen Infrastruktur recht gut da. 71,9 Prozent der ausländischen Unternehmer sehen in der portugiesischen Infrastruktur den attraktivsten Grund, in das Land zu investieren. Weltspitze ist Portugal bei dem Verhältnis Schüler pro Lehrer und den Einwanderungsgesetzen. Auch bei den Ingenieuren belegt Portugal im Ranking Platz vier. Nur Arbeit gibt es für die Fachkräfte kaum, am wenigsten für junge Menschen (Platz 59 bei Jugendarbeitslosigkeit). Auch die Forschung und Förderung von Wissenschaft und Technik, Fortbildungen, Erwachsenenbildung, Börsengänge und der Export gehören zu Portugals Schwächen.
Foto: dpaPlatz 45: Spanien
Spanien ist binnen eines Jahres von Platz 39 auf 45 abgestiegen. Im Jahr 2007 stand das Land noch auf Platz 26 der stärksten Volkswirtschaften. Ein deutsche Hilfsprogramm im Volumen von bis zu einer Milliarde Euro soll die angeschlagene spanische Wirtschaft wieder auf die Beine bringen. Derzeit kämpft Spanien besonders mit seiner hohen Arbeitslosenquote (Platz 60 von 60), den Staatsfinanzen (Platz 59) und seinen Verwaltungsverfahren (Platz 56). Auch bei der Langzeitarbeitslosigkeit, Kapitalkosten, Sprachkenntnissen, dem Bankensektor und der Förderung von jungen Unternehmen steht Spanien mehr als schlecht da.
Allerdings ist auch auf der iberischen Halbinsel nicht alles schlecht. So ist beispielsweise der Warenexport Spaniens binnen eines Jahres um 1,7 Prozentpunkte gestiegen. Insgesamt schafft es Spanien in neun Wirtschaftsdisziplinen unter die weltweiten Top Ten: Bei den Zinssätzen belegt Spanien unter 60 Ländern Platz drei, bei der Wechselkursstabilität und den Unternehmenszusammenschlüssen und -übernahmen jeweils Platz sechs, beim Export von Dienstleistungen Platz acht. Sowohl bei den Direktinvestments in die Aktien heimischer Unternehmen als auch der durchschnittlichen Lebenserwartung und grünen Technologien schafft es Spanien auf Platz neun und bei der Bilanzsumme des Bankensektors sowie der Arbeitsproduktivität Platz zehn.
Foto: dapdPlatz 28: Frankreich
Frankreich dagegen, das ebenfalls wirtschaftlich zu kämpfen hat, konnte sich um einen Platz verbessern. Von Rang 29 ging es hoch auf 28. Trotzdem muss Frankreich seinen Arbeitsmarkt reformieren, wenn es die Erwerbsquote steigern möchte. Weitere Probleme der Grande Nation sind der stetig zunehmende Brain Drain, also das Abwandern von Fachkräften, das stagnierende Wirtschaftswachstum, die geringe Zahl der Beschäftigten, Arbeitsbedingungen und Wochenarbeitsstunden sowie die Haltung gegenüber der Globalisierung.
Zu Frankreichs wirtschaftlichen Stärken gehören dagegen die Vertriebsinfrastruktur (Platz eins von 60), die Energieinfrastruktur und die Gesundheitsausgaben (jeweils Platz zwei) sowie die Direktinvestments in Aktien heimischer Unternehmen, der Export von Dienstleistungen, Investments in ausländische Aktien, die Gesundheitsinfrastruktur und die Zahl der Breitbandnutzer (jeweils Platz vier von 60). Insgesamt schaffte es Frankreich in 40 Kategorien 20 mal unter die Top Ten der Welt.
