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Ausblick 2022 Es droht ein Jahr großer Unsicherheit

Die Autoindustrie war 2021 durch die Chipkrise besonders gebeutelt. Wie es 2022 weitergeht, ist ungewiss. Quelle: dpa

Das neue Jahr bringt uns große ökonomische, politische und gesellschaftliche Herausforderungen. Der britische Ökonom Jim O’Neill beschreibt in einem exklusiven Gastbeitrag, was dabei besonders wichtig ist.

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Jim O’Neill war Chefvolkswirt und Vorsitzender von Goldman Sachs Asset Management. Der britische Ökonom, der zwischenzeitlich auch als Staatssekretär im britischen Finanzministerium arbeitete, hat einen Sitz im House of Lords und ist Mitglied der Paneuropäischen Kommission für Gesundheit und nachhaltige Entwicklung. Berühmt wurde O’Neill mit der Erfindung des „BRIC“-Begriffs für die aufstrebenden Staaten Brasilien, Russland, Indien und China.

Das neue Jahr ist da – und das Gesellschaftsspiel, so zu tun, als wüsste man, was in den nächsten zwölf Monaten passieren wird, hat begonnen. Doch mit Blick auf das Jahr 2022 bin ich mir nicht sicher, ob es sich überhaupt lohnt, so zu tun als ob: Ich kann mich nicht erinnern, dass es je so viel Unsicherheit in Bezug auf derart viele wirtschaftliche Schlüsselthemen gab.

Neben Covid-19 zählt vor allem die Inflation zu den dringendsten und aktuellsten Themen. Sind die diesjährigen Preiserhöhungen nur vorübergehend, oder bahnt sich gerade eine unheilvolle Entwicklung an? Meine wenig hilfreiche Antwort lautet: Ich weiß es nicht. Ein Großteil des heutigen Inflationsdrucks könnte mit der Erholung vieler Volkswirtschaften und mit den immer noch bestehenden großen Versorgungsengpässen zusammenhängen. Die Versorgungsengpässe können aber auch Symptome größerer Probleme sein, wie eine wirtschaftliche Überstimulation, eine unwirksame Geldpolitik oder schwaches Produktivitätswachstum.

Viele wichtige Fragen für das Jahr 2022 hängen mit der Inflation zusammen. Wie soll sich die Geldpolitik positionieren? Wie viel Sorgen müssen wir uns über die Höhe der Staatsverschuldung machen? In Bezug auf die Finanzpolitik und die Vorstellung, dass die Staatsverschuldung ab einer bestimmten Höhe problematisch wird, hat die Pandemie gezeigt, dass es vor allem wichtig ist, WOFÜR Schulden gemacht werden. Schulden, die aufgenommen werden, um einen Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern, sind etwas anderes als Schulden, die einfach nur die politische Agenda einer Regierung finanzieren sollen.

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    Was die Geldpolitik betrifft, so war schon vor der Pandemie klar, dass die endlose Großzügigkeit der Zentralbanken nach 2008 ihre Zweckmäßigkeit verloren hat. Wir hätten schon längst zu einem Verhältnis zurückkehren müssen, in dem die inflationsbereinigten Zinssätze einen gewissen Gleichklang mit dem Potenzialwachstum der Volkswirtschaften haben.

    Zwar ist ein zwischenzeitlich expansiverer Kurs akzeptabel, um einen großen Schock wie die COVID-19-Pandemie zu bewältigen. Doch das weitere Festhalten an einer ultralockeren Geldpolitik ist fehl am Platze. Diese Politik könnte für den jüngsten Inflationsanstieg verantwortlich sein.

    Tatsächlich wissen die Zentralbanker genauso wenig wie Sie oder ich, ob die Inflation von Dauer sein wird. Aber selbst wenn sie sich als vorübergehend erweisen sollte, ist die Rechtfertigung für eine großzügige Geldpolitik zunehmend zweifelhaft. Schließlich tragen die Zentralbanken durch die Schaffung lockerer finanzieller Bedingungen zu dem wachsenden Verdacht bei, dass die Früchte des modernen Kapitalismus in erster Linie den Privilegierten mit Vermögen zugutekommen.

    Beim Blick  auf 2022 dürfen wir auch nicht die zentrale Frage des Produktivitätswachstums vergessen, das in den meisten hochentwickelten Volkswirtschaften seit vielen Jahren enttäuschend verläuft. Kündigen pandemiebedingte Verhaltensänderungen und Innovationen nun die lang erwartete Rückkehr robuster Produktivitätsgewinne an? Ich stehe zumindest mit einem Bein im optimistischen Lager (was auch der Grund dafür ist, dass ich keinen Bedarf für so viele geldpolitische Anreize sehe). Viele politische Entscheidungsträger haben bekundet, mehr für die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität zu tun. Man kann nur hoffen, dass es ihnen damit ernster ist als in der Vergangenheit.

    Als ob diese Herausforderungen nicht schon schwierig genug wären, stehen 2022 auch noch eine lange Liste nicht-konventioneller makroökonomischer Fragen an. Ob sich die chinesische Wirtschaft wieder stärker in die Weltwirtschaft integrieren lässt, bleibt abzuwarten. Welche Wendungen die Pandemie nehmen wird, ist ungewiss, und deren konjunkturelle Folgen erst recht. Und was ist mit anderen großen Bedrohungen wie der stillen Pandemie der antimikrobiellen Resistenzen oder den mit dem Klimawandel verbundenen Risiken? So wie die Dinge liegen, scheint es unwahrscheinlich, dass die Wähler – insbesondere ältere Menschen mit begrenztem oder festem Einkommen – wiederholte Energiepreiserhöhungen tolerieren werden, selbst wenn sie ein notwendiger Bestandteil des Übergangs zu saubereren Alternativen sind. Ein weiteres großes Problem ist die weltweite Armut, die in den vergangenen zwei Jahren wieder zugenommen hat. Diese Geißel zu beseitigen, scheint mir eine noch größere Herausforderung zu sein als die Energiewende.

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    Schließlich ist da noch die allgegenwärtige Unsicherheit über die Global Governance. Anders als in den Jahren 2008 bis 2010, als die G20-Staaten  effektiv kooperierten, gab es 2020 und 2021 fast keine bedeutenden Fortschritte bei der globalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

    Hoffen wir, dass 2022 eine deutliche Verbesserung bringt.


    Mehr zum Thema: Coronaangst, Kontaktbeschränkungen und Lieferengpässe würgen die Konjunktur im Winterhalbjahr ab. Doch mit dem Rückzug des Virus im Frühling könnte ein kräftiger Aufschwung einsetzen. Aber es gibt ein Problem.

    Copyright: Project Syndicate 2021

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