Angst vor Deflation: Sind fallende Preise ein Problem?
Deflation herrscht dann, wenn die Preise über einen längeren Zeitraum sinken. Eine wirtschaftliche Situation also, in der das Angebot an Waren und Dienstleistungen größer ist als die Nachfrage - das drückt die Preise. Verbraucher könnten dann eigentlich kaufen. Aber sie tun es nicht, weil sie annehmen, dass die Preise weiter sinken. Ein Einnahmeausfall ist die Folge. Was dagegen gemacht werden kann...
Foto: dpa... der Staat sollte versuchen, durch eigene Investitionen die Nachfrage zu stimulieren. Das Sanieren von öffentlichen Gebäuden oder Investitionen in andere große Bauprojekte können ein erster Schritt sein.
Foto: dpaMöglich wäre auch der Ausbau von neuen Bahnstrecken oder Autobahnen. Durch staatliche Investitionen sinkt zusätzlich die Arbeitslosigkeit, während der Konsum weiter steigt.
Foto: dpaEin weiteres Maßnahmenbündel wären Steuersenkungen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Im Detail bedeutet das: Die Senkung der Unternehmenssteuern schafft Anreize, um in die Produktion zu investieren; eine Senkung der Einkommenssteuer entlastet die Arbeitnehmer.
Foto: dpaDie Senkung des Leitzinses könnte einer Deflation entgegen wirken, weil so günstigere Kredite vergeben werden können...
Foto: dpa... aber es kann eben auch sein, dass das mal nicht klappt - wie in Japan. Der Staat kämpft bereits seit 1990 mit einer deflationären Entwicklung seiner Wirtschaft. Zinssenkungen sollten das eigentlich eindämmen, aber die Nachfrage hat sich dadurch trotzdem nicht verbessert. Der Leitzins liegt mittlerweile bei um die null Prozent.
Foto: REUTERSGold kann, vor allem in Krisenzeiten, eine sinnvolle Anlage sein. Die Wetten von spekulativen Anlegern auf einen steigenden Goldpreis lagen etwa im Dezember so niedrig wie seit über sechs Jahren nicht mehr. Damals nahm die Goldrally Fahrt auf: Im ersten Quartal 2008 übersprang der Preis je Feinunze erstmals die Marke von 1000 Dollar. Nach einer knappen Verdopplung notiert der Unzenpreis derzeit nur ein Viertel höher als zu Beginn des Jahres 2008.
Foto: APDevisenkontrollen können ebenfalls eine gute Möglichkeit sein, um auf Deflation zu reagieren. Das tun insbesondere Schwellenländer.
Foto: dpa/dpawebDurch die Inanspruchnahme der Kredite steigt auch die Geldmenge, die im Umlauf ist. Kurzum: Die Verbraucher haben mehr Geld in der Hand und könnten sich - zumindest theoretisch - mehr leisten.
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Die großen Zentralbanken der Welt sind derzeit von einer fixen Idee besessen: Sie wollen ihre Inflationsraten auf etwa zwei Prozent jährlich nach oben treiben. Das gilt für die USA, wo die Inflationsrate in den vergangenen zwölf Monaten bei minus 0,1 Prozent lag, aber auch für Großbritannien (hier zeigen jüngste Daten ein Preiswachstum von 0,3 Prozent) und die Eurozone, wo die Verbraucherpreise zuletzt um 0,6 Prozent fielen. Aber ist dies wirklich ein Problem?
Hauptgrund für den jüngsten Rückgang der Inflationsrate ist der dramatische Verfall der Energiepreise. In den USA betrug die Kerninflationsrate (also ohne die volatilen Energie- und Lebensmittelpreise) in den vergangenen zwölf Monaten immerhin 1,6 Prozent. In den USA wird die Inflation auch durch den im Verhältnis zum Euro und zu anderen Währungen steigenden Dollarkurs gedämpft, weil dadurch die Importpreise sinken. Dabei handelt es sich um einen Niveaueffekt, der steigende Inflation verheißt, sobald der Dollar nicht mehr aufwertet.
Obwohl sich die Zentralbanken dieser Fakten bewusst sind, halten sie weiterhin an extrem niedrigen Zinssätzen fest, um die Nachfrage und damit die Inflation anzukurbeln. Hinzu kommt der Besitz großer Bestände an staatlichen und privaten Anleihen; in Europa und Japan kaufen die Notenbanken weiter Anleihen in großem Stil.
