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Kapitalismus unter Druck„Kaum jemand ist so antikapitalistisch wie die Deutschen“

Der Soziologe und Autor Rainer Zitelmann feiert den Kapitalismus, rügt die Leisetreterei vieler Unternehmer – und hält den Einfluss der Superreichen auf die Politik für überschätzt.Bert Losse 22.02.2022 - 06:00 Uhr

„Der Zeitgeist ist antikapitalistisch“, meint Soziologe und Autor Rainer Zitelmann.

Foto: WirtschaftsWoche

Rainer Zitelmann, 64, ist Soziologe, Unternehmer und Reichenforscher. Für sein soeben erschienenes Buch „Die zehn Irrtümer der Anti-Kapitalisten“ (Finanzbuch-Verlag), hat der gebürtige Frankfurter, der vom Marxisten zum Liberalen wurde, eine Bevölkerungsumfrage in 14 Ländern zur Akzeptanz marktwirtschaftlichen Denkens in Auftrag gegeben.

WirtschaftsWoche: Herr Zitelmann, Ihr neues Buch heißt: „Die zehn Irrtümer der Anti-Kapitalisten“. Fast zeitgleich kommt ein Buch mit dem Titel „Warum der Kapitalismus den Planeten zerstört“ heraus. Welches wird sich wohl besser verkaufen?
Rainer Zitelmann: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Der Zeitgeist ist antikapitalistisch. Umso wichtiger ist es, dem zu widersprechen. Das ist für mich wie bei einer Gerichtsverhandlung: Es muss einen Ankläger geben – aber eben auch einen Verteidiger.

Warum verehren Sie den Kapitalismus?
Weil er jeder anderen Wirtschaftsform haushoch überlegen ist. Vor 200 Jahren lebten 90 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, heute sind es weniger als zehn Prozent. Es hat historisch kein anderes System gegeben, das so viele Menschen aus der Not befreit hat. Trotzdem ist der Kapitalismus in der Weltsicht der politischen Linken in etwa das, was der Teufel für die katholische Kirche darstellt. Alles Böse lässt sich hier abladen: Klimawandel, Umweltverschmutzung, Ungleichheit, Faschismus, selbst die eigenen psychischen und beruflichen Probleme, wenn es im Leben mal nicht so läuft. Der Sozialismus hingegen sieht auf dem Papier perfekt aus – es sei denn, man schlägt ein Geschichtsbuch auf.

Publizist, Unternehmer und Reichenforscher Rainer Zitelman.

Foto: Presse

Sie haben bei den Meinungsforschungsinstituten Allensbach und Ipsos eine Bevölkerungsumfrage in 14 Ländern über die Haltung zum Kapitalismus in Auftrag gegeben. Was ist herausgekommen?
Dass die größten Fans des Kapitalismus interessanterweise in Polen leben. Hier wirken offenbar die historischen Erfahrungen mit dem Sozialismus nach. Die meisten Anti-Kapitalisten leben – wenig überraschend – in Frankreich. Insgesamt ist nur in vier Ländern die Zahl der Anhänger des Kapitalismus größer als die der Gegner: in den USA, Korea, Japan und eben Polen.
Lesen Sie auch: Für die politische Linke zählt „neoliberal“ in wirtschaftspolitischen Debatten zu den übelsten Schimpfworten. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Der ursprüngliche Neoliberalismus ist ganz anders, als ihn sich seine heutigen Gegner vorstellen: Ist Neoliberalismus gleich Turbokapitalismus?

Und wo steht Deutschland?
Kaum jemand ist so antikapitalistisch wie die Deutschen! Nur bei Spaniern und Franzosen sind die Zustimmungswerte niedriger. Die Umfrage zeigt zudem, dass die Einstellung zu unserem Wirtschaftssystem stark altersabhängig ist. Bei den unter 30-Jährigen unterstützen nur 26 Prozent Pro-Markt-Aussagen, hingegen 40 Prozent Pro-Staat-Aussagen. Bei über 60 Jährigen ist die Spanne deutlich geringer. Allerdings hängt manches auch von der Formulierung der Frage ab.

