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„Vorsichtiger Leitplan“ Die meisten Briten glauben nicht an ein sicheres Lockdown-Ende

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Britische Impfkampagne gibt Hoffnung

Die Lockerung möglich macht die außerordentlich erfolgreiche britische Impfkampagne. Bis zum Wochenende haben rund 17,5 Millionen Briten ihre erste Impfdosis erhalten – ein Drittel aller Erwachsenen. Mehr als 600.000 haben bereits ihre zweite Dosis erhalten. Bis Ende Juli sollen alle Erwachsenen eine Impfung angeboten bekommen haben.

Die Zahl der Neuinfektionen liegt dabei derzeit mit rund 10.000 jedoch weiterhin recht hoch. Dass die Regierung dennoch schon jetzt so weitreichende Lockerungen in Aussicht stellt, liegt auch daran, dass sich die Impfungen als ausgesprochen wirksam zu erweisen scheinen. So legen Zahlen aus Schottland nahe, dass die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Oxford/AstraZeneca vier Wochen nach der Gabe der ersten Dosis einen Rückgang bei den Krankenhauseinweisungen in Höhe von 85 und 94 Prozent bewirkt haben. Sprich: Beide Impfstoffe scheinen außerordentlich effizient dabei zu sein, schwere Krankheitsverläufe zu unterbinden. Bei den besonders gefährdeten Über-80-Jährigen ging die Zahl der Krankenhauseinweisungen bei Geimpften in der vierten Woche um mehr als 80 Prozent zurück.

Forscher warnten unterdessen vor verfrühten Lockerungen. Eine Aufhebung sämtlicher Einschränkungen bereits im April könnte zu einer explosiven vierten Welle führen, an deren Ende sich die ohnehin bereits hohe Zahl der Todesopfer in Großbritannien noch einmal verdoppelt könnte, glauben die Wissenschaftler.

Doch genau darauf drängen die erbitterten Lockdown-Gegner in Johnsons Partei. Schon seit Monaten sprechen sich einige libertär gesinnte Tory-Abgeordnete für umfassende Lockerungen aus – ganz gleich, wie viele Menschen dadurch sterben würden. Eine Gruppe von rund 60 Tory-Hinterbänklern hat sich seitdem zu der so genannten „Covid Recovery Group“ zusammengetan, die von den Abgeordneten Mark Harper und Steve Baker angeführt wird. Letzterer spielt auch bei den Brexit-Hardlinern eine führende Rolle. Die Sorge vor der Ausbreitung neuer Covid-Varianten könne kein Grund dafür sein, Einschränkungen aufrecht zu erhalten, sagte Harper.

Die Regierung wird auch daran arbeiten müssen, das Vertrauen der britischen Öffentlichkeit wiederzugewinnen. Einer aktuellen Umfrage zufolge vertraut derzeit weniger als ein Viertel aller Briten darauf, dass Johnson in der Lage ist, die Lockdown-Einschränkungen sicher aufzuheben. Fast ein Drittel der Befragten gab an, der Regierung in dieser Frage nicht zu trauen.

Das überrascht kaum. Denn abgesehen von der erfolgreichen Impfkampagne hat die Regierung in London in Sachen Corona bislang mäßig bis miserabel abgeschnitten. So hat Johnson mehrfach die Warnungen von Experten ignoriert und erst spät Verschärfungen verhängt, als die Zahl der Neuinfektionen bereits stark in die Höhe schoss. Infolgedessen hat das Virus Großbritannien so schwer getroffen wie kaum ein anderes Land. Vor wenigen Wochen verzeichnete das Land sogar die höchste Todesrate der Welt. Die Zahl der Personen, die nach einem positiven Corona-Test gestorben sind, liegt mittlerweile bei über 120.000, was sich auch an den Daten zur Übersterblichkeit ablesen lässt.

Johnsons verpatzte Antworte auf die Pandemie hatte auch zu Folge, dass Großbritannien seine Einschränkungen bisher nur sehr viel später aufheben konnte als andere Staaten. Infolgedessen brach die britische Wirtschaft so stark ein wie in keinem anderen vergleichbaren Industrieland. Der baldigen Öffnungen könnten diesen Einbruch zumindest teilweise umkehren.

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Und auch aus einem anderen Grund mischen sich in diesen Tagen Misstöne in die ansonsten positiven Meldungen: Vor wenigen Tagen urteilte ein Gericht in London, dass die Regierung gesetzwidrig gehandelt hat, als sie im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der Pandemie Aufträge in Milliardenhöhe vergeben hat. In zahlreichen Fällen hat es die Regierung dabei versäumt, Details zu den Aufträgen – die in aller Regel ohne Ausschreibungen vergeben wurden – innerhalb von 30 Tagen publik zu machen. Die Regierung vergab auch Hunderte von Aufträgen an Firmen, die keinerlei Expertise vorweisen konnten. Oft gingen millionenschwere Aufträge an Tory-Parteifreunde, Großspender oder sogar an Nachbarn führender Tory-Politker. Ein Großteil der Briten glaubt daher, dass Korruption im Spiel war.

Mehr zum Thema: Großbritannien feiert den Erfolg seiner Impfkampagne zwar kaum, aber dort läuft die Impfkampagne überaus gut. Warum?

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