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Peter Grütter „Schweiz zeigt, wie Deutschland 5G längst nutzen könnte“

Der Präsident des Schweizerischen Verbandes der Telekommunikation Asut, Peter Grütter, über den reibungslosen Netzausbau im Alpenland. Quelle: imago

Peter Grütter, Chef des Schweizer Telekom-Verbandes Asut über den reibungslosen Netzausbau im Alpenland, deutsche Bürokratie – und das Problem von 20 Jahre alten Strahlen-Grenzwerten.

Herr Grütter, in der Schweiz startet gerade das neue, schnelle Handynetz 5G. In Deutschland sind noch nicht einmal die Frequenzen versteigert. Wie kann das sein?
Ich will Deutschland hier keine Hinweise geben, was sie besser machen können. Was stimmt ist, dass bei uns alles schneller geht. Dass hier weniger Hürden aufgebaut werden, dass man sich in der Schweiz schnell mal zusammensetzen kann um die Probleme zu lösen. Wir haben es in den letzten zwei Jahren geschafft, eine gewisse Aufmerksamkeit bei allen politischen und wirtschaftlichen Akteuren zu kreieren. Das hat es uns natürlich leichter gemacht und dafür gesorgt, dass der ganze Prozess relativ glatt und geräuschlos über die Bühne ging.

Also ist 5G vor allem Ihnen zu verdanken? Nicht wirklich, oder?
Alle sind sich einig, dass wir eine moderne Telekom-Infrastruktur brauchen. Das ist heutzutage ein Standortfaktor. Ebenso wie Straßen, Strom und Sicherheit. Gerade als Land, das sich vor allem durch seine Arbeitsethik auszeichnet, brauchen wir moderne Infrastrukturen um gegen andere Standorte mithalten zu können.

Der starke Franken übt zudem ohnehin schon Druck auf die Industrie aus, wettbewerbsfähig zu sein. Die brauchen also an anderer Stelle Erleichterung – und haben deshalb bei 5G Druck gemacht. Das hat uns geholfen: wir haben Economiesuisse, den Dachverband der Schweizer Wirtschaft, auf unserer Seite.

Zur Person

Kritiker bezeichnen das, was jetzt an den Start geht, als 5G-light. Weil es nicht nur an mobilen Endgeräten, sondern auch Industrie-Anwendungen fehlt, um die Technologie voll zu nutzen. Ist der ganze 5G-Hype also eher ein schöner Budenzauber?
Die Schweiz ist ein sehr pragmatisches Land. Das zeichnet uns aus. Sunrise nutzt diese Flexibilität. Die warten nicht erst darauf, dass es Maschinen oder Handys gibt, die 5G brauchen. Die zeigen, dass man mit der Technologie schon heute schnelles Internet in abgelegene Gebiete bringen kann. Das ist ein Paradebeispiel, wie man 5G auch in Deutschland jetzt schon nutzen könnte. Der ländliche Raum muss angeschlossen werden. Das ist hier in der Schweiz dasselbe wie bei euch. Dazu brauchen wir 5G. Es sollen nicht noch mehr Firmen hinunterkommen müssen ins Tal, wir brauchen die Arbeitsplätze vor Ort, oben auf dem Berg. Aber dazu brauchen die Unternehmen dort heute schnelles Internet.

Gut möglich, dass 5G in der Schweiz vorerst eine Technik für den ländlichen Raum bleibt. Die Ballungszentren Zürich oder Bern jedenfalls werden nicht zuerst versorgt.
Unser großes Problem sind die Strahlen-Grenzwerte. Die wurden hier vor 20 Jahren schon festgelegt, sind zehnmal schärfer als das, was die Weltgesundheitsorganisation WHO vorsieht. Das führt dazu, dass unser Netz heute in den Ballungsräumen zu 90 Prozent ausgereizt ist. Wir haben deshalb in der Vergangenheit mehrfach versucht, die Grenzwerte anzupassen – und sind bislang jedes Mal gescheitert. Nun versuchen wir, die mittlere Strahlenbelastung neu zu berechnen. Auch bieten wir an, die Strahlenbelastung schweizweit zu überwachen, um mögliche Gesundheitsgefahren festzustellen.

Und wenn Sie damit nicht durchdringen?
Wenn die Grenzwerte so bleiben und nichts geschieht, dann bleibt nur, neue Masten zu bauen. Nach unseren Berechnungen bräuchte es 15.000 bis 20.000 Stück, um die gesamte Schweiz abzudecken. Das ist unmöglich bis Ende des Jahres zu schaffen, ja fraglich, ob es überhaupt gelingen kann. Bei jedem Mast redet der Gemeindevorsteher mit, kann ein Veto einlegen. Ich würde sagen: wenn eine Grenzwerterhöhung nicht kommt, wird es keinen flächendeckenden 5G Ausbau in der Schweiz geben.

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