WiWo History

Warum wir den Kapitalismus brauchen – und auch seine Kritiker

von Werner Plumpe

Wie meinen Sie das?
Das Wort Kapitalismus hat in den meisten Ländern eine negative Konnotation, unabhängig von den Inhalten. Wir haben in der Umfrage daher sechs Fragen gestellt, in denen wir das Wort gezielt vermieden und Kapitalismus nur umschrieben haben. In diesen Fällen nahm die Zustimmung zu marktwirtschaftlichen Prinzipen merklich zu.

Woher kommt die Skepsis gegenüber Markt, Wettbewerb und Eigenverantwortung in Deutschland?
Wenn man in die Wirtschaftsgeschichte schaut, stellt man fest: In seinem Innersten war Deutschland immer staatsgläubig und etatistisch. Was Ludwig Erhard nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft und verändert hat, war historisch eher eine Ausnahme. Wobei ja auch er das Wort „Kapitalismus“ mied, sondern von „sozialer Marktwirtschaft“ sprach.

Setzen Sie Kapitalismus und Marktwirtschaft gleich oder differenzieren Sie hier?
Ich verwende die Begriffe „Marktwirtschaft“ oder gar „soziale Marktwirtschaft“ nicht gern, weil sie zur allgemeingültigen Floskel geworden sind. Heutzutage ist fast jeder für „soziale Marktwirtschaft“ – sogar Sahra Wagenknecht.
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Ist Deutschland im Jahr 2022 Ihrer Ansicht nach noch ein kapitalistisches System?
Es gibt nirgendwo auf der Welt den Kapitalismus und den Sozialismus in Reinform. Auch Deutschland ist ein Mischsystem. Wie sich unser Wohlstand künftig entwickeln wird, hängt vom Mischungsverhältnis ab. Ich gehöre nicht zu den libertären Utopisten, die den 100prozentigen reinen Kapitalismus herbeisehen. Aber mehr Markt und weniger Staat – das ist für Deutschland und viele andere Länder richtig und hat sich immer wieder bewährt.

Täuscht der Eindruck, dass die Kritiker des Kapitalismus straffer und besser organisiert sind als seine Verteidiger?
Zumindest sind sie aktiver und lauter. Die Verteidiger des Kapitalismus sind viel zu leise. Das werfe ich gerade den deutschen Unternehmern vor. Leider herrscht mittlerweile ein gesellschaftliches Klima, in dem Unternehmer befürchten müssen, dass ihre Firma leidet, wenn sie sich dezidiert prokapitalistisch äußern. Dann gerät man schnell ins Fadenkreuz von sogenannten Aktivisten oder erntet einen Shitstorm in den sozialen Medien, der geschäftsschädigend sein kann. Viele Manager gehen daher bei Grundsatzfragen unserer Wirtschaftsordnung sicherheitshalber auf Tauchstation.

Ein gängiges Argument gegen den Kapitalismus lautet, er sei latent undemokratisch, weil Superreiche die Politik mitbestimmen wollen - und können. Sie halten das offenkundig für Unfug.
So ist es. Geld regiert nicht die Welt. Die Macht der Reichen wird übertrieben.

