Konjunktur: „Wir sehen eine massive Veränderung im Einkaufsverhalten“
Die Verbraucher leiden unter der hohen Inflation und schrumpfenden Realeinkommen. Der Konsum fällt daher als Konjunkturstütze aus.
Foto: dpaWirtschaftsWoche Herr Genth, in den vergangenen Wochen waren die Einkaufszentren und Weihnachtsmärkte trotz Energiekrise und hoher Inflation voll wie eh und je. Da müssen Sie doch zufrieden sein mit dem Weihnachtsgeschäft.
Stefan Genth: Gut liefen vor allem die Adventssamstage, an denen viele Menschen in die Geschäfte kamen. Unter der Woche sah es deutlich schlechter aus, da waren die Kundenfrequenzen niedrig. Zufrieden sind die meisten Händlerinnen und Händler mit dem bisherigen Verlauf des Weihnachtsgeschäfts daher leider nicht. Nur ein Viertel der Handelsunternehmen ist zufrieden mit dem Geschäftsverlauf, rund die Hälfte unzufrieden. Die Zwischenbilanz für das Weihnachtsgeschäft fällt also durchwachsen aus, obwohl auch in der Krise geschenkt wird. Denn bei vielen Haushalten sind noch Ersparnisse aus der Zeit der Pandemie vorhanden. Für die Monate November und Dezember rechnen wir mit einem nominalen Umsatzplus von etwa fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allerdings kommt das Plus allein durch die höheren Preise zustande. Rechnet man die Preissteigerungen heraus, dürfte der Umsatz um vier Prozent schrumpfen.
Werden die Preise weiter steigen?
Besonders betroffen von Inflation und Preissteigerungen sind die Bereiche Energie und Lebensmittel. Im Non-Food-Handel sehen wir eine deutlich moderatere Entwicklung. Im Einzelhandel sind die Margen jedoch gering. Produkte können