Foto: dpaPlatz 17: Irland
Irland, dass sonst gerne in einem Atemzug mit Italien und Spanien genannt wird, überholt sogar Frankreich, was die wirtschaftliche Stärke angeht. Binnen eines Jahres konnte sich die grüne Insel im IMD World Competitiveness-Ranking um drei Plätze verbessern. Das liegt besonders an den gestiegenen Investments, dem herrschenden Zinssatz, dem Wirtschaftswachstum und der Wechselkursstabilität. Auch bei grünen Technologien hat sich Irland laut der Studie seit 2012 verbessert. Zu den besonderen Stärken des rund 4,6 Millionen Einwohner großen Landes gehören Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Unternehmen sowie deren Haltung gegenüber der Globalisierung, die Telefontarife, Belohnungen und Anreize für Investoren, dementsprechend auch die Anzahl an ausländischen Investoren und die Vergabe öffentlicher Aufträge (jeweils Platz eins von 60.) Schlecht steht es allerdings auch in Irland um die Arbeitslosigkeit, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit, sowie das BIP pro Kopf bestellt.
Foto: dpaPlatz neun: Deutschland
Im internationalen Vergleich hat sich Deutschland auf Platz neun behauptet, unter den europäischen Staaten ist Deutschland die viertstärkste Volkswirtschaft in puncto Wettbewerbsfähigkeit. Die schlechteste Wertung erhält Deutschland bei der Höhe der Sozialversicherungsbeiträge für Arbeitnehmer. Hier gab es Platz 57 von 60. Zweitgrößtes Manko ist der Ausbau von Breitbandinternet (Platz 55 von 60).
Deutschland konnte sich allerdings auch in einigen Punkten verbessern: So sank die Zahl der Langzeitarbeitslosen, die Investitionen sind gestiegen, der Zinssatz ist gestiegen und die Lebenshaltungskosten sind um 4,72 Prozentpunkte gesunken.
In den Kategorien Ausbildung/Lehre, kleine und mittelständische Unternehmen, Weiterbildung von Mitarbeitern und Produktivität der Arbeitskräfte belegte Deutschland den ersten Platz unter 60 Ländern.
Besondere Herausforderungen im Jahr 2013 für Deutschland seien die ausufernden Energiekosten und der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien, die Stabilisierung der Eurozone und ihres Bankensektors, das Staatsdefizit zu verringern, der Fachkräftemangel und das Wachstumspotential zu erhöhen.
Foto: dpa/dpawebPlatz vier: Schweden
Schweden zeigt sich äußerst robust im weltweiten Vergleich. Im Jahr 2007 belegte das skandinavische Land noch Rang 19 in der IMD-Studie, im Jahr 2012 war es Platz fünf. Unter den europäischen Staaten belegt Schweden Platz zwei.
Besonders verbessert hat sich das Land bei der Inflationsrate (von 3,0 auf 0,9 Prozent), den Steuern auf Unternehmensgewinne, der Anzahl hochqualifizierter Ingenieure, dem Altersdurchschnitt der Gesellschaft, dem Transfer von Wissen, der Unterstützung von Wissenschaft und Forschung sowie der Energieinfrastruktur und den Kapitalkosten. Unternehmen, die in Schweden tätig sind, schwören auf die politische Stabilität und Vorhersagbarkeit (68,5 Prozent), das Rechtssystem (55,6 Prozent), sowie die dortigen Fachkräfte (50 Prozent).
Besondere Stärken Schwedens sind die Einkommensverteilung, die Schutzzollpolitik, die Zollbehörden, Entlassungskosten, die Anpassungsfähigkeit und Produktivität von Unternehmen, Unternehmensanleihen, Großunternehmen und deren Finanz-Now-How, sowie der Umweltschutz, Verfahrensvorschriften und die wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit (jeweils Platz eins von 60). Den schlechtesten Platz belegt das Land beim gesamten Steueraufkommen. In dieser Kategorie gibt es Platz 59 von 60.
