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GeldpolitikDie Fed hat noch einen langen Weg vor sich

Die US-Notenbank erhöht die Leitzinsen und kündigt weitere Zinsschritte an. Damit beendet sie Spekulationen um ein Ende des Straffungszyklus. Vorerst.KOMMENTAR von Malte Fischer 15.12.2022 - 06:00 Uhr

Trotz der zuletzt gesunkenen Inflationsraten will US-Notenbankchef Jerome Powell die Zinsen weiter anheben.  

Foto: Collage: Marcel Reyle, Bloomberg

Besser hätte es für die Notenbanker in den USA nicht laufen können: Nur einen Tag vor ihrer Entscheidung über die Leitzinsen am gestrigen Mittwoch gaben die US-Statistiker die Inflationsdaten für den November bekannt. Und die entwickelten sich so, wie es sich die Notenbanker um Fed-Chef Jerome Powell wünschen. Der Preisauftrieb sank auf 7,1 Prozent, nachdem er im Oktober noch bei 7,7 Prozent gelegen hatte. Rechnet man die Energie- und Nahrungsmittelpreise heraus, gab die Preisinflation sogar von 6,3 auf 6,0 Prozent nach. 

Die Zahlen dürften die Notenbanker in ihrer Absicht bestärkt haben, Tempo aus der geldpolitischen Straffung herauszunehmen. So hoben sie den Zielbereich für den Tagesgeldzins am Interbankenmarkt lediglich um 50 Basispunkte auf nunmehr 4,25 bis 4,5 Prozent an. Zuvor hatten sie den Leitzins vier Mal in Folge um jeweils 75 Basispunkte erhöht. 

Überraschend kam die Temporeduktion nicht. Analysten hatten angesichts der rückläufigen Inflation mit einem Schritt von 50 Basispunkten gerechnet. An den Finanzmärkten ist zuletzt sogar darüber spekuliert worden, ob die Fed den Leitzins bereits im nächsten Jahr wieder senkt. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen ist daraufhin von 4,2 Prozent Ende Oktober auf aktuell 3,50 Prozent gesunken. Die niedrigeren Finanzierungskosten verbilligen die Investitionen und den Konsum und konterkarieren so das Bestreben der Fed, die Wirtschaft zu bremsen. 

Erhöhung um 0,5 Prozentpunkte

Fed setzt auf strenge Geldpolitik – EZB vor weiterer Zinserhöhung

Hartnäckige Inflation bei Dienstleistungen

Daher bemühte sich Powell in der Pressekonferenz im Anschluss an die Zinsentscheidung, allen Spekulationen über ein baldiges Ende des Zinserhöhungszyklus den Wind aus den Segeln zu nehmen. Eine Zinspause oder gar Zinssenkungen seien nicht in Sicht, sagte Powell. Die Fed werde die Zinsen erst senken, wenn sie überzeugt sei, dass sich die Inflation nachhaltig bei ihrem Zielwert von zwei Prozent festsetzt. Davon aber sei man noch weit entfernt. Die Notenbank, so Powell, habe noch einen weiten Weg vor sich.

Tatsächlich rechnet die Mehrheit der Notenbanker damit, dass der Leitzins bis Ende nächsten Jahres weiter auf 5,1 Prozent steigen wird. Bisher hatten sie den Leitzins zu diesem Zeitpunkt lediglich auf 4,6 Prozent taxiert. Auch wenn sich die Teuerungsraten auf dem Rückzug befinden, sei die Inflation noch längst nicht besiegt, erklärte Powell in der Pressekonferenz wiederholt.

Zwar habe die Knappheit bei vielen Waren nachgelassen, für manche Produkte sinken die Preise sogar. Auch am Wohnungsmarkt gebe es erste Anzeichen, dass sich der Auftrieb der Mieten abschwäche. Doch die Dienstleistungen jenseits der Mieten, die im Preisindex für den privaten Konsum ein Gewicht von 55 Prozent besitzen, verteuern sich weiter rasant. Die nach wie vor hohen Lohnzuwächse treiben die Preise nach oben. Um die Dienstleistungsinflation zu besiegen, müsse die Geldpolitik weiter gestrafft werden, sagte Powell. Der größte Fehler, den die Fed jetzt begehen könne, bestehe darin, die geldpolitischen Zügel nicht stark genug zu straffen. So wie in den Siebzigerjahren, als sie dabei zusah, wie die Inflation durch die Decke ging. 

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Mit dem Verweis auf die damalige Situation versuchte Powell, sich in die Tradition von Paul Volcker zu stellen. Volcker war es als Notenbankchef Ende der Siebzigerjahre gelungen, mittels drastischer Zinserhöhungen die Inflation niederzuringen. Dabei nahm Volcker eine schwere Rezession in Kauf. Ob es im Gefolge der aktuellen Zinserhöhungen zu einer Rezession kommen werde, sei unklar, sagte Powell. Doch das Gebot der Stunde bestehe nicht darin, die Wirtschaft vor dem Schrumpfen zu schützen, sondern die Inflation zu besiegen. 

Erinnerungen an die Siebzigerjahre

Die Frage ist jedoch, ob Powell wirklich ein zweiter Paul Volcker ist. Dass er den Wunsch hat, in die Fußstapfen seines berühmten Vorgängers zu treten, mag man ihm abnehmen. Doch müsste er die Zinsen dazu im Zweifelsfall nicht nur stark anheben. Er müsste sie wohl auch lange Zeit auf hohem Niveau halten, um das Inflationsfeuer endgültig auszutreten. Das allerdings ließe die Finanzierungskosten des Staates kräftig steigen. 

Als Volcker Ende der Siebzigerjahre sein Amt als Fed-Chef antrat, lagen die Staatsschulden Amerikas gerade einmal bei 30 Prozent der Wirtschaftsleistung eines Jahres. Der vergleichsweise kleine Schuldenberg erleichterte es der Regierung, die rekordhohen Volcker-Zinsen zu schultern. Aktuell hingegen belaufen sich die US-Staatsschulden auf mehr als 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Hohe Zinsen über einen längeren Zeitraum sind daher politisch kaum tragbar. Denn die Regierung müsste im Gegenzug andere Ausgaben stark reduzieren oder die Steuern kräftig erhöhen. Das schränkt den Spielraum der Fed für Zinserhöhungen gewaltig ein. 

Die Notenbank ist daher längst nicht mehr der unabhängige Spieler auf dem Feld, der sie sein müsste, um die Inflation mit aller Härte bekämpfen zu können. Das gilt noch mehr für die Europäische Zentralbank, die sich darüber hinaus in der Pflicht wähnt, die heterogene und dysfunktionale Währungsunion zusammenzuhalten, koste es, was es wolle. 

Die Bürger und die Unternehmen müssen sich daher darauf einstellen, dass die Zentralbanken die Inflation, die sie mit ihrer ultralockeren Geldpolitik höchstselbst losgetreten haben, nicht mit der Härte und Konsequenz bekämpfen werden (können), wie es nötig wäre, um die Preisstabilität wieder herzustellen. Darüber können auch rhetorische Fanfarenstöße der Notenbanker nicht hinwegtäuschen.  

Lesen Sie auch: Zentralbanken machen Verluste – Böse Bescherung für Steuerzahler

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