Wirtschaft in Brandenburg: Brandenboom: Was steckt hinter dem Wirtschaftswachstum?
Über Brandenburg geht die Sonne auf.
Foto: REUTERSWiebke Reichenbach hätte nie gedacht, dass sie mal nach Cottbus zurückkehrt. Nach dem Abitur wollte sie einfach nur raus aus ihrer Heimat – etwas erleben. Jetzt, über zehn Jahre später, ist sie Leiterin des Cottbuser Gründungszentrums und führt durch den Bau mit nackten Betonwänden, verglasten Meetingräumen, 3D-Druckern und Kühlschränken mit Limo. Zwei junge Männer an einem langen weißen Tisch unterhalten sich über ihre Laptops hinweg auf Englisch. Ist das hier wirklich Brandenburg? Reichenbach wirkt zufrieden: „Das ist genau das, was wir wollen“, sagt sie. „Die beiden arbeiten für verschiedene Unternehmen und tauschen sich hier über ihr Geschäftsmodell aus.“
Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie zurückgekehrt ist in ihre Heimat. Mit dem Land, das sie einst verließ, hat das Brandenburg von heute nur noch bedingt zu tun.
Wo die Innovationslandschaft blüht
14 Start-ups haben sich bei Reichenbach eingemietet, alle Büros sind mittlerweile besetzt. Reichenbach und ihr Team unterstützen sie, zu wachsen und sich in Cottbus anzusiedeln. „Wir haben hier alles unter einem Dach, damit die Leute eben nicht abwandern und nach Berlin gehen.“ Im Gründungszentrum wird an Innovationen gebastelt: ein digitales Schlaflabor, Drohnen, Photovoltaikanlagen. Es werde sehr viel Geld in die Hand genommen, um Cottbus zu einem Innovationsstandort zu machen, so Reichenbach.
Vor dem Gründungszentrum stand an dieser Stelle ein Schwimmbad. Das Zentrum heißt auch deshalb heute Startblock B2. Wie ein Startblock im Schwimmsport soll es Gründerinnen Starthilfe geben.
Foto: imago imagesAuch außerhalb des Zentrums zieht es Start-ups in die Region. Thorsten Zander forscht in Cottbus mit seinem Start-up Zanderlabs an einer künstlichen Intelligenz, die von der menschlichen Hirnaktivität lernen und die Mensch-Computer-Interaktion revolutionieren soll. Die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg sei ihm sehr entgegengekommen. „Für mich war der genaue Ort, an dem ich meine Forschung durchführe, nicht so wichtig“, sagt Zander. Er habe sich auch an anderen Standorten umgesehen. „Cottbus war einfach sehr viel offener, dynamischer und interessierter.“ Die große Herausforderung laut Zander und Reichenbach ist jedoch, noch mehr junge und qualifizierte Leute nach Cottbus bekommen.
Im vergangenen Jahr war Brandenburg das Bundesland mit dem zweitstärksten Wirtschaftswachstum in Deutschland. Nur Mecklenburg-Vorpommern wuchs stärker. Um 2,1 Prozent legte Brandenburgs Bruttoinlandsprodukt preisbereinigt zu. In der gesamten Bundesrepublik stand ein Minus von 0,3 Prozent. Es tut sich etwas im Osten. Und in Brandenburg, wo an diesem Sonntag gewählt wird, sogar ganz besonders. Nicht nur wegen Tesla.
Aber: Tut sich schon genug?
Reint Gropp, Präsident des Leibnitz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), schränkt den Befund vom sogenannten Brandenboom gleich wieder etwas ein. Das Wachstum komme aus bestimmten Regionen Brandenburgs. „Es sind die Ballungsräume“, sagt Gropp. Gerade im Speckgürtel Berlins würde die Bevölkerung wachsen. Unternehmen suchen laut Gropp vor allem nach tiefen Arbeitsmärkten, um hochqualifizierte Leute einzustellen. „Unis, in denen Leute ausgebildet werden, die man einstellen kann, sind deshalb sehr wichtig.” Die eigene Universität und die Nähe zu Berlin sind somit Standortvorteile für Cottbus. Ob die Stadt jedoch selbst so ein Ballungszentrum werden kann, sei fraglich, dafür sei Cottbus zu klein.
