Geldpolitik: „Befremdliche Gedankenspiele der EZB“
Skyline Frankfurts mit den unverkennbaren Bankentürmen im Nebel.
Foto: imago imagesRobert Holzmann hatte es geahnt. „Das wird zu einem Aufschrei bei den Banken führen“, unkte der österreichische Notenbankpräsident Ende September. Zuvor hatte er in einem Interview mit der WirtschaftsWoche gefordert, die Europäische Zentralbank (EZB) solle den so genannten Mindestreservesatz der Kreditinstitute von aktuell einem Prozent auf bis zu zehn Prozent erhöhen. Bei der Mindestreserve handelt es sich um unverzinsliche Gelder, die alle Geschäftsbanken – abhängig von der Höhe ihrer Kundeneinlagen – als Sicherheit bei der EZB halten müssen.
Und in der Tat: Die Reaktion auf Holzmanns Vorstoß ließ nicht lange auf sich warten. „Eine verrückte Debatte“, schimpfte Bettina Orlopp, Finanzchefin der Commerzbank. Marija Kolak, Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass „die Notenbanken ihre eigene Gewinn- und Verlustrechnung optimieren zu Lasten der Kreditvergabefähigkeit der Banken“. Der bayrische Sparkassenchef Ulrich Reuter rügte „befremdliche Gedankenspiele“ und warnte: „Eine höhere Mindestreserve wäre eine Sonderbelastung für die europäischen Banken“ – gerade im Wettbewerb mit der US-Konkurrenz.
Nun liegt der Ball im Feld der EZB-Spitze, die sich an diesem Donnerstag in Athen zu ihrer vorletzten Sitzung des Jahres trifft. Zwar haben sich Schwergewichte im EZB-Rat wie der Franzose François Villeroy de Galhau im Vorfeld skeptisch geäußert; der Chef der Banque de France sieht derzeit keine geldpolitischen Gründe für einen höheren Mindestreservesatz.
Dass die EZB diesen beschließt, sei gleichwohl „nicht unwahrscheinlich“, sagt Friedrich Heinemann, Leiter des Forschungsbereichs Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft beim ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, rechnet mit einer Verdopplung des Mindestreservesatzes von einem auf zwei Prozent – noch nicht auf der anstehenden EZB-Sitzung, wohl aber mittelfristig.
Denn Fakt ist: Da Mindestreserven unverzinslich sind, würde ein solcher Schritt den Zentralbanken helfen, ihre bilanzielle Schieflage zu verringern. „Wenn die EZB der Mindestreservesatz erhöht, muss sie den Banken weniger Zinsen auf deren Guthaben zahlen“, sagt Krämer. „Damit senkt die EZB ihre Verluste, die durch ihre gewaltigen Anleihenkäufe entstanden sind.“
Konkret entstehen die Verluste dadurch, dass die meisten Anleihen im EZB-Bestand nur mickrig verzinst werden, während die Notenbank ihrerseits für Bankeinlagen der Kreditinstitute mittlerweile deutlich mehr zahlen muss. „Eine Verlustbegrenzung kommt allen gelegen“, sagt Ökonom Heinemann. Insofern könne „hier Einigkeit zwischen Nord- und Südländern der Eurozone bestehen“.
Im Grunde ist die EZB nun mit den Spätfolgen ihrer lange Zeit viel zu expansiven Geldpolitik konfrontiert. „Die EZB muss für eine nachhaltige Inflationsbekämpfung die Liquiditätsschwemme eindämmen, die sie mit ihren massiven Anleihekäufen verursacht hat“, sagt Heinemann. Ein rascherer Abbau der Bestände an Staatsanleihen wäre da der logische Weg. „Weil aber die Sorge besteht, dass die Hochschulden-Staaten dann in die Knie gehen, sucht der EZB-Rat nach Alternativen“. Für Heinemann zeigt die Mindestreservediskussion, „wie sehr die Sorge um die Finanzierbarkeit der hohen Staatsschulden inzwischen das Denken vieler Mitglieder im EZB-Rat bestimmt“.
Was aber wären die ökonomischen Folgen? Eine höhere Mindestreserve verringert den Geldschöpfungsmultiplikator, wie es in der Ökonomensprache heißt. Weil von jedem Euro für Kredite und Einlagen durch die Mindestreserve ein Teil aus dem Spiel genommen wird, wird Liquidität abgesaugt und das Kreditwachstum – mithin die Geldschöpfung – gebremst. Der Vorteil: Ein solcher Schritt kann die Inflation dämpfen, ohne dass sich die Leitzinsen (nochmal) ändern müssen.