André Wilkens „Wir müssen Europa wieder vertrauen“

Europa geht es viel besser, als die meisten Leute denken, sagt der Autor und Europa-Optimist André Wilkens. Wie er die Menschen wieder für die Union begeistern will – und warum ein 1-Punkte-Plan dafür genügt.

Die Bewegung

Herr Wilkens, warum geht es Europa gerade so schlecht?
Ich glaube, so schlecht geht es Europa gar nicht. Klar, wir haben Probleme, es gibt Krisen – aber es gibt auch das Wahlergebnis aus den Niederlanden und die Pro-Europa-Bewegung „Puls of Europe“. Mein Gefühl ist, dass sich da gerade so etwas wie Optimismus für Europa entwickelt. Man könnte sagen: Wir schaffen das. Ich habe mich jedenfalls entschieden. Ich will ein Europa-Optimist sein.

Zur Person

In der öffentlichen Wahrnehmung kommt Europa nicht so gut weg…
Ja, und das nervt total. Es funktioniert nach der Logik des Herdentriebs. Seit ein paar Jahren finde alle Europa total schlecht. Dabei gab es auch mal Zeiten, in denen jeder ein stolzer Europäer sein wollte. Dann kamen Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise – und die Stimmung ist gekippt. Es fragt aber niemand, ob das wirklich europäische Probleme sind. Und es erinnert sich kaum noch jemand an die Leistungen der EU. Früher gab es hier ständig Krieg. Europa war der Nahe Osten der Welt. Das ist zum Glück vorbei. Europa hat doch geliefert. Der Kontinent steht viel besser da, als die meisten Leute denken.

Naja, die Briten verlassen die Union, in Frankreich könnte eine Rechtspopulistin Präsidentin werden, die Euro-Krise ist längst nicht gelöst.
Ich sage ja auch nicht, dass Europa perfekt ist. Natürlich gibt es viele Probleme. Aber wer sagt denn, dass es immer nur schlechter werden muss? Vor 15 Jahren galt Deutschland als kranker Mann Europas. Wenn da einer gesagt hätte, dass die Bundesrepublik im Jahr 2017 als führende Macht in Europa gelten wird, als liberaler Anker der Welt – das hätte doch niemand geglaubt. Warum sollte Europa sich nicht ähnlich gut entwickeln wie Deutschland?

Momentan sieht es eher nicht nach so einer Entwicklung aus.
Aber man könnte Sie auslösen. Dafür brauchen wir jedoch vor allem wieder Vertrauen in Europa. Das ist das Allerwichtigste. Wir brauchen einen 1-Punkte-Plan. Und der Punkt ist, dass wir das Vertrauen wiederherstellen müssen. Erst wenn wir das geschafft haben, können auch all die 10-Punkte Pläne funktionieren, die so schön erdacht werden.

Viele betrachten Europa als Akademiker-Projekt. Wie erklären Sie einer ärmeren Familie, warum die Bundesrepublik Geld für die Rettung Griechenlands hat, aber nicht für mehr Kindergeld oder Betreuungsangebote?
Das ist eine schwierige Sache. Die Frage ist, ob Deutschland Griechenland überhaupt gerettet hat. Ich glaube das nicht. Man hätte damals direkt Eurobonds einführen sollen – oder einen Länderfinanzausgleich nach Vorbild Deutschlands.

Und was würden Sie der Familie nun erzählen?
Dass Europa eben kein Elitenprojekt ist. Vom Frieden profitieren doch alle. Genauso ist es mit der Reisefreiheit. Und mit der Freiheit, sich überall niederlassen zu können. Das nützt Handwerkern genauso wie Akademikern. Wir sollten Europa nicht immer nur aus ökonomischer Sicht betrachten, sondern uns als Einheit verstehen. Dann kämen solche Fragen vielleicht gar nicht erst auf.

Die fünf großen Baustellen der EU

In Ihrem Buch erwähnen Sie das Erasmus-Programm als besonders gutes Beispiel für europäische Errungenschaften. Schon wieder so ein Bonus-Programm für ohnehin privilegierte Studenten.
Das ist doch Quatsch. Das Erasmus-Programm ist gerade dafür da, dass sich auch Studenten ohne finanzielle Unterstützung ihrer Eltern ein Auslandssemester leisten können. Das Programm ist ein riesiger Erfolg, da können Sie jeden Studenten fragen, der daran teilgenommen hat. Leider nehmen es aber bislang nur 20 Prozent aller Studenten an – das könnte man tatsächlich noch ausbauen. Und man sollte ähnliche Programme für Auszubildende auflegen, für Senioren, für Menschen, die sich freiwillig engagieren wollen. Man könnte auch jedem Europäer zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket schenken. Es wäre so einfach, die Menschen wieder für Europa zu begeistern.

Und wer soll das alles bezahlen?
Es wäre ein leichtes, Überkapazitäten innerhalb der EU abzubauen. Jedes Land hat seine eigene Armee – obwohl wir doch hoffentlich davon ausgehen, dass wir nie wieder gegeneinander auf Schlachtfeld ziehen werden. Warum legen wir die Truppen dann nicht zusammen? Oder die Geheimdienste: auch die könnte man zusammenführen und so viel Geld sparen und zudem schlagkräftiger werden. In der Wirtschaft fusionieren Unternehmen doch auch, wenn sie dadurch stärker werden und Geld sparen können.

Also mehr Europa wagen?

Ich bin kein Europa-Fundamentalist. Es gibt viele Politikfelder, die man besser auf europäische Ebene regeln kann: Energie, Verteidigung, Klima, Außenpolitik. Andere Dinge sollte man wieder in die regionale Verantwortung zurückgeben. Ich bezweifle, dass es wirklich nötig ist, Traktorsitze zu standardisieren.

Sie selbst haben eine ziemlich europäische Biografie – was begeistert Sie an Europa am meisten?
Meine Geschichte fängt hinter der Mauer an, ich bin in Ost-Berlin aufgewachsen. Für mich war immer die Reisefreiheit das Tollste an der EU. Die Möglichkeit, woanders hin zu reisen, andere Menschen kennen zu lernen, sie lieben zu lernen, sie zu heiraten – das ist doch eine wunderbare Sache. Und für die will ich wieder mehr Menschen begeistern.

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