Das Wachstum beschränke sich in Brandenburg nicht nur auf die Städte, sagt hingegen Lech Suwala, Stadt- und Regionalökonom an der Technischen Universität Berlin. In den vergangenen Jahren hätten sich Industriebetriebe immer wieder auf dem Land angesiedelt. Brandenburg sei für viele Unternehmen auch wegen der noch verfügbaren Flächen attraktiv, bei gleichzeitiger Nähe zu Berlin. „Industrieflächen sind bei Ansiedlungen oft der Engpassfaktor“, sagt Suwala. Nicht so in Brandenburg.
Frühschicht bei Tesla: Der Konzern ist essenziell für das Wirtschaftswachstum in der Region.
Foto: dpaIndustrie ist das Stichwort. „Das verarbeitende Gewerbe ist seit einigen Jahren der Schlüssel für Brandenburgs Wirtschaftswachstum“, erklärt Suwala. Besonders der Bereich Kraftwagen und -teile hätte zum Wachstum beigetragen.
Klar, wer da gemeint sein dürfte: Die Tesla-Fabrik in Grünheide hat ihren Anteil. Um den Standort des E-Autobauers entwickelt sich im Südosten vor Berlin eine Wertschöpfungskette für Batterien. Brandenburg soll Industriemagnet werden. In Orten wie Schwarzheide, Guben und Spremberg sollen hunderte Arbeitsplätze geschaffen werden, in einem Bogen von Berlin bis in die Lausitz.
Eine Studie im Auftrag der Brandenburger Wirtschaftsförderung (WFBB) sah das Bundesland Anfang 2023 als Zentrum der Batterieindustrie in Deutschland. Und die Branche wächst weiter. In Schwarzheide hat BASF im vergangenen Jahr eine Fabrik für Kathodenmaterial eingeweiht. In Guben an der polnischen Grenze baut der Rohstoffkonzern Rock Tech mit finanzieller Hilfe des Landes derzeit eine Lithium-Raffinerie auf. Bei Spremberg will Altech eine Fertigung für Vorprodukte von E-Auto-Batterien aufbauen.
Doch, auch das gehört zur Wahrheit, nicht alle Ansiedlungen in dem Bereich gelingen. In Lauchhammer in der Niederlausitz, eine Autostunde südwestlich von Cottbus, arbeiten zwei Männer in der Spätsommersonne daran, das Unkraut kleinzuhalten. Die Pflanzen sprießen in Büscheln aus den Fugen vor den Fabrikhallen, ihre Mähgeräte dröhnen über den leeren Parkplatz.
Die beiden Männer arbeiten im Auftrag von Svolt. Der Firmenname steht noch an der Klingelanlage. Eigentlich wollte der chinesische Batteriehersteller in Lauchhammer eine neue Zellfertigung aufbauen. Wollte, denn Ende Mai platzte die Ansiedlung.
Der Rückzug von Svolt ist die zweite Enttäuschung für den Ort binnen weniger Jahre. Hinter den weißen Hallen dreht sich ein einzelnes Windrad, in dunkelblauer Farbe prangt darauf der Schriftzug „Vestas“. Bis vor wenigen Jahren fertigte der dänische Hersteller von Windkraftanlagen hier. Etwa 1200 Mitarbeiter waren laut Gewerkschaftsangaben einmal bei Vestas in Lauchhammer beschäftigt. Im September 2021 wurde das Aus bekannt.
Ein knappes Jahr später kaufte Svolt das Gelände. Von 1000 neuen Arbeitsplätzen war die Rede. Es wäre eine der größten Ansiedlungen des Brandenburger Batterie-Clusters gewesen. Die spätere Absage begründete Svolt mit Unsicherheiten auf dem E-Auto-Markt und dem Wegfall eines Kundenprojekts. Nach einem Käufer wird gesucht.
Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach gibt sich mit Blick auf den Standort dennoch zuversichtlich. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt Steinbach. Schließlich habe Svolt zum Zeitpunkt der Entscheidung nur wenige Mitarbeiter eingestellt. „Ich bin mir sicher, dass es uns im nächsten halben Jahr gelingen wird, Nachfolger zu finden.“
Der Rückzug von Svolt zeigt aber auch die Risiken des brandenburgischen Batterie-Booms. Die Nachfrage nach Elektroautos stockt, in der Branche wächst die Unruhe. IWH-Präsident Reint Gropp warnt vor einer zu starken Abhängigkeit der Brandenburger Industrie von der Elektromobilität. „Die Automobilbranche ist in der gegenwärtigen Zeit eine besonders risikoreiche Branche.“
Die Industrie ist auf Strom angewiesen, am besten vor Ort. Seit über hundert Jahren bauen Bergleute in der Lausitz im Südosten Brandenburgs Kohle ab. Im Jahr 2018 förderte das Revier über ein Drittel der gesamten Kohle in Deutschland. Der wichtigste Arbeitgeber der Branche dort ist mit Abstand die Lausitz Energie Bergbau AG (Leag) – der zweitgrößte Stromerzeuger Deutschlands. Aber der geplante Kohleausstieg zwingt den Industriestandort, sich neu zu erfinden.
Mitten in der Lausitz entsteht der größte künstlich angelegte See Deutschlands. Das Wasser verbirgt den ehemaligen Tagebau der Leag. Noch ist der künftige See mit einem Bauzaun abgesperrt und noch nicht komplett von der Spree gefüllt. Am nordwestlichen Ufer des Sees steigen noch immer Dampfschwaden des Kraftwerks Jänschwalde auf, am nordöstlichen Ufer stehen über 30 Windkraftanlagen. Im Westen die Vergangenheit, im Osten die Zukunft.
Den Strukturwandel spüren auch die rund 7000 Angestellten des Konzerns. Davon dürften nur eine kleine vierstellige Zahl übrigbleiben, heißt es aus Unternehmenskreisen.
Jörg Steinbach, der Wirtschaftsminister Brandenburgs, ist stolz auf die Entwicklung in seinem Bundesland.
Foto: dpaThorsten Kramer, noch bis vor wenigen Tagen Geschäftsführer der Leag, war mit dem grünen Umbau beauftragt. „Es wird auf keinen Fall die Anzahl der Mitarbeiter sein, die wir heute haben“, bestätigt er.
Zuletzt saß Kramer noch in Leipzig auf der Bühne neben anderen Geschäftsführern der ostdeutschen Energiebranche. In grauen Nadelstreifen betonte er, wie wichtig der grüne Strom für die Industrie in Brandenburg sei. „Uns fragen Unternehmen mit Rang und Namen an, die sich ansiedeln wollen – aber nur mit ausreichend Grünstrom“, sagte Kramer.
Er trieb den Umbau der Leag bisher rigoros voran. Einen Tag nach der Diskussionsrunde aber war Schluss: Da entließ der Aufsichtsrat den CEO. Kramer dürfte sich mit seinen Umbauten keine Freunde gemacht haben. Der Transformationsdruck hat sein erstes Opfer.
Ob sein Nachfolger die Strategie fortführt? Ja, wird im Unternehmen beteuert. Im Zentrum der Leag-Strategie steht die „Gigawatt Factory“. Auf dem ehemaligen Kohlegebiet soll künftig grüner Strom entstehen – genug für vier Millionen Haushalte, rechnet das Unternehmen vor. Dafür sollen auf der Fläche bis 2030 Fotovoltaik-Parks und Windanlagen entstehen. Die Leag lässt sich das Projekt mehr als zehn Milliarden Euro kosten, um braun in grün zu verwandeln.
