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EZB-Entscheidung "Die Geldpolitik allein kann es nicht richten"

Die Privatbank Sal. Oppenheim sieht nach den geldpolitischen Lockerungen durch die Europäische Zentralbank die Politik am Zug und erwartet bis Ende 2018 keine steigenden Leitzinsen.  

Francois Hollande, EZB-Präsident Mario Draghi Quelle: dapd

WirtschaftsWoche Online: Frau Löhken, die Europäische Zentralbank hält an ihrem expansiven Kurs fest. Wie lange kann sie das durchhalten? Stößt die Geldpolitik an Grenzen?
Frau Katrin Löhken: Das ist eine Frage der Perspektive. Aus Sicht der EZB ist der Instrumentenkasten bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Jedoch lässt der Erfolg der bisherigen sehr umfangreichen Maßnahmen länger auf sich warten als gedacht. Da die Maßnahmen aber prinzipiell wirken, lohnt nach Ansicht der Zentralbank ein Durchhalten und damit ein Festhalten am sehr expansiven Kurs.

Wie sieht der andere Blick auf das Problem aus?
Tatsächlich stößt die Geldpolitik an ihre Grenzen, weil die Niedrigzinspolitik unerwünschte Nebenwirkungen im Finanzsektor nach sich zieht, die nicht außer Acht gelassen werden können. Auch die Entscheidung der  Zentralbank von Japan, die quantitativen Ziele aufzugeben und auf eine Steuerung der zehnjährigen Zinsniveaus umzuschwenken, deutet darauf hin, dass der Atem der Notenbanken nicht endlos ist. 

Wie lange kann der Finanzsektor die niedrigen Zinsen noch aushalten?
Das lässt sich nicht quantifizieren. Einige Banken und Versicherungen haben mit großen Problemen zu kämpfen. 

Katrin Löhken ist volkswirtschaftliche Analystin bei der Privatbank Sal. Oppenheim. Quelle: PR

Geldpolitiker rechtfertigen Anleihekäufe und Niedrigzinsen mit zu niedriger Inflation. Was die offizielle Inflationsrate aber verschweigt, sind die massiven Preissteigerungen bei Immobilien und Aktien. Sollte die Geldpolitik der Blasengefahr in diesen Anlageklassen nicht mehr Beachtung schenken?
Das Research zu diesen Assetklassen läuft – auch in den Notenbanken. Harte Ergebnisse, auf denen eine Geldpolitik aufgesetzt werden kann, fehlen aber noch. Wenn wir von Blasen sprechen, sollte uns klar sein: Es ist erklärtes Ziel der quantitativen Lockerung – etwa des Kaufs von Unternehmensanleihen – in einzelnen Vermögensklassen Risikoprämien zu senken und Preissteigerungen zuzulassen.  

Warum war heute keine Abkehr von den Anleihekäufen zu erkennen?
Aus Sicht der EZB gibt es keinen Grund, damit aufzuhören. Die Inflation in der Eurozone von 0,4 Prozent liegt noch deutlich unter dem angestrebten Inflationsziel von zwei Prozent. Vielmehr rechnen wir damit, dass die EZB auf ihrer Dezember-Sitzung, wenn auch die neuen Projektionen vorliegen, das Ankaufprogramm verlängert. 

Geldpolitik der EZB: Belastungen durch Niedrigzinsen

Was lässt sich bei den Äußerungen der Notenbanker zwischen den Zeilen herauslesen?
Der Tenor der EZB hat sich in den letzten Reden verschoben. Sie betont mehr und mehr, dass die Geldpolitik es allein nicht richten kann.  Auf jeder Pressekonferenz und in jedem Statement der Zentralbank wird auf die Notwendigkeit von strukturellen Reformen und einer wachstumsfreundlichen Haushaltskonsolidierung hingewiesen. Neu sind aber unserer Meinung nach die vehementeren Rufe der EZB nach einer stärkeren Beteiligung der Fiskal- und vor allem Strukturpolitik an der wirtschaftlichen Erholung in der Eurozone. Solange von dieser Seite zu wenig passiert, ist das Zusammenspiel zwischen Geldpolitik und Fiskal- und Strukturpolitik in der Eurozone jedoch kein stabiles Gleichgewicht, sondern eher eine Schieflage. 

Sind schon Erfolge von strukturellen Reformen zu erkennen?
Da Wahlen bevorstehen, zeichnet sich vorerst kein Richtungswechsel ab. In Italien muss der Ministerpräsident am 4. Dezember ein Referendum über eine Verfassungsreform überstehen, das indirekt mit seinem Amt verknüpft ist. In Frankreich steckt der Präsident knapp neun Monate vor den Wahlen in einem Popularitätstief. Unpopuläre Strukturreformen stehen daher insbesondere in Italien und Frankreich nicht auf der Agenda. Insofern befürchten wir, dass alles beim Alten bleibt: Die Geldpolitik liefert und setzt sich der Überforderung aus, während die Staaten die notwendigen strukturellen Reformen nicht angehen mit der Folge einer langen Phase niedrigen Wachstums.