Foto: dpaPlatz zwei: Schweiz
Die Schweiz ist nach den USA die wettbewerbsfähigste Volkswirtschaft der Welt. Die rund acht Millionen Einwohner des Alpenstaates erwirtschafteten im vergangenen Jahr ein Bruttoinlandsprodukt von 632,4 Milliarden Dollar, pro Kopf betrug das BIP 51.220 Dollar. Die Schweiz hat die weltweit niedrigste Inflationsrate, die sich von 2012 bis 2013 sogar noch verringert hat. Trotzdem erhält die teure Schweiz was die Lebenshaltungskosten angeht, im internationalen Vergleich Platz 56 von 60.
Besonders punkten kann das Land sowohl im IMD-Ranking als auch bei Unternehmen mit sehr gut ausgebildeten Fachkräften, hohen wissenschaftlichen Standards und geringen Kapitalkosten. Unternehmen aus aller Welt schätzen die politische Stabilität in der Schweiz genauso wie gutausgebildeten Fach- und Führungskräfte, die die herrschenden Steuersätze und die verlässliche Infrastruktur. Von 40 Kategorien, in denen Regierung, Unternehmen, Infrastruktur und Wirtschaftsleistung vor den Wissenschaftlern des IMD bestehen mussten, belegt die Schweiz elf mal Platz eins und 16 mal Platz zwei.
Foto: dpa
Was passiert denn mit den auf Euro lautenden Altverträgen?
Meyer: Forderungen gegenüber Banken wie Sparkonten und Girokonten würden nach wie vor in Euro geführt. Dann gibt es keine Panik und keine Kapitalflucht. Dagegen sollten die Verbindlichkeiten der Unternehmen gegenüber Banken in Drachme umgestellt werden, weil die Betriebe ihre Umsatzerlöse ebenfalls in Drachme erzielen. Damit verlagert man das Problem zwar auf die Banken. Denn deren Forderungen verlieren durch die Abwertung der Drachme an Wert. Das Problem lässt sich aber lösen, indem man den Banken Ausgleichsforderungen gegen die nationale Zentralbank gewährt. Ähnlich ist man bei der Währungsreform 1948 und im Zuge der Deutschen Wiedervereinigung vorgegangen, als man den Banken Ausgleichsforderungen gegen die Deutsche Bundesbank gewährt hat.
Damit verlagern Sie das Problem aber auf die Bilanz der Zentralbank...
Langhammer: ...die es dann durch Inflation löst.
Meyer: Die Ausgleichsforderungen von 1948 in Höhe von 8,7 Milliarden D-Mark werden ab 2024 in zehn Jahresraten getilgt. Damit findet eine Streckung der Kosten über 85 Jahre statt, was diese Lösung für alle Beteiligten tragfähig macht. Verglichen mit den Kosten eines Auseinanderbrechens der Euro-Zone, sind die Kosten bei der Einführung von Parallelwährungen gering.
Langhammer: Das ist der entscheidende Unterschied zwischen uns. Sie betrachten den Euro als gescheitert, ich sehe ihn im Krisenmodus. Deshalb halte ich es unter den aktuellen Umständen für das Sinnvollste, das Euro-System unter Beibehaltung des Euro zu reformieren.
Wie soll diese Reform denn aussehen?
Langhammer: Entscheidend ist, dass wir eine Insolvenzordnung für Staaten und andere Gebietskörperschaften auf die Beine stellen. Die Gläubiger müssen auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichten und die insolventen Staaten im Gegenzug harte Reformauflagen erfüllen. Die bisherige Strategie des Durchwurstelns wird nicht mehr lange funktionieren.
Ist die Einführung von Parallelwährungen in der Euro-Zone rechtlich überhaupt möglich?