Amazon-Chef Bezos, ein Milliardär, hat 2013 die Washington Post gekauft. Das hat Bezos bestimmt nicht gemacht, weil er so gern Zeitung liest.
Nein, aber dass die Washington Post seit dem Verkauf zum kapitalistischen Kampfblatt geworden ist, habe ich bisher nicht feststellen können. Bleiben wir ruhig beim Beispiel Amerika. Es heißt ja immer, hier würde das große Geld die Wahlen entscheiden. Dann aber hätte Hillary Clinton 2016 die Wahl gewinnen müssen. Sie hat damals rund 1,2 Milliarden Dollar an Wahlkampfspenden eingesammelt, gut doppelt so viel wie Donald Trump. Der aktuelle Präsident dürfte auch nicht Joe Biden heißen, sondern es müsste Michael Bloomberg sein, der achtreichste Mann der Welt. Bloomberg hat beim Vorwahlkampf der Demokraten in seine Kandidatur eine Milliarde Dollar gepumpt. Biden war dagegen wirtschaftlich ein Zwerg. Trotzdem wurde er der Präsidentschaftskandidat. Es gibt ein Studie aus den USA zu allen Wahlen seit 1952: Demnach hat die Finanzausstattung der Kandidaten in maximal zwei von 17 Wahlen den Ausschlag gegeben.

Die These, Reiche seien nicht auch politisch einflussreich, ist trotzdem gewagt. Glauben Sie wirklich, die Oligarchen dieser Erde würden keinen politischen Einfluss nehmen?
Klar, da muss man differenzieren. Ich beziehe mich auf den demokratischen Westen. Und ich sage ja auch nicht, dass es keinen Lobbyismus gibt. Allerdings kommt der nicht nur aus einer Richtung. Umweltlobbyisten haben in Deutschland längst einen größeren Einfluss als viele Unternehmen. Es ist kein Zufall, dass die Chefin von Greenpeace jetzt einen hohen Posten im Außenministerium bekommt. Wenn die Autobranche so einen riesigen Einfluss hat, warum kommen dann aus Brüssel planwirtschaftliche Flottenziele für die Abgase? Wenn die Immobilienwirtschaft so mächtig ist, warum gibt es dann die Mietpreisbremse und 25 000 Bauvorschriften? In Deutschland haben die Unternehmen nicht zu viel Einfluss. Sondern zu wenig.

Lesen Sie auch: Ein Blick in die Geschichte zeigt: Um langfristig erfolgreich zu sein, müssen sich Staaten auf die Fundamente einer liberalen Ordnung besinnen: Freiheit, Privateigentum und unternehmerische Initiative: Das Geheimnis erfolgreicher Staaten

Würden Sie sich selbst als reich bezeichnen?
Ja.

Wie zu lesen ist, sind Sie Multimillionär.
Dafür schäme ich mich nicht. Ich bin durch unternehmerische Tätigkeiten wohlhabend geworden, ich habe nichts geerbt und alles selbst erwirtschaftet. Meine PR-Firma, mit der ich gut verdient habe, hatte bis zu 50 Mitarbeiter. Und das damit verdiente Geld habe ich dann am Immobilienmarkt angelegt.

Wenn Sie über Reichtum sprechen und schreiben, tun Sie dies also in gewisser Weise pro domo. Macht das Ihr Plädoyer für den Kapitalismus nicht etwas fadenscheinig?
Nein, wieso? Ich lasse mich gern an wissenschaftlichen Standards messen. Mein neues Buch hat 841 Quellenbelege. Ich war in meiner Jugend Marxist, habe alle drei Bände des „Kapital“ gelesen und alle wichtigen Schriften von Marx, Engels, Lenin und Mao. Aber suchen Sie mal umgekehrt in der Flut antikapitalistischer Bücher nach Zitaten von Hayek oder Mises! Das Argument, ein Profiteur des Kapitalismus dürfe diesen nicht verteidigen, erscheint mir arg dünn. Nach dieser Logik dürften auch Frauen keine Bücher zu Genderthemen schreiben. Und wenn jetzt einer ruft: „Millionär Zitelmann kämpft für das kapitalistische System!“, dann rufe ich zurück: „Genauso ist es!“

Mehr zum Thema: Vorbehalte gegen den Kapitalismus ziehen sich durch die gesamte Geschichte. Doch am Ende kann Kritik die Marktwirtschaft sogar stärken. WiWo History: Warum wir den Kapitalismus brauchen – und auch seine Kritiker

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