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Olympia und Nachhaltigkeit„Einige französische Städte sind weiter fortgeschritten als Paris“

Fahrradland Frankreich? Abseits der Tour de France wohl eher nicht. Dennoch hofft die Branche, dass das Fahrrad künftig auch im Nachbarland als Alternative zum Auto wahrgenommen wird.Sebastian Schug 05.08.2024 - 10:05 Uhr

Fahrradfahrer fahren auf einer Busspur für Paris 2024 an einem Polizeifahrzeug vorbei.

Foto: Michael Kappeler/dpa

Wer das Lebensgefühl Frankreichs mit der Leichtigkeit einer Fahrradtour im Sommer verbindet, muss sein Bild des Nachbarlandes unter Umständen nachjustieren. Zumindest noch. Die französische Fahrradbranche hofft, durch die Olympischen Spiele in Paris einen Schub zu bekommen. Paris soll sich den Gästen aus aller Welt als Fahrradstadt präsentieren. Das zumindest hofft der Gründer des Fahrradvertriebs- und Fahrradtour-Anbieters Holland Bikes, Bart Vos.

WirtschaftsWoche: Was unterscheidet das Fahrradland Frankreich von den Niederlanden oder Deutschland?
Bart Vos: Wie die Tour de France zeigt, war der Radsport in Frankreich lange Zeit ausschließlich auf Sport und Freizeit (Rennrad und Mountainbike) ausgerichtet und wurde nicht wie in den Niederlanden und Deutschland als alltägliches Verkehrsmittel betrachtet. Dies begann sich Anfang 2000 langsam zu ändern, als die Franzosen das Fahrrad allmählich als umweltfreundliche und effiziente Alternative zum Auto wiederentdeckten.

Was haben Sie als Unternehmensgründer an Infrastruktur und auch Fahrradkultur vorgefunden, als Sie in Frankreich gestartet sind?
Im Jahr 2001 trafen die Mitbegründer von Holland Bikes, Rob Lemmerlijn und ich, mit dem Team von Bertrand Delanoë, dem Bürgermeister von Paris, zusammen, das gerade die ersten 100 Meter Fahrradweg in der Stadt fertiggestellt hatte. Sie erzählten uns, wie schwierig es war, die verschiedenen Interessengruppen in der Stadt davon zu überzeugen, dass dies der richtige Weg ist. Viele Ladenbesitzer waren gegen den Plan, weil sie befürchteten, dass sie durch den Verlust von Parkplätzen Geschäftseinbußen erleiden würden.

Zur Person
Bart Vos ist Mitbegründer des französisch-niederländischen Fahrradunternehmens Holland Bikes.

Das hört sich für meine Ohren bekannt an.
Interessanterweise hatten die Ladenbesitzer in Amsterdam in den 1970er-Jahren genauso reagiert, aber jetzt weiß jeder in den Niederlanden, dass das Fahrradfahren den innerstädtischen Handel deutlich erhöht. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, schaut sich viel mehr nach Geschäften um als Autofahrer, und auf dem Parkplatz für ein Auto können zehn Fahrradkunden stehen.

Was hat sich seit dieser Zeit entwickelt?
Drei Dinge sind geschehen: Das Interesse der Öffentlichkeit an der Nutzung des Fahrrads als Verkehrsmittel ist gestiegen, die Anzahl der Fahrradwege hat stark zugenommen (mehr als 1000 km in Paris heute) und eine professionelle Industrie- und Einzelhandelsstruktur hat sich entwickelt, um das Stadtrad zu unterstützen. Als wir 2002 anfingen, gab es nur vier renommierte Fahrradgeschäfte im Zentrum von Paris. Heute gibt es mehr als fünfzig und die Zahl steigt jedes Jahr.

Wie hat Ihr Unternehmenskonzept sich an die Entwicklung angepasst?
Holland Bikes ist seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 2002 eine treibende Kraft bei der Umgestaltung der Pariser Fahrradlandschaft. Wir begannen mit der Einführung von robusten, qualitativ hochwertigen Stadtfahrrädern, weil es keine geeigneten Produkte gab. Ich werde nie die Frau in einem schönen gelben Kleid vergessen, die auf einem Mountainbike über den Place de la Concorde zur Arbeit fuhr. Ohne es zu wissen, war die Rückseite ihres Kleides mit schwarzen Flecken übersät, weil das Sportrad keine Schutzbleche hatte. Seitdem haben wir unsere Fahrradläden in Paris und anderen Städten eröffnet und viele Partnergeschäfte in Frankreich in der Philosophie „Faire du vélo à la Hollandaise“ (Radfahren als Transportmittel) geschult. Um die notwendigen infrastrukturellen Veränderungen (Fahrradwege und -parkplätze) voranzutreiben, haben wir auch Exkursionen in die Niederlande für lokale Delegierte der großen französischen Städte organisiert.