Meyer: Juristisch sauber wäre es, den Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union zu ändern, damit jeder Staat die Möglichkeit hat, aus dem Euro auszusteigen oder eine nationale Währung parallel zum Euro einzuführen. Alternativ könnte man im Einzelfall ein Land durch Zustimmung des EU-Rates aus der ausschließlichen Kompetenz der EU in Währungsfragen entlassen. Möglich wäre auch, dass ein Land autonom eine eigene Währung einführt. Dann könnten die anderen Länder dagegen vor dem Europäischen Gerichtshof klagen. Da es in der Regel bis zu drei Jahren dauert, bevor das Gericht Urteile fällt, wären bis dahin längst Fakten geschaffen.
Wer soll die Parallelwährung denn ausgeben und steuern?
Meyer: Dafür wäre die Zentralbank des jeweiligen Landes zuständig, in Deutschland also die Bundesbank. Sie würde die D-Mark ausgeben. Zugleich säße ihr Präsident als Mitglied im Rat der EZB und würde deren Geldpolitik mitbestimmen. Theoretisch könnte das zwar zu Interessenkonflikten führen, aber die Prioritäten der Bundesbank lägen eindeutig bei der Steuerung der nationalen Währung. Wenn Bundesbank-Präsident Jens Weidmann wie derzeit im Rat der EZB in der Minderheit ist, könnte er sein Missfallen mit der Politik der EZB durch die Geldpolitik der Bundesbank zum Ausdruck bringen.
Dann müssen die Bürger mit starken Wechselkursbewegungen leben.
Meyer: Die Auf- und Abwertungen sind als Korrekturmechanismen notwendig und gewollt. Deshalb plädiere ich für möglichst flexible Wechselkurse. Andere Befürworter von Parallelwährungen ziehen eine gelenkte Abwertung vor. Die Wechselkurse könnten dabei innerhalb großzügig bemessener Bandbreiten um einen festgelegten Leitkurs zum Euro schwanken. Gerät eine Währung wie die Drachme unter Abwertungsdruck, müsste die EZB sie allerdings durch Käufe stützen. Dann wäre die EZB gezwungen, die angekauften Drachmen in griechischen Staatsanleihen anzulegen. Um die Ausfallrisiken in der EZB-Bilanz in Schach zu halten, müsste man die Interventionen allerdings eng begrenzen oder einen Europäischen Währungsfonds gründen, der mit limitierten Mitteln am Devisenmarkt interveniert. Aber noch einmal: Ich bin kein Anhänger gelenkter Abwertungen. Ich ziehe frei schwankende Wechselkurse vor...
Langhammer: ...die extrem überschießen können. Die Drachme würde in den Keller gehen. Dann hat die griechische Regierung nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie greift durch Regulierungen in den Devisenmarkt ein. Oder sie nimmt hin, dass die Bürger den Euro der Drachme vorziehen und beendet das Experiment Parallelwährung.
Meyer: Sie betrachten nur die kurze Frist. Darüber hinaus habe ich Zweifel, dass der Euro gerettet werden kann. Um den Euro zu retten, haben die Regierungen hemmungslos gegen bestehende Verträge verstoßen und die Euro-Zone zu einer Transferunion umgemodelt, die falsche Anreize setzt und die Geberländer überfordert. Daran droht die gesamte EU kaputtzugehen. Fliegt der Euro auseinander, bricht das Chaos aus. Parallelwährungen können das verhindern. Denn sie setzen Selbsthilfe durch Abwertung an die Stelle von Fremdhilfe durch Transfers – und entschärfen so die Verteilungskonflikte.
Langhammer: Ich teile ja durchaus Ihre Befürchtungen, dass wir immer tiefer in eine Transferunion rutschen und die Euro-Länder realwirtschaftlich auseinanderdriften. Aber mit Parallelwährungen können Sie das nicht lösen. Dazu müssen Sie die realwirtschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen in den Ländern ändern.
