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Zwölf-Sterne-Bewegung Jugendpartei „Volt“ will Europa umkrempeln

Volt: Jugendpartei will die Idee der Europäischen Union retten Quelle: REUTERS

Europa droht zu zerbrechen, doch zunehmend kämpfen junge Menschen dagegen: Die größte Jugendpartei heißt „Volt“ – sie will nächstes Jahr ins EU-Parlament einziehen

Es ist der 24. Januar 2017, als zwei junge Männer in einem New Yorker Chinarestaurant beschließen, die Idee der Europäischen Union zu retten. Bei asiatischen Nudeln und Reis entwickeln ein deutscher und ein italienischer Student, Damian Boeselager und Andrea Venzon, ihre Vorstellung einer europäischen Partei.

Heute sagt Boeselager über diesen Tag: „Wir wollten endlich dem Populismus etwas entgegensetzen — und gemeinsam Politik für ein geeintes Europa machen.“ Noch am selben Abend telefonieren die beiden über den Atlantik und rufen Colombe Cahen-Salvador an, eine 24-jährige Französin, die sofort von der Idee begeistert ist. Sie ist es auch, die den Namen für die Partei wählt: „Volt“. Neue Energie für Europa.

Wenige Wochen später folgt eine Homepage, schon in der ersten Nacht gibt es direkt 100 Neuanmeldungen, vier Monate später ist „Volt“ die größte europäische Jugendpartei mit mehr als 4000 aktiven Mitgliedern in allen Ländern der Europäischen Union. Tendenz: Steigend.

Die Partei wirkt tatsächlich wie ein Gegenpol zu vielen Bewegungen auf dem Kontinent. Denn die Idee der Europäischen Union ist ins Wanken geraten, rechte Bewegungen sind international auf dem Vormarsch: In Italien sitzen Populisten der Fünf-Sterne-Bewegung in der Regierung, der Front National hätte bei den vergangenen Wahlen in Frankreich fast die nächste Präsidentin gestellt und in Deutschland liegt die AfD in Umfragen teilweise nur noch wenige Prozentpunkte hinter der SPD.

Gegen diesen Trend stemmen sich seit geraumer Zeit internationale Bewegungen: Vor einem Jahr wurde die Bürgerinitiative „Pulse of Europe“ ins Leben gerufen. Jeden Sonntagmittag demonstrierten tausende Menschen in den jeweiligen Städten gegen den Populismus, mittlerweile sind die Proteste seltener geworden, doch nach wie vor da. Zwar war „Pulse of Europe“ eine reine zivilbürgerliche Angelegenheit und keine Partei. Doch gleichzeitig war dies auch der Wegbereiter für „Volt“: Der Partei, die der Deutsche Boeselager mitgegründet hat und die nächstes Jahr, so das selbsterklärte Ziel, 25 Sitze im EU-Parlament ergattern will.

Besuch bei einem Stammtisch-Treffen von „Volt“ in Berlin. 13 Leute sitzen in einem Restaurant, vor ihnen stehen Gläser mit Weißwein und Bier, jede Woche treffen sie sich. Heute ist knapp die Hälfte der Teilnehmer des Stammtischs zum ersten Mal da. Einer von ihnen ist ein 19-jähriger Jurastudent, der bei der Bundestagswahl die FDP wählte. Er sagt: „Mich interessiert an ‚Volt‘, dass sie wirklich in die Parlamente wollen und dort etwas verändern.“ Er will wissen, wofür „Volt“ denn politisch nun eigentlich steht. Der 30-jährige Boeselager, der neben ihm sitzt, zählt auf: „Wir wollen eine Vision für eine parlamentarische europäische Demokratie.“ Und wie sieht das praktisch aus? Boeselager weiter: „Migration und Asyl müssen endlich mit einem europäischen Einwanderungsgesetz und einem gemeinsamen Grenzschutz geregelt werden. Die derzeitige Situation und vor allem Dublin sind ein Zeichen der mangelnden Solidarität, des mangelnden Pragmatismus, und des mangelnden Respekts für diejenigen, die bei uns Schutz suchen.“

