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Nachruf auf Elizabeth II.Geprägt vom Niedergang des britischen Weltreichs

Mit der Queen verliert Großbritannien eine zentrale Konstante seiner jüngeren Geschichte. In 70 Jahren auf dem Thron hat sie den tiefgreifenden Wandel des Landes begleitet und mitgestaltet – durch alle Krisen.Sascha Zastiral 08.09.2022 - 22:11 Uhr

Die britische Königin Elizabeth II. ist im Alter von 96 Jahren verstorben.

Foto: AP

Als Königin Elizabeth II. im Februar 1952 nach dem Tod ihres Vaters, König Georg VI., mit gerade einmal 25 Jahren plötzlich Königin wurde, war die Welt eine andere. Europa steckte nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges im Wiederaufbau. Das britische Empire, das erst drei Jahrzehnte zuvor seine größte Ausdehnung erlebt hat, befand sich auf seinem unaufhaltsamen Abstieg.

Die Folgen des Krieges waren in Großbritannien damals noch überall zu sehen: Viele Städte lagen Anfang der 50er-Jahre noch immer in Trümmern. Es mangelte an Wohnraum. Einige Lebensmittel wurden weiter rationiert. Es herrschte Not. Die Nachkriegsregierungen in London setzten zunächst jedoch andere Prioritäten: Während Deutschland und Frankreich die milliardenschweren Hilfsgelder aus dem amerikanischen Marshall-Plan dazu nutzen, ihre Industrien, Schienen und Straßen so schnell wie möglich zu modernisieren, gab London nach dem Kriegsende weiterhin etliche Milliarden Pfund dafür aus, um den Weltmachts-Anspruch des Landes aufrechtzuerhalten – einschließlich eines riesigen Militärs.

Die Suezkrise ab dem Jahr 1956, bei der Großbritannien und Frankreich erfolglos versuchten, die Kontrolle über den Suezkanal an sich zu reißen, machte offenkundig, dass Großbritannien seine Weltmachtstellung verloren hatte. Großbritannien war fortan nur noch eine Mittelmacht. Die Demütigung beschleunigte die Dekolonisierung, die Krise trug somit wesentlich zur Auflösung des britischen Empires bei. Zumindest konnte sich London in der Folgezeit auf den Wiederaufbau der Wirtschaft und des Landes konzentrieren. Und so erfuhr das Land während des darauffolgenden Jahrzehnts eine der größten Wachstumsraten aller Zeiten.

Monarchie

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Der Eindruck vom Niedergang des britischen Weltreichs dürfte auch Königin Elizabeth II. lebenslang geprägt haben. Geboren im Jahr 1926, erlebte sie schon als Kind eine ganze andere existenzielle Krise mit – und zwar eine, die das Ende der Monarchie hätte besiegeln können. Ihr Onkel, König Eduard VIII., gab 1936 seinen Thron ab, um seine amerikanische Geliebte heiraten zu können. Damit stürzte er nicht nur das Land in eine schwere Verfassungskrise. Er erschütterte damit auch die Stabilität des Königshauses. Diese Erfahrungen dürften sie dazu bewegt haben, sich lebenslang für Stabilität einzusetzen.

Nach den schwierigen 50ern kam das Land wirtschaftlich gut durch den Großteil der 1960er-Jahre. Die Arbeitslosigkeit sank. Gegen Ende des Jahrzehnts verlangsamte sich das Wachstum des Nachkriegsbooms allerdings. Die 1970er-Jahre waren für das Land ein Jahrzehnt der Krise: Immer mehr Briten verloren ihre Arbeitsplätze, die Inflation stieg rasant an, es kam zu zahlreichen Streiks. Im gesamten Land herrschte Unruhe. Weder konservative noch Labour-Regierungen fanden einen Ausweg aus der Krise.

Margaret Thatcher, die Eiserne Lady, unterwarf das Land nach ihrem Amtsantritt 1979 einer drastischen Zwangstherapie. Sie überließ viele traditionelle Industrien dem Verfall und nahm eine schwere Rezession in Kauf, um die Inflation zu bekämpfen. Dass sie damit Millionen von Briten ins Elend stürzte, nahm sie in Kauf. Thatcher verkleinerte den Staat, entmachtete die Gewerkschaften und setzte das Land auf einen radikalen Privatisierungskurs. Ende der 1980er-Jahre hatte sich die wirtschaftliche Lage zwar stabilisiert und es ging wieder bergauf. Die sozialen Folgen von Thatchers Radikalkurs machen sie jedoch bis heute zu einer zutiefst kontroversen Figur.