Meyer: Gerade an dieser Durchsetzung hapert es doch. Nach meinem Konzept kann jedes Land eine eigene Parallelwährung einführen. Doch nur die Länder, die auch die Stabilitätskriterien und die Reformauflagen erfüllen, dürfen Mitglied im Rat der EZB bleiben und über die Geldpolitik der Euro-Zone mitbestimmen. Ein Land wie Griechenland, das permanent gegen die Reformauflagen verstößt, müsste den Rat der EZB verlassen und hätte keinen Einfluss mehr auf die europäische Geldpolitik. Weil die Rettungsschirme nur für Mitglieder der Euro-Zone konzipiert sind, könnte Athen keine Gelder mehr daraus beanspruchen.
Wäre es nicht sinnvoll, den Währungswettbewerb möglichst weit zu fassen und neben den staatlichen Notenbanken auch private Emittenten als Anbieter von Geld zuzulassen?
Meyer: Grundsätzlich ist das eine gute Idee. Die staatlichen Notenbanken in Europa, Asien und den USA bilden ein Kartell der Geldflutung zulasten ihrer Bürger. Daher wäre die Öffnung des Marktes für private Anbieter von Währungen ein nachdenkenswertes Experiment. Ich fürchte nur, dass dieser Ansatz derzeit zum Scheitern verurteilt ist. Zum einen dürfte das Konzept eines freien Marktgeldes die Bürger überfordern. Zum anderen hat die politische Klasse kein Interesse daran, das Staatsgeld aufzugeben.
Langhammer: Wir sollten uns fragen, ob eine Zersplitterung der Währungslandschaft, wie sie mit freiem Marktgeld verbunden ist, sinnvoll ist. Ich halte das für keinen geeigneten Weg zu einem stabileren System. Man schafft nur zusätzliche Probleme im Austausch zwischen den Währungen.
Warum? Es dürfte sich schnell Gold oder ein anderes Edelmetall als Währung durchsetzen.
Langhammer: Es mag sein, dass die Menschen Gold bei kleiner Stückelung auch als Zahlungsmittel nutzen. Aber das würde die Wachstumschancen der Wirtschaft erheblich einschränken. Allein schon um den Zugang zu Gold oder andern Edelmetallen zu erhalten, fallen enorme Kosten an. Und ob wir dauerhaft einen jährlichen Zuwachs an Edelmetallen von fünf bis sechs Prozent gewährleisten können, um das Wachstum der globalen Güterproduktion zu finanzieren, bezweifele ich.
Meyer: Wenn Sie Angst haben, das Gold könnte Ihnen ausgehen, dann nehmen Sie doch einen Rohstoffkorb und binden die Währung daran.
Langhammer: Schauen Sie sich mal um, in welchen Ländern die wichtigsten Rohstoffe liegen. Da wissen Sie doch heute nicht, ob Sie morgen noch Zugang zu den Rohstoffen haben. Mit einer rohstoffgedeckten Währung handeln wir uns nur einen Berg neuer Probleme ein.
Im 19. Jahrhundert haben die Menschen in Amerika mit Gold gezahlt, und die Preise fielen auf breiter Front. Trotzdem ist die Wirtschaft kräftig gewachsen.
Langhammer: Damals gab es die erste Globalisierungswelle. Aber die Welt war viel kleiner als heute. Es gab keine Schwellenländer, die Gläubiger- und Schuldnerverhältnisse spielten sich im Prinzip zwischen Industrieländern ab. Daher kann man aus dem damaligen Währungsregime nur begrenzt Rückschlüsse für heute ziehen.
Welche Chance geben Sie der Idee der Parallelwährungen in der politischen Praxis?
Langhammer: Ich sehe keine Chance auf eine Realisierung. Es gibt derzeit keine politische Mehrheit dafür.
Meyer: Wenn sich die Lage in Griechenland zuspitzt oder ein großes Land wie Italien Probleme bekommt, halte ich den Einsatz von Parallelwährungen für möglich. Die Politiker werden nicht zusehen, wie die Euro-Zone auseinanderbricht. Daher könnten sie Parallelwährungen einführen, weil sie ihnen helfen, das Gesicht zu wahren. Denn den Euro gibt es dann ja immer noch.