Streitgespräch über Europas Krisenpolitik "Europa hat nicht zu viel gespart, sondern zu wenig"

Wie kommt Europa aus der Krise? Wirtschaftshistoriker Florian Schui sagt: Die Politik des Sparens ist gescheitert, Europa muss mehr Geld locker machen. Ökonom Reiner Osbild hält im Streitgespräch dagegen.

Hat Europa in der Schuldenkrise zu viel gespart oder zu wenig? Darüber diskutierten Wirtschaftshistoriker Florian Schui und VWL-Professor Reiner Osbild im Streitgespräch. Quelle: Getty Images

WirtschaftsWoche Online: Herr Schui, in Ihrem neuen Buch kommen Sie ohne Umschweife zum Punkt. Gleich der erste Satz lautet: „Die Austeritätspolitik ist ökonomisch gescheitert“. Wie kommen Sie dazu? 

Florian Schui: Das Ziel der Sparpolitik im Zuge der Euro-Krise war es, die Schulden der Krisenländer zu senken und einen wirtschaftlichen Aufschwung herbeizuführen. Beide Ziele wurden grandios verfehlt. Griechenland zum Beispiel hat heute – trotz eines Schuldenschnittes – einen höheren Schuldenstand im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt als vor dem Ausbruch der Krise im Frühsommer 2010. Statt zu wachsen, ist die Volkswirtschaft Griechenland, aber auch in Spanien, Portugal oder Zypern geschrumpft.

Reiner Osbild: Die Schulden sind gestiegen, die Wirtschaft ist vielerorts geschrumpft – da haben Sie natürlich Recht, Herr Schui. Allerdings kann man dies nicht der vermeintlichen Austeritätspolitik zuschreiben. Ich glaube nämlich: Es wurde gar nicht groß gespart. Es gab viele Ankündigungen, die öffentlichen Ausgaben zu kürzen. Das waren aber nur Lippenbekenntnisse. Selbst Deutschland hat doch konstant immer neue Schulden aufgenommen. Erst in diesem Jahr steuern wir auf einen ausgeglichenen Haushalt zu, aber vornehmlich wegen hoher Steuereinnahmen und niedriger Zinsen auf Staatsanleihen. Von Sparpolitik in Europa zu sprechen, ist absurd. Im Gegenteil: Es wurde zu wenig gespart.

Hintergrund

Sehr sparwillig waren viele Nationalstaaten in Europa zuletzt in der Tat nicht. Wurde nicht zu viel, sondern zu wenig gespart, Herr Schui? 

Schui: Nein. Es wurde natürlich gespart. In jedem einzelnen Euro-Krisenland wurden Sparpakete aufgelegt und die Ausgaben gekürzt. Ich finde es erstaunlich, dass die Verteidiger der Austeriätspolitik wie Herr Osbild trotz des offensichtlichen Misserfolgs der Sparpolitik fordern, nun noch mehr zu kürzen. Nein, diese Politik ist gescheitert. Wir müssen die Sache nun kritisch evaluieren und alternative Politikansätze verfolgen. Die Einwände der Befürworter der Sparpolitik erinnern mich ein bisschen an Beiträge der „aktuellen Kamera“, der Nachrichtensendung der ehemaligen DDR. Da gab es auch immer die Meldungen: „Wenn wir jetzt noch mehr Opfer bringen, noch härter arbeiten, dann kommt das kommunistische Paradies.“ Das hat nicht geklappt, ähnlich ist es mit der Sparpolitik. Durchhalteparolen nützen nichts. Die Austeritätspolitik ist gescheitert. Jetzt noch mehr zu sparen, würde die Probleme potenzieren. 

Schui_Osbild

Osbild: Die Sparpolitik wurde nie richtig ernstgenommen. Das Problem: Es ist unmittelbar gar nicht im Interesse der betroffenen Regierungen, rigide Kürzungsprogramme aufzulegen. Denn – das schreiben Sie ja auch korrekt, Herr Schui – jeder Sparkurs führt zunächst zu einer Kontraktion der Wirtschaft, zu mehr Arbeitslosen und in der Folge zu höheren Defiziten. Denn die Steuereinnahmen brechen weg und die sozialen Sicherungsprogramme greifen. 

Im Übrigen glaube ich, dass Sie den Begriff der Austerität zu schwammig definieren, Herr Schui. Das ist auch meine Hauptkritik an Ihrem – ansonsten wirklich gelungenen und lesenswerten  - Buch. 

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