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Aber dabei ist es nicht geblieben, oder?
Vor zwölf Jahren begannen wir mit dem Fahrradverleih und geführten Radtouren für ausländische Touristen in Paris, Nizza Côte d'Azur sowie auf der Ile de Ré an der Atlantikküste – bekannt als die „französische Fahrradinsel“. Es war ein großer Erfolg. Unsere erste geführte Tour in Paris hatte nur drei Kunden, und heute führen wir jährlich über zweihunderttausend Besucher durch die Stadt. Vor allem die Niederländer und Deutschen lieben es, Paris mit dem Fahrrad zu erkunden.

Was versprechen Sie sich von den Olympischen Spielen in Paris, die ja den Anspruch erheben, besonders nachhaltig zu sein?
Ich erwarte, dass es ein großer Erfolg wird. Unsere Gespräche mit dem Pariser Organisationskomitee begannen vor mehr als zwei Jahren, und es war klar, dass sie damit rechneten, dass viele Besucher das Fahrrad nehmen würden, um sich in der Stadt zu bewegen. Es wurden viele strukturelle Verbesserungen vorgenommen, und wir sind sehr stolz darauf, dass unsere Fahrräder sogar Teil des offiziellen Videos zur Ankündigung der Olympischen Spiele in Paris waren.

Welche Rolle spielt dabei der von Bürgermeisterin Anne Hidalgo eingeschlagene Verkehrswende-Kurs?
Ich finde es komisch, dass die meisten Journalisten in Frankreich und im Ausland immer Anne Hidalgo als Initiatorin der Verkehrsrevolution in Paris bezeichnen. Die Leute haben ein kurzes Gedächtnis, denn der eigentliche Initiator war ihr Vorgänger Bertrand Delanoë vor 23 Jahren. Nach Jahrzehnten des Konservatismus war Delanoë der erste linke Bürgermeister und er wollte Paris wieder zu einer lebenswerten Stadt machen. Er ging gegen den Strom, begann das Fahrrad zu fördern und initiierte „Paris Plage“ – die Sommerstrände entlang der Seine im Sommer.

Aber hat Hidalgo gar keinen Anteil an der Entwicklung?
Anne Hidalgo hat 2014 lediglich die „Flamme“ abgenommen und dieselbe Politik fortgesetzt. Die Lektion hier ist, dass es 23 Jahre – eine Generation – gedauert hat, um den kulturellen Wandel zu vollziehen und von einer völlig verstopften und verschmutzten Stadt, in der die Autos im Stau standen und entlang der Seine hupten, zu den schönen Geh- und Radwegen zu gelangen, die wir heute genießen. Und wenn wir ehrlich sind, sind wir immer noch nicht so weit.

Glauben Sie, dass das Vorbild Paris in Sachen Verkehr auch auf das restliche Frankreich ausstrahlen wird?
Ja, das wird es, und in einigen Fällen sind andere französische Städte weiter fortgeschritten als Paris, aber sie bekommen einfach weniger Aufmerksamkeit von den Medien. Nehmen Sie zum Beispiel die Stadt Lyon und ihr Umland, bekannt als „Métropole de Lyon“ oder „Grand Lyon“. Lyon hat das öffentliche Bike-Sharing-System viele Jahre vor Paris eingeführt. In Lyon heißt es Vélo'v (eine Kombination aus „vélo“ und „love“) und in Paris nannte man es Vélib' (eine Kombination aus „vélo“ und „liberté“).

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Was macht Lyon vielleicht sogar besser als Paris?
Das Gebiet von Grand Lyon ist bereits vollständig mit Fahrradautobahnen verbunden, während Paris damit kämpft, sein Stadtzentrum mit den Außenbezirken (Banlieues) zu verbinden.

Was erwarten Sie von der Entwicklung des Fahrradmarktes in Frankreich in den nächsten Jahren?
Der Markt hat während der Covid-19-Pandemie einen enormen Aufschwung erfahren, da viele Menschen das Fahrrad als neuen Weg zur Arbeit und für den Schulweg ihrer Kinder nutzen. Die Herausforderung für die lokalen Behörden besteht darin, die temporären Radwege dauerhaft breiter und sicherer zu machen – getrennt von den Autos wie in Deutschland und Holland – und auch mehr geschützte Parkplätze bereitzustellen. Die meisten Menschen möchten ihr Fahrrad anstelle des Autos benutzen, fühlen sich aber auf der Straße nicht sicher und wissen nicht, wo sie es abstellen können. Hier gibt es noch viel Raum für Verbesserungen.

Was ist Ihr großes Ziel?
Die Geschäftsführung von Holland Bikes formulierte die Vision kürzlich in einer Strategiesitzung mit den Verantwortlichen von Grand Lyon: „Wenn achtjährige Kinder in Frankreich mit dem Fahrrad zur Schule fahren, wie sie es in Deutschland und Holland tun, kann man sagen, dass man die Schlacht gewonnen hat. Anstatt von ihren Eltern abhängig zu sein und im Auto zu sitzen, werden diese Kinder ihre Freiheit finden.“

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