Die Zentralbanker rechtfertigen ihre Sorge vor niedriger Inflation mit dem Argument, ein negativer Nachfrageschock können in den Volkswirtschaften zu anhaltender Deflation führen, in Rahmen derer das allgemeine Preisniveau Jahr für Jahr weiter sinkt. Das hätte gravierende Folgen auf Gesamtnachfrage und Beschäftigung. Zunächst würde das sinkende Preisniveau für einen Anstieg des Wertes der realen Schulden von Haushalten und Unternehmen sorgen. Dadurch wären diese ärmer und ihre Sparbereitschaft würde leiden. Zweitens bedeutet negative Inflation, dass die Realzinsen steigen, weil die Zentralbanken den Nominalzinssatz nicht unter Null senken können. Höhere Realzinsen wiederum dämpfen die Investitionen der Unternehmen und die Aktivitäten im Wohnungsbau.
Theoretisch könnte die Kombination aus höheren realen Schulden und höheren Realzinsen aufgrund der gedämpften gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu weiterem Preisverfall und in weiterer Folge sogar zu noch höheren negativen Inflationsraten führen. Infolge dieser Entwicklung würden die Realzinsen weiter ansteigen und die Wirtschaft noch tiefer in eine Abwärtsspirale aus fallenden Preisen und sinkender Nachfrage geraten.
Instrument: Niedrigzins
Ausgestaltung: Notenbank kauft (über Banken, die günstig Geld bekommen) Staatsanleihen; Notenbank hält Leitzinsen unten
negativ betroffen wären/sind: Konten, Anleihen, Lebensversicherung, Betriebsrenten, Versorgungswerke
Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft bereits; •••••
wie gefährlich für das Vermögen?: Inflation frisst Zinsen; Sparen lohnt sich kaum; ••••∘
Vorteil für Staaten: niedrige Zinslast auf eigene Schulden
historische Vorbilder: USA
• = unwahrscheinlich/ sehr niedrige Einbußen; ••••• = so gut wie sicher/ sehr hohe Einbußen
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Instrument: Inflation zulassen
Ausgestaltung: Notenbanken schöpfen weiter Geld; Bürger verlieren Vertrauen; Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt
negativ betroffen wären/sind: Bargeld, Konten, Anleihen, Lebensversicherung
Eintrittswahrscheinlichkeit: aktuell gering; langfristig wahrscheinlich; •••∘∘
wie gefährlich für das Vermögen?: Hohe Inflation kann sämtliche Geldvermögen entwerten; •••••
Vorteil für Staaten: Schulden werden nicht auf dem Papier, aber real drastisch verringert
historische Vorbilder: Deutschland 1923; Frankreich 18. Jahrhundert; Zimbabwe 2009
Instrument: Negativzins
Ausgestaltung: Notenbank setzt negativen Leitzins fest; Banken legen negative Zinsen auf die Guthaben von Sparern um oder verteuern Gebühren/Kredite
negativ betroffen wären/sind: Konten
Eintrittswahrscheinlichkeit: ist bereits in der Diskussion; •••∘∘
wie gefährlich für das Vermögen?: Erspartes leidet nominal durch Negativzinsen und real durch Inflation ••••∘
Vorteil für Staaten: höheres Wachstum durch ausgeweitete Kreditvergabe erhofft
historische Vorbilder: Schweiz 1964, 1970er; Schweden; Dänemark
Instrument: Vermögensabgabe
Ausgestaltung: Staat schneidet sich von allen Vermögenswerten einmalig ein Stück ab
negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien
Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘
wie gefährlich für das Vermögen?: je reicher desto härter; ••••∘
Vorteil für Staaten: kann Schulden sofort drastisch senken
historische Vorbilder: Deutschland 1918/19, 1952
Instrument: Zwangsanleihe
Ausgestaltung: Staat zwingt Bürger, einen Teil ihres Vermögens in Staatsanleihen zu packen; wird (teilweise) zurückgezahlt
negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien
Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘
wie gefährlich für das Vermögen?: hängt von Rückzahlungen ab; •••∘∘
Vorteil für Staaten: verschafft Spielraum bis zum Rückzahlungsdatum
historische Vorbilder: Deutschland 1914, 1922/23
Instrument: Neue Steuern
Ausgestaltung: Vermögensteuer, zum Beispiel ein Prozent auf steuerpflichtiges Vermögen (nach Abzug von Freibeträgen)
negativ betroffen wären/sind: Vermögen generell
Eintrittswahrscheinlichkeit: politische Forderung; ••••∘
wie gefährlich für das Vermögen?: für Vermögende; •••∘∘
Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen
