WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Griechenland-Rettung Angela Merkels nächstes Opfer

IWF-Chefin Christine Lagarde war die ultimative Machtfrau – bis sie Angela Merkel begegnete. Die nutzte Lagarde erst aus und könnte sie nun stürzen.

Bundeskanzlerin Merkel, IWF-Chefin Lagarde Quelle: dpa

Es gibt eine Anekdote, die Christine Lagarde gerne Journalisten erzählt, sie hat mit einem deutschen Mann zu tun. Am Morgen ihres 57. Geburtstages, so erinnert sich die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), klopfte es an ihrem Hotelzimmer in Mauritius, wo Lagarde gerade mal wieder die Welt zu retten versuchte. Und was war zu sehen im warmen Inselstaat, rund 10 000 Kilometer Luftlinie entfernt vom kalten Berlin? Ein wunderschöner Blumenstrauß, garniert mit einer handgeschriebenen Notiz, von „meinem Freund Wolfgang Schäuble“.

Es ist nicht weiter bemerkenswert, dass Lagarde, mittlerweile 59, diese Anekdote so mag. Bemerkenswert ist eher, dass Lagarde so oft von ihrem „Freund“ Schäuble spricht. Denn diese Häufigkeit bildet einen hübschen Kontrast zu der Zahl, wie oft sie über ihre Freundin Angela Merkel spricht; nämlich nicht allzu häufig. Die IWF-Chefin steht in der Euro-Krise seit Jahren an Merkels Seite, aber richtig vertraut hat Lagarde der vielleicht einzigen Frau auf der Welt mit noch mehr Macht nie.

Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

Zu Recht. In den vergangenen Wochen, da die Kanzlerin um Zustimmung für ihr drittes Griechenhilfspaket werben musste, war nämlich mal wieder hautnah zu erleben, wie „Merkel den IWF für ihre Zwecke missbraucht“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb – mit bitteren Folgen für dessen Chefin. Lagarde muss sich 2016 zur Wiederwahl stellen, ist intern aber durch ihr Mitwirken am Ringen um Griechenland so angeschlagen, dass nur wenige ihr eine zweite Amtszeit zutrauen. „Es gibt eine lange Liste von Männern, deren Karriere Merkel ruiniert hat“, sagt ein Berliner Kenner. „Christine Lagarde könnte die wichtigste Frau werden.“

Merkel entwaffnet Kritiker

Zwar lehnt Merkel einen von Lagarde geforderten offenen Schuldenschnitt für Griechenland bislang entschieden ab, aber dennoch kam sie IWF-Forderungen nach Schuldennachlass für das bankrotte Griechenland zuletzt scheinbar entgegen. Die CDU-Chefin raunte auf einmal vom „Spielraum“, den es bei Zinssätzen und Laufzeiten der Griechenlandkredite gebe, bis zu 60 Jahre könnten die dauern. Statt wie bislang geplant in zehn Jahren soll Griechenland deutlich später anfangen, Zinsen zu zahlen. Käme es dazu, könnte der IWF im Herbst doch noch ohne Gesichtsverlust entscheiden, weiter in Athen mitzumischen.

"Das ist ein eindeutiges Misstrauensvotum gegen die Verhandlungen"
Wolfgang Schäuble Bundestag Griechenland Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Bundestag Griechenland Quelle: dpa
Thomas Oppermann Griechenland Bundestag Quelle: dpa
Klaus-Peter Willsch, Bundestag Quelle: dpa
Anton Hofreiter Bundestag Griechenland Quelle: dpa
Clemens Fuest Griechenland Quelle: Reuters
Gregor Gysi Bundestag Quelle: dpa

Nur: Merkel schlägt die neuen Töne aus demselben Grund an, mit dem sie einst darauf drang, den Fonds überhaupt ins EU-Krisenmanagement einzubeziehen. Dessen scheinbar unbestechliche Erfahrung im Krisenmanagement sollte als geliehene Legitimation dienen, so wie Unternehmenschefs gerne McKinsey mit dem Überbringen unangenehmer Wahrheiten beauftragen.

Es ging der Kanzlerin nicht in erster Linie darum, den Griechen zu helfen (die über hohe IWF-Zinsen stöhnen) oder gar Lagarde zu stärken – sondern den Währungsfonds als Schutzschild zu nutzen, um heimische Kritiker am Euro-Rettungskurs zu entwaffnen.

Dieses Schutzschild zückten Merkels Leute auch in den vergangenen Tagen, als sie erneut suggerierten, Griechenlands Kredite würden dank des IWF wenigstens nur 60 Jahre gestreckt und nicht Hunderte, wie es Franzosen und Italiener vorschwebten.

Und wieder mal scheint der Lagarde-Joker Merkel geholfen haben. Zwar stimmten 63 Unionsabgeordnete am Mittwoch im Bundestag gegen das dritte Hilfspaket für Athen, 17 Skeptiker aus der CDU/CSU blieben der Abstimmung fern, drei enthielten sich. Aber die befürchtete Revolution blieb aus, Merkel kam mit einem blauen Auge davon.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%