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Wachsende Wut Deutschland impft im Watschel-Schritt statt mit Warp Speed

Ein Schild mit einer Spritze hängt an der Zufahrt zum Impfzentrum in Hannover. Quelle: dpa

Bis Ende Mai können in den USA alle geimpft werden, in Deutschland warten 90-Jährige noch auf ihren Termin. Jetzt sollte deshalb nicht über Lockerungen gestritten, sondern die Impfkampagne vorangetrieben werden! Ein Kommentar.

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Wie groß das deutsche Impfdebakel ist, macht eine persönliche Erfahrung deutlich: Mein Schwiegervater lebt in den USA, er ist 66, am Montag erhält er seine zweite Impfung gegen das Coronavirus. Mein Großvater lebt in Nordrhein-Westfalen, er ist 93, er wartet noch immer auf seinen Termin. Erst Ende März ist er dran, das einzige Impfzentrum des Kreises liegt rund 40 Autominuten entfernt, allein wird er es nicht dorthin schaffen.

Während hierzulande also noch immer die schutzbedürftigsten Gruppen auf ihren ersten Termin warten, während viele Bundesländer auf Anfrage der WirtschaftsWoche noch nicht einmal mitteilen können, wie viele ihrer Über-80-Jährigen das Vakzin überhaupt erhalten haben, verkündet US-Präsident Joe Biden am Dienstagabend, dass alle Amerikanerinnen und Amerikaner bis Ende Mai geimpft sein können – ein Impferfolg, der das deutsche Impfdesaster nur umso deutlicher macht.

Deshalb sollte heute bei der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht vorrangig um Lockerungen gestritten werden – sondern alle Kraft wird gebraucht für den Fortschritt der Impfkampagne. Denn nicht Öffnungen sind der Weg aus der Pandemie, sondern der Schutz gegen das Virus. Je schneller und effektiver es bekämpft wird, desto besser sind die Perspektiven für Wirtschaft und Gesellschaft.

Ernüchternd klingen jedoch die Ziele im Beschlussentwurf zur heutigen Sitzung: Es bestehe „berechtigte Hoffnung auf eine immer leichtere Eindämmung der Fallzahlen im Sommer und auf eine Rückkehr zur Normalität“, heißt es in dem Beschlussentwurf zur heutigen MPK. Erst fünf Prozent der Bevölkerung sind laut RKI geimpft. Hoffnung darf im März 2021 keine Strategie mehr sein.

Dabei gibt‘s auch hierzulande einen Rekord zu verkünden, nur wenige Stunden vor Bidens Ankündigung: Einen Rekord-Rückstau an Impfdosen. Rund 3,4 Millionen Impfdosen sind nach Angaben des Tagesspiegels bereits ausgeliefert und noch nicht verimpft worden, eine Lieferung von weiteren 324 Millionen Impfdosen wird erwartet – mit der mangelnden Verfügbarkeit des Vakzins langsame Fortschritt also nicht mehr zu begründen.

Tausende Dosen des AstraZeneca lagern verteilt über die Länder in den Schränken, nicht nur wegen der Zurückhaltung gegen den Impfstoff, der auf Empfehlung der Ständigen Impfkommission (StiKo) bisher nur an Unter-65-Jährige verimpft werden soll. Sondern vor allem auch, weil das Einladungsmanagement angeblich nicht schnell genug umgestellt werden kann, um die Briefe korrekt zu verschicken. Ist Deutschland ein Hightech-Land oder ein Brieftauben-Verein?

Die Regierung lehnt es ab, AstraZeneca frei an interessierte Impfwillige zu vergeben. Und es gibt auch gute Gründe, weiter nach der Priorisierung vorzugehen – dann aber bitte nicht mit Watschel-Schritten, sondern mit „Warp Speed“.

Zwar sind Lehr- und Kita-Kräfte bereits hochgestuft worden in die Priorisierungsgruppe Zwei, doch werden sie Ende März in vielen Bundesländern wohl noch immer auf ihre Einladungen warten, während die USA ihre Lehrerinnen und Erzieher dann bereits geimpft haben wollen.

Warum wird auch hier nicht unorthodoxer gehandelt? Mobile Impfteams könnten schon jetzt Schulen und Kitas abklappern, die Bundeswehr, die schon jetzt Impfungen in Alten- und Pflegeheimen unterstützt, das Personal bereitstellen – doch zu groß ist offensichtlich die Sorge vor Ablehnung, gar Protest. So wie in einigen Berliner Gesundheitsämtern, wo Soldaten als Unterstützung bei der Kontaktnachverfolgung zunächst unerwünscht waren. Lieber mehr Tote hinnehmen, als Uniformen zu tolerieren?



Seit Mai 2020 leitet in den USA der Vier-Sterne-General und Logistik-Experte Gustave F. Perna die „Operation Warp Speed“. Seit Ende Februar hat die Bundesregierung ihre „Taskforce Impfstoffentwicklung“ eingerichtet, geleitet wird sie von Christoph Krupp, bisher Vorstand der Bundesanstalt für Immobilienangelegenheiten.

Und ohnehin: Wäre eine „Taskforce Impfstoffdistribution“ nicht gerade viel dringender? Angefragt beim Gesundheitsministerium, versteht die Sprecherin schon allein die Frage nicht. Für die Organisation der Impfkampagne seien die Länder zuständig, teilt sie mit – richtig, doch warum ist das Interesse an einer großen, gemeinsamen Kraftanstrengung zwischen Bund und Ländern angesichts des Debakels offensichtlich so gering?

Die Coronakrise ist eine „Jahrhundertaufgabe“, sagt die Kanzlerin. Doch Bund und Länder drohen gerade, Vertrauen zu verspielen. Dabei geht es um viel mehr als die anstehende Bundestagswahl: Es geht um das grundsätzliche Vertrauen in den Staat und die Frage, ob und wie er so eine „Jahrhundertaufgabe“ meistern kann.

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Merkel sollte den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten die I-Frage stellen: „Wie hältst Du es mit der Beschleunigung des Impfens?“. Bisher basteln die Länder an eigenen Lösungen, von Terminmanagement bis zum Impfquotenmonitoring. Doch die Herausforderungen der Kampagne – von Distribution bis Digitalisierung – müssen endlich und umgehend gemeinsam angegangen werden.

Es ist eine „Jahrhundertaufgabe“ – packt sie an.

Mehr zum Thema: Bekommen nur Geimpfte ihre Freiheit zurück? Dafür müsste erst einmal die verkorkste Impfkampagne richtig aufgesetzt werden.

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