Die unruhige Zeit wirkte sich auch auf das Verhältnis zwischen der Queen und der Regierungschefin aus. Die beiden Alpha-Frauen kamen nicht gut miteinander zurecht. Ein bis heute legendärer Artikel in der "Sunday Times" aus dem Jahr 1986 befand, dass die Königin über die „gleichgültige“ Premierministerin bestürzt gewesen sei. Die Queen bemühte sich zwar auch damals darum, sich öffentlich aus der Politik herauszuhalten. Hinter den Kulissen brodelte es aber Insidern zufolge häufig, wenn die beiden aufeinander trafen.

So ärgerte sich die Queen offenbar über Thatchers Weigerung, Sanktionen gegen das Apartheids-Regime in Südafrika zu verhängen. Sie soll Thatcher einmal als „streitlustig und gesellschaftlich polarisierend“ bezeichnet haben. Dennoch gelang es den beiden während der elf Jahre, die Thatcher im Amt war, zusammenzuarbeiten. Später soll sich die Queen sogar für den kritischen Artikel entschuldigt haben, der offenbar zu Stande gekommen war, nachdem Palast-Insider Informationen zur Presse durchgestochen hatten.

Die größte Krise für das Königshaus während ihrer Zeit auf dem Thron hatte nichts mit der Politik oder Wirtschaft des Landes zu tun. Sie kam mit dem Tod von Königin Elizabeths Schwiegertochter, Prinzessin Diana, im Jahr 1997. Die zunächst unterkühlt wirkende Reaktion des Palastes sorgte im Land für einen Aufschrei. Die Queen brach daraufhin mit dem Protokoll, reiste aus dem Schloss Balmoral in Schottland nach London und erwies ihrer ehemaligen Schwiegertochter die Ehre.

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von Sascha Zastiral

Obwohl Elizabeth II. zeitlebens als relativ altmodisch galt, hat sie das Königshaus während ihrer Zeit auf dem Thron dennoch stark modernisiert. Die starren königlichen Empfänge für Mitglieder der Oberschicht wichen Gartenpartys, ausgedehnten Luncheons und unzähligen Besuchen im gesamten Land, die es den Briten ermöglichten, näher an ihre Monarchin heranzukommen als je zuvor. Auch das erklärt, warum bis heute ein Großteil der Briten die Monarchie unterstützt.

Die wohl größte politische und gesellschaftliche Verwerfung in der jüngeren Zeit reicht bis in die Gegenwart: der Brexit. Zwar haben sich bis heute viele Gegner des EU-Austritts mittlerweile mit dem Ausgang des EU-Referendums 2016 arrangiert. Der Brexit ist und bleibt allerdings weiterhin ein Reizthema.

Umso erstaunlicher ist es, dass es der königlichen Familie gelungen ist, ihre privaten Ansichten dazu für sich zu behalten. Entsprechend monumental war der Aufschrei, als Rupert Murdochs Revolverblatt „The Sun“ im Vorfeld des EU-Referendums 2016 plötzlich behauptete: „Die Queen unterstützt den Brexit“. Die sensationelle Schlagzeile beruhte darauf, dass sich die Königin einmal während eines Mittagessens auf Schloss Windsor gegenüber dem damaligen EU-Befürworter und Vizepremier Nick Clegg wütend über Brüssel geäußert haben soll. Der Buckingham-Palast beschwerte sich bei der unabhängigen Presseaufsicht, die gab der Beschwerde Recht. Der Palast erklärte öffentlich, dass die Queen auch in Sachen Brexit „politisch neutral“ bleibe, so wie sie es „in den 63 Jahren zuvor“ auch getan habe.

Wie sich die Queen, die zu ihren Lebzeiten 15 Premierminister kommen gesehen hat, mit Boris Johnson verstanden hat, der in ihren letzten Lebensjahren für so viel Aufruhr gesorgt hat, ist nicht bekannt. Elizabeth II. starb nur zwei Tage, nachdem sie ihn gemäß ihren verfassungsmäßigen Pflichten entlassen und Liz Truss in den Posten der Premierministerin berufen hat.

Das Großbritannien von heute, mit seiner fast ganz auf Dienstleistungen fokussierten Wirtschaft, seinen hochmodernen Metropolen und seiner zutiefst multikulturellen Gesellschaft, ist jedenfalls kaum noch mit dem Land zu vergleichen, in dem Elizabeth II. vor 70 Jahren den Thron bestiegen hat. Den Wandel hat sie stets angenommen, begleitet – und mitgetragen.

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