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InflationsprognosenDie Teuerung könnte bald klebrig werden

Wie geht es weiter mit der Inflation und der Politik der Notenbanken? Drei Szenarien sind denkbar, schreibt der Ökonom Mohamed El-Erian in einem Gastbeitrag. Aber nicht alle sind gleich wahrscheinlich.Mohamed A. El-Erian 01.03.2023 - 07:47 Uhr

Droht die Inflation, an uns kleben zu bleiben?

Foto: imago images

Nachdem weltweit die Covid-bedingten Angebotsschocks abklingen, erlebt das Narrativ einer „vorübergehenden Inflation“ ein Comeback. „Vorübergehend“ ist ein beruhigender Begriff, der ein kurzlebiges, reversibles Phänomen suggeriert – und die Notwendigkeit einer Verhaltensanpassung außer Acht lässt. Ist eine Inflationsangst nur vorübergehend, erscheint es als der bequemste Weg, sie einfach auszusitzen oder, um einen Begriff von Marktakteuren zu verwenden, „durch sie hindurchzusehen“. Aus diesem Grund ist dieses Narrativ besonders gefährlich: Indem es zu Selbstgefälligkeit und Trägheit ermutigt, könnte es ein ernstes Problem verschärfen und seine Lösung erschweren.

Die erste Reaktion der US-Notenbank auf die steigende Inflation ist ein typisches Beispiel dafür. Im Jahr 2021 beeilte sich die mächtigste und einflussreichste Zentralbank der Welt, die höhere Inflation als „vorübergehend“ zu bezeichnen. Selbst als die Daten im deutlicher dagegen sprachen, hielt sie an diesem Ansatz fest und weigerte sich lange, ihren geldpolitischen Kurs zu verändern.

Die wiederholt falsche Darstellung durch die Fed verzögerte entscheidende politische Reaktionen zu einem Zeitpunkt, als die Inflation begann, die Preisgestaltung der Unternehmen und die Lohnforderungen der Arbeitnehmer zu beeinflussen. Infolgedessen verlor die Fed nicht nur an Glaubwürdigkeit, sondern fügte auch Millionen amerikanischer Haushalte, insbesondere den schwächsten Bevölkerungsgruppen, unnötigen Schaden zu. Die anfänglich unbeholfene Reaktion der Fed hat sie mittlerweile zu einer der aggressivsten vorauseilenden Zinserhöhungsserien aller Zeiten gezwungen, einschließlich vier aufeinander folgender Erhöhungen um 75 Basispunkte. Auch wenn sich die Inflation in den USA verlangsamt hat, ist es gefährlich zu glauben, dass das Problem hinter uns liegt. Wie also geht es weiter?

Zur Person
Mohamed A. El-Erian ist seit 2020 Präsident des Queens' College an der Universität Cambridge. Früher war der Ökonom unter anderem Vorstandsvorsitzender der Investmentgesellschaft Pimco.

Mit Blick auf den Rest dieses Jahres 2023 und Anfang 2024 stechen für mich drei Möglichkeiten hervor. Die erste ist eine geordnete Disinflation. In diesem Szenario sinkt die Inflation kontinuierlich in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels der Fed, ohne das US-Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung zu beeinträchtigen. Am Arbeitsmarkt werden übermäßige Lohnerhöhungen vermieden, während eine starke Wirtschaftstätigkeit einsetzt. In Anbetracht der sonstigen wirtschaftlichen Entwicklung würde ich die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios auf 25 Prozent beziffern.

Beim zweiten Szenario wird die Inflation „klebrig“. Die Teuerungsrate geht zwar zunächst weiter zurück, bleibt dann aber in der zweiten Jahreshälfte bei drei bis vier Prozent hängen, da die Güterpreise nicht mehr sinken und die Dienstleistungsinflation anhält. Dies würde die Fed vor die Wahl stellen, entweder die Wirtschaft zu drosseln, um die Inflation auf den Zielwert von zwei Prozent zu senken - oder abzuwarten, ob die USA mit einer stabilen Inflation von drei bis vier Prozent leben können. Ich weiß nicht, wofür sich die Fed in einem solchen Fall entscheiden würde, aber ich schätze die Wahrscheinlichkeit einer solchen hartnäckigen Inflation auf 50 Prozent.

Drittens schließlich besteht die Möglichkeit einer so genannten „U-Inflation“: Die Preise ziehen Ende dieses Jahres und bis ins Jahr 2024 hinein wieder an, da eine vollständig erholte chinesische Wirtschaft und der starke US-Arbeitsmarkt gleichzeitig eine anhaltende Dienstleistungsinflation und höhere Warenpreise bewirken. Ich schätze die Wahrscheinlichkeit dafür auf 25 Prozent.

Was auch immer geschieht: Das Schlimmste, was wir tun können, ist, in Selbstzufriedenheit zu verfallen. Auch Fed-Chef Jerome Powell hat das erkannt. Nachdem er lange an eine vorübergehende Inflation glaubte, äußert er sich nun anders. Es sei nicht garantiert, dass die Inflation „schnell und schmerzlos“ verschwinden werde: „Ich gehe davon aus, dass es einige Zeit dauern wird“.

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