historische Vorbilder: Deutschland, wurde 1997 abgeschafft
Instrument: Neue Steuern
Ausgestaltung: Transaktionsteuer von 0,1 Prozent auf Aktien und Anleihen und 0,01 Prozent auf Derivate; fällig für jedes Geschäft
negativ betroffen wären/sind: Aktien, Anleihen, Derivate; indirekt auch Fonds und Lebensversicherungen
Eintrittswahrscheinlichkeit: politisch herrscht Konsens; •••••
wie gefährlich für das Vermögen?: drückt auch Rendite von Fonds und Versicherungen; •••∘∘
Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen
historische Vorbilder: Deutschland 1881–1991; Schweden 1985–1992
Instrument: Steuererhöhung
Ausgestaltung: Abgeltungsteuer wird angehoben oder Spekulationsgewinne werden künftig nach individuellem Steuersatz versteuert
negativ betroffen wären/sind: Aktien, Anleihen, Derivate, Fonds
Eintrittswahrscheinlichkeit: SPD-Forderung; nicht im Koalitionsvertrag; ••••∘
wie gefährlich für das Vermögen?: je nach Steuersatz; gerade Aktionäre wären getroffen; ••••∘
Vorteil für Staaten: Einnahmesteigerung; nur Minderheit der Wähler ist betroffen
historische Vorbilder: -
Instrument: Steuererhöhung
Ausgestaltung: Grund- und Grunderwerbsteuer werden sukzessive angehoben
negativ betroffen wären/sind: Immobilien
Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft; •••••
wie gefährlich für das Vermögen?: Eigenheimnutzer schmerzt nur die Grundsteuer; •••∘∘
Vorteil für Staaten: Einnahmesteigerung
historische Vorbilder: Ausweitung Spekulationsfrist 1999
Instrument: Steuererhöhung
Ausgestaltung: Spekulationsfrist wird gekippt
negativ betroffen wären/sind: Immobilien
Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft; •••∘∘
wie gefährlich für das Vermögen?: Eigenheimnutzer schmerzt nur die Grundsteuer; •••∘∘
Vorteil für Staaten: Einnahmesteigerung
historische Vorbilder: Ausweitung Spekulationsfrist 1999
Instrument: Verbote
Ausgestaltung: Verschärfung des Verbots von Mieterhöhungen; zum Beispiel in gefragten Gegenden bei bereits hoher Miete
negativ betroffen wären/sind: Immobilien (nur vermietete)
Eintrittswahrscheinlichkeit: im Koalitionsvertrag überraschend entschärft; •••∘∘
wie gefährlich für das Vermögen?: für Vermieter; •••∘∘
Vorteil für Staaten: Zustimmung von der Mehrheit der Wähler
historische Vorbilder: in Deutschland seit 1974
Wir verfügen über wenig Erfahrungen mit Deflation, um diese Theorie der Abwärtsspirale zu überprüfen. Das wohl am häufigsten angeführte Beispiel einer deflationären Ökonomie ist Japan. Zwar wies das Land eine niedrige Inflation und einige spürbare kurze Phasen von Deflation auf, es geriet jedoch nicht in eine Abwärtsspirale der Preise. Japans Inflationsrate fiel von beinahe acht Prozent im Jahr 1980 auf null Prozent 1987. Bis 1999 lag der Inflationswert über null. Anschließend schwankte die Inflation bis 2012 zwischen null und minus 1,7 Prozent.
Der Befund für Japan: Die Realeinkommen stiegen trotz niedriger Inflation und Phasen der Deflation. Von 1999 bis 2013 legte das reale Pro-Kopf-BIP jährlich um etwa ein Prozent zu (worin sich ein bescheidenerer Anstieg des BIP sowie ein Bevölkerungsrückgang widerspiegelten).
Warum also sorgen sich so viele Zentralbanker um niedrige Inflationsraten? Eine mögliche Erklärung: Sie fürchten einen Glaubwürdigkeitsverlust, wenn sie es Jahr für Jahr nicht schaffen, in die Nähe des Inflationsziels von zwei Prozent zu kommen. Eine andere Möglichkeit ist, dass es den Zentralbanken mehr um reales Wachstum und Beschäftigung geht - und sie die niedrigen Inflationsraten als Ausrede benutzen, um die außergewöhnlich großzügigen geldpolitischen Bedingungen beizubehalten. Eine dritte Erklärung lautet, dass die Zentralbanken die Zinssätze niedrig halten möchten, um den Staaten den Schuldendienst zu erleichtern.
Das alles wäre nicht so schlimm, wenn extrem niedrige Zinsen nicht die Risikobereitschaft von Schuldnern und ertragshungrigen Kreditgebern schüren würden. Die Folge sind massive Fehlbewertungen finanzieller Vermögenswerte. Damit wachsen die Risiken in der Realwirtschaft, wenn die Geldpolitik wieder auf ein Normalmaß zurückkehrt und die Vermögenswertpreise einer Korrektur unterzogen werden.