"EZB hat völliges Neuland betreten"
"Eher symbolische Maßnahmen""Für sich betrachtet sind die Zinssenkungen und der negative Einlagezins eher symbolische Maßnahmen: Sie werden weder die Kreditvergabe in den Krisenländern maßgeblich verbessern noch das Deflationsrisiko deutlich mindern", kommentierte DIW-Chef Marcel Fratzscher die EZB-Entscheidung. "Ich interpretiere sie aber als Startsignal und Anfang einer neuen EZB-Strategie einer stärkeren geldpolitischen Expansion. Als erste Schritte in einer Reihe von weiteren Maßnahmen in den kommenden Monaten sind sie bedeutungsvoll. Die EZB-Maßnahmen bergen große Risiken: Sie könnten die Blasenbildung und das riskante Verhalten von Banken noch verstärken. Allerdings wäre es noch riskanter und eine deutlich schlechtere Option, wenn die EZB nichts täte." Quelle: dpa
"Genau das falsche Rezept""Der Schritt der EZB markiert eine neue Eskalationsstufe. Damit wird das Niedrigzinsniveau weiter verfestigt, zulasten der Vorsorgesparer in Deutschland. Ihre Sparanstrengungen werden durch die EZB untergraben", kritisiert Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). "Deshalb sind wir in Sorge. Ökonomisch ist die Maßnahme genau das falsche Rezept. Denn die niedrigen Zinsen lösen kaum noch Wachstumsimpulse aus. Viel wichtiger wäre die Fortsetzung der Strukturreformen zur Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Politik des billigen Geldes wird zum Irrweg." Quelle: AP
"Zinspulver fast verschossen""Geldgeneral Draghi hat sein Zinspulver nun (fast) verschossen. Aktionäre und Immobilienbesitzer dürfen jubeln, Kontensparer und Versicherungssparer dürfen kapitulieren", sagt Ingo Theismann von der Vermögensverwaltung Consulting Team. "Erstmals müssen Banken Strafzinsen für ihre Einlagen zahlen, damit sollen über höhere Kreditvergaben Konjunktur und Inflation herbeigezaubert werden. Doch was sagte dazu bereits Ex-Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller vor 47 Jahren: 'Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selber.' Wir können nur hoffen, dass diese riskante Wette der EZB auch aufgeht."
"Erhebliche Risiken""Ich sehe erhebliche Risiken durch die Niedrigzinspolitik und die vergleichsweise üppige Geldversorgung durch die EZB", sorgt sich Michael Fuchs, stellvertretender Fraktionschef der Unionsparteien im Bundestag. "Der Druck der Märkte auf Reformen und Einsparungen gerade in den EU-Krisenländern schwindet. Darüber hinaus gefährden Niedrigzinsen in der gesamten EU die Bereitschaft zum Sparen und zur Altersvorsorge in der Bevölkerung." Quelle: dapd
„Der Handlungsspielraum der EZB ist mehr homöopathisch“Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält die Wirkung weiterer Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank (EZB) für sehr begrenzt. „Der Handlungsspielraum der EZB ist mehr homöopathisch“, sagte das Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung dem Südwestrundfunk. Ein Leitzins, der noch näher bei null liege, und ein Strafzins für Geschäftsbanken, die überschüssiges Geld bei der EZB parken wollten, stellten als Konjunkturimpulse keine schweren „Geschütze“ dar. Um die Wirtschaft im Euroraum zu beleben, sollten die Politiker darüber nachdenken, wie man die Investitionsanreize stärken kann, sagte Bofinger: „Dass also mehr Kreditmittel auf den Märkten von Investoren aufgenommen werden, und dann steigen auch die Zinsen wieder.“ Eine Hauptkritik aus Deutschland an der Politik des billigen Geldes ist, dass das niedrige Zinsniveau die Sparer belaste. Quelle: dapd
"Völliges Neuland""Die EZB hat völliges Neuland betreten, in ihrer Mission, die Wirtschaft in der Euro-Zone zu unterstützen", konstatiert Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Diba. "Wird das die Wirtschaft anschieben? Wahrscheinlich nicht, aber es zeigt zumindest die Entschlossenheit der EZB und ihre Handlungsmöglichkeiten." Quelle: PR
"Ein ganz gefährlicher Weg, den die EZB da einschlägt."Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon (im Bild links neben dem Co-Chef der Deutschen Bank Jürgen Fitschen) wettert gegen die EZB-Ankündigungen, die Geldschleusen weiter zu öffnen. „Statt der erhofften Impulse für die Wirtschaft in den Krisenländern werden durch die erneute Zinssenkung die Sparer in ganz Europa weiter verunsichert und Vermögenswerte zerstört“, sagte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Georg Fahrenschon. Die Maßnahmen machten die Finanzmärkte auch nicht stabiler - „im Gegenteil, das überreichliche Geld quillt schon jetzt aus allen Ritzen und sucht sich immer riskantere Anlagemöglichkeiten“. Schon am Morgen vor der EZB-Entscheidung äußerte Fahrenschon im ARD-Morgenmagazin seine Sorgen darüber aus, dass viele Menschen, die mit Versicherungen für ihr Alter vorgesorgt hätten, jetzt ungefragt zur Kasse gebeten würden: „Das ist ein ganz gefährlicher Weg, den die EZB da einschlägt.“ Allein in Deutschland würden Sparer, die fürs Alter vorsorgen, 15 Milliarden Euro verlieren: „Das sind vom Baby bis zum Großvater 200 Euro pro Kopf. Und das ungefragt. Und das Geld fehlt. Es ist weg.“ Quelle: dpa

Ein Rückzug aus der expansiven Geldpolitik müsste behutsam erfolgen, um die Märkte nicht zu verschrecken. Wie könnte eine sinnvolle Exitstrategie aussehen?
Wir erwarten, dass die EZB zunächst das Ankaufprogramm mit einem monatlichen Volumen von 80 Milliarden Euro verlängert. Ab kommendem Jahr werden die Inflationsraten optisch aber wieder hübscher aussehen, dank des Ölpreiseffekts bekommen wir wieder eine Eins vor dem Komma. Dies kann die EZB zum Anlass nehmen, im Laufe des Jahres eine allmähliche Reduktion ihrer Ankäufe zu verkünden. Mit einer Anhebung der Leitzinsen rechnen wir aber vor Ende 2018 nicht.

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