Das Potenzial sieht auch Ökonom Gropp: „Brandenburg hat gewisse Standortvorteile.“ Es gebe freie Flächen, grüne Energie und Wasser. „Das ist gerade bei der Chip-Produktion ein Riesenthema.“ Bisher ist das aber alles nur Theorie, eine Hoffnung, mehr nicht. Noch steckt die Gigawatt Factory in ihren Anfängen. In der Lausitz schürfen weiterhin die Bagger. Und die Kraftwerke dampfen.
Der Anfang – oder das Ende?
Aus der Brandenburger Landeshauptstadt Potsdam blickt der Wirtschaftsminister Jörg Steinbach in die Region. Und er entdeckt Fortschritt. Eine positivere Grundstimmung in Brandenburg sei ihm wichtig, erzählt der SPD-Politiker in weißem Hemd und roter Krawatte, die er nicht nur im Wahlkampf trägt, in dem er gerade steckt.
Da sei die Start-up-Szene in Potsdam und Cottbus. „In dieser Reihenfolge – aber Cottbus holt auf“, so der Minister. Er erwähnt den geplanten Lausitzer Science Park, in dem rund um die Technische Hochschule Brandenburg geforscht werden soll. Außerdem die Öl-Raffinerie Schwedt, die sich zum grünen Vorzeigeprojekt mausern will. Nicht zuletzt ist auch die Tesla-Fabrik essenziell für die Region.
Das Land hat mittlerweile ein paar interessante eigene Geschichten zu erzählen und ist nicht einfach nur ein Acker um die Hauptstadt. Wobei, geholfen hat dabei nicht zuletzt die Förderung des Bundes. Im Zukunftsbereich E-Mobilität konkurriere Brandenburg mit anderen Ländern und Standorten in Europa, sagt Regionalökonom Lech Suwala. „Ob diese Ansiedlungen zustande kommen, hängt oftmals vom Umfang oder zumindest Potenzial der Subventionen ab.“
Steinbach drückt es prägnanter aus: „Die Aktivitäten folgen dem Geld.“ Und davon fließt einiges nach Brandenburg. Das Strukturstärkungsgesetz, EU-Förderungen, und regionale Programme schütten Milliarden für die Region aus. Einen Fall Intel haben sie hier bislang verhindern können.
Doch auch der Minister muss zugeben: Brandenburg hat noch viel zu schaffen. Die wirtschaftliche Entwicklung der einzelnen Hotspots kommt kaum in abgelegeneren Regionen an. „Das ist eine der Kernaufgaben, an der wir arbeiten müssen“, sagt Steinbach.
Zudem fehlen die Fachkräfte, da geht es Brandenburg nicht anders als den meisten Regionen Deutschlands. Das Kompetenzzentrum für Fachkräftesicherung rechnet es genau aus: „Im Jahresdurchschnitt 2023/2024 fehlten in Brandenburg 22.823 qualifizierte Arbeitskräfte“. Für die rund Hälfte der offenen Stellen gibt es demnach keine passende, qualifizierte Person, die sie füllen könnte.
Für namhafte Betriebe wie Tesla in Grünheide mag das kein Problem sein, aber mittelständische Betriebe ringen seit Jahren mit Personallücken. „Fachkräfte schauen sich die Unternehmen genau an“, erkennt auch Steinbach. Besonders schwer hätten Firmen, die sich neuen Technologien verschließen oder die nicht deutlich genug zeigen, dass sie auf gute Arbeit, Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit setzen, sagt der Minister.
Die Wahl in Brandenburg könnte die politischen Rahmenbedingungen nun ins Wanken bringen. Das Bündnis Sahra Wagenknecht gibt sich in seinem Parteiprogramm offen kritisch gegenüber großen Konzernen – die der Region bereits jetzt schmerzlichen fehlen. Und die Industrie warnt vor fehlenden Fachkräften, sollte die AfD noch stärker werden. Das dürfte besonders für Brandenburg bedrohlich sein. Steinbach warnte zuletzt in einem Gespräch mit der WirtschaftsWoche: „Wenn die AfD an die Macht kommt, ist das der Todesstoß für die deutsche Wirtschaft.“
Und womöglich das Ende vom Anfang des zarten Brandenbooms.
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