„Europa needs you“

Zudem brauche man eine europäische Arbeitsagentur, die den Fachkräftemangel mit europäischer Perspektive angehen kann. Und eine Kernforderung sei auch: „Firmen leiden unter dem derzeitigen bürokratischen Aufwand. Es sollte möglich sein, überall in Europa schnell Firmen mit wenig bürokratischem Aufwand zu gründen.“

Jetzt nickt der FDP-Wähler eifrig zustimmend. Klar rechts oder links lässt sich die Partei dennoch nicht verorten, zu vielfältigen sind die politischen Ideen. „Volt“ will seine Ziele nicht allein mit der Arbeit im EU-Parlament, sondern auch in den nationalen Parlamenten erreichen, ein Einzug in den deutschen Bundestag 2021 wird parteiintern schon geplant.

Während Boeselager dem Jurastudenten noch erklärt, was die Partei will, ist bei seinen Kollegen am Tisch eine erhitzte Diskussion darüber entbrannt, wie man die EU-Länder, in denen „Volt“ noch wenige Mitglieder hat, unterstützen könne. Viele der Berliner Vertretung kommen gerade von einer „Volt“-Tagung in Paris, wo sie etliche der internationalen Mitglieder kennengelernt haben.

Einer fragt, wohin man fahren solle, welche Länder sich anbieten würden, Spanien steht als Vorschlag im Raum. Daraufhin antwortet ein anderer: „In Spanien gelten Mainstream-Parteien noch als proeuropäisch. Da ist unsere Chance, was zu holen, relativ gering.“ Doch die Partei will mehr sein als reines Gegenprogramm zu den Populisten: „Wir wollen die Idee eines echten vereinten Europas wieder aufleben lassen“, sagt einer am Tisch, der aber nicht namentlich genannt werden will.

Mitten im Gespräch stehen auf einmal mehrere Parteimitglieder auf, sie starten eine spontane „Listening-Tour“. So nennen sie das, wenn sie einfach Leute auf der Straße nach deren Meinung zu Europa befragen und ihnen dabei ein Smartphone unter die Nase halten. „In Deutschland funktioniert das mit der Gerechtigkeit nicht so richtig“, sagt eine ältere Dame, und ein „Volt“-Mädchen tippt das Gesagte sofort in ihr Handy ein. Manchmal wirkt alles noch etwas unkoordiniert an diesem Abend, doch die Energie, die die einzelnen Teilnehmer ausstrahlen, scheint fast greifbar.

Bei der „Listening-Tour“ ist auch die Berliner Chefin dabei, überhaupt hat die junge Bewegung viele parteiinterne Titel vergeben: einen „Events-Lead“, einen „Berlin City Lead“ und jemanden, der sich um politische Strategie kümmert, den „Policy-Lead“.

Der Grund dafür, so erklärt es Boeselager: Klare Zuständigkeiten, mit Posten-Geschacher habe das nichts zu tun. Noch sind die Mitglieder ohnehin alle ehrenamtlich aktiv: Ein junger Mann aus der Gruppe mit dunkeln Haaren und Dreitagebart arbeitet als Grafikdesigner. Nach Feierabend hübscht er die Flyer von „Volt“ auf. Er zieht aus seiner Handyhülle einen auf dem in riesigen Lettern zu lesen ist: Europe needs you. Der Grafiker sagt: „Die Welt, in der wir leben, steht auf wackeligen Füßen — und die Populisten wollen uns die Beine mit voller Wucht wegtreten.“ Er werde noch etliche Feierabende mit der Arbeit für „Volt“ verbringen: „Mir ist es das wert, denn auch wenn es platt klingt: Wir dürfen nicht rechten Spinnern überlassen, in was für einem Land wir leben wollen. Dafür arbeite ich gerne mal unbezahlt bis in die Nacht.“

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