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Europäische Zentralbank Warum Lagardes EZB-Premiere bei Investoren gut ankommt

Die neue oberste Geldpolitikerin Christine Lagarde. Quelle: dpa

Erstmals leitet Christine Lagarde eine Sitzung der Euro-Notenbanker. Die Französin macht zwei klare Ansagen – und gibt auch in der ungewohnten Rolle als oberste Geldpolitikerin die Chef-Diplomatin.

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Der frühere Präsident der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, wusste: „Geldpolitik ist 98 Prozent Reden und zwei Prozent Handeln.“ Analysten und Investoren, das zeigen Studien, reagieren auf minimale Änderungen in der Tonalität der Zentralbankchefs und bewegen die Börsen. Nicht selten ist die Wirkung ihrer Worte stärker als die ihrer Taten.

So betrachtet, hat Christine Lagarde den ersten Test als Präsidentin der Europäischen Zentralbank bestanden. Erstmals hat Lagarde ein formelles Treffen des EZB-Rats geleitet und die Ergebnisse vorgestellt. Konstantin Veit, der bei der Investmentgesellschaft Pimco das Portfolio für Euro-Staatsanleihen managt, sagt: „Die verhaltene Marktreaktion während und nach der Pressekonferenz spricht für ein erfolgreiches Debüt als EZB-Präsidentin.“

Lagarde ist Juristin, ihre Vorgänger waren Ökonomen. Es ist eine Zeitenwende. Für die EZB, aber auch für Lagarde. Acht Jahre lang war die Französin Chefin des Internationalen Währungsfonds, davor Finanz- und Wirtschaftsministerin ihres Heimatlandes. Diplomatie kann Lagarde. Aber kann sie auch Geldpolitik?

Christoph Witzke gehört zu jenen, die von Berufs wegen auf jeden Zwischenton achten. Der Leiter Investmentstrategie bei Deka Investment, der Fondsgesellschaft der Sparkassen, findet: „Alles lief professionell ab, sodass keine unnötige Unsicherheit am Kapitalmarkt aufgrund des unterschiedlichen Bildungsweges entstehen dürfte.“

Die Juristin Lagarde hat sich schrittweise vorgetastet in das verbale Minenfeld der Geldpolitik. In ihrer ersten Rede kurz nach Amtsübernahme, einer Laudatio auf Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, mied die neue Präsidentin der EZB das Thema noch ganz. Bei einem Bankenkongress näherte sie sich ihrem neuen Sujet über ein Plädoyer für eine Stärkung des Binnenmarktes und der europäischen Institutionen. Am Donnerstag schließlich zählt es für die Französin: 60 Minuten Geldpolitik pur.

„Nehmen Sie sich Zeit“, sagt Lagarde zu den Fotografen, als sie auf dem Podium steht. Sie lächelt gegen ihre Anspannung an, richtet ihr Halstuch und den Kragen ihrer weißen Bluse. Jetzt muss alles sitzen: Das Outfit, aber vor allem ihre Worte. Anfangs fremdelt Lagarde ein wenig, als sie über Geldmengenwachstum, Kreditnachfrage und ökonomische Fundamentaldaten in der Eurozone spricht. Das fällt auch Witzke auf. Doch ihre anfängliche Unsicherheit legt sich bald. „Wenige Versprecher ausgenommen“, sagt Witzke, habe Lagarde „keinerlei fachliche Schwächen offenbart.“

Vielleicht hilft ihr, dass die Daten schlechter sein könnten. Es gebe „Anzeichen einer Stabilisierung“, referiert Lagarde, die Inflation ziehe „leicht an“. Später wird sie auf Nachfrage präzisieren: Ja, der Trend bei den Verbraucherpreisen deute von 1,2 Prozent Plus im laufenden Jahr über 1,4 Prozent (2021) auf 1,6 Prozent (2022) in die gewünschte Richtung. Aber nein, das sei nicht das, was sie unter nahe, aber unter zwei Prozent verstehe, dem Inflationsziel der EZB.

Als Lagarde durch ist mit dem Eingangsstatement, das mit den 19 nationalen Notenbankchefs und fünf Direktoriumskollegen im EZB-Rat abgestimmt ist, streckt sie beide Zeigefinger auf Schulterhöhe vor sich in die Höhe. Zeit für eine Ansage. Freundlich, aber bestimmt sagt Lagarde: „Ich werde meinen eigenen Stil haben.“ Man solle ihre Aussagen „nicht überinterpretieren“. Sie könne noch nicht alles wissen, und dann werde sie das auch sagen.

„Größer konnte der Unterschied zum Routinier Mario Draghi nicht sein“, findet Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Das alles war eine große Charmeoffensive.“ Bei den Kapitalmarktstrategen hat das offenbar gut funktioniert. Für Witzke war es „ein gelungener erster Auftritt, wobei die neue EZB-Chefin mehr Emotionalität in ihren Ausführungen zuzulassen scheint als ihre Vorgänger.“

Pimco-Mann Veit will „in ihren Ausführungen keine Hinweise auf eine besonders restriktive oder lockere Grundeinstellung“ entdeckt haben. Darauf achtet Lagarde auch bei ihrer zweiten Ansage, der wichtigsten Botschaft des Tages. Ungefragt kündigt sie an, die EZB werde im Januar damit beginnen, ihre Strategie zu überprüfen. „Überfällig“ sei das. Ergebnisse seien spätestens Ende des Jahres zu erwarten.

Alles komme in dieser Zeit auf den Prüfstand. Sie wolle vor allem eines: zuhören. Parlamentariern, Akademikern, Vertretern der Zivilgesellschaft – „nicht das Evangelium der Geldpolitik predigen“. Das ist alles, was Lagarde sich an Pathos gönnt an diesem Tag. Und was bleibt bei den Beobachtern noch hängen von ihrer Premiere? Dass Lagarde die ohnehin eigentümliche Welt der Zentralbanken um eine Tier-Metapher erweitert. Wörtlich sagt sie: „Ich bin weder eine Taube, noch ein Falke. Ich versuche, eine Eule zu sein.“ Als Tauben werden gemeinhin Vertreter einer lockeren Geldpolitik bezeichnet (die im EZB-Rat in der Mehrheit sind), Falken Anhänger einer restriktiven Geldpolitik.

Eulen gelten als weise und einsichtig. Es ist Lagardes Versuch, die von Draghi entzweiten Lager zu versöhnen, Einheit wiederherzustellen. Veit sieht darin „Anzeichen, dass sie darauf abzielt, mit einem konsensorientierten Führungsstil Raum für Debatten und Vereinbarungen zu bieten, ohne dadurch geldpolitische Beschlüsse vorwegzunehmen.“

Lagarde inszeniert sich als Mediatorin statt als Machtfrau. Man könnte auch sagen: In der ungewohnten Rolle als Europas oberste Geldpolitikerin gibt sie weiterhin die Chef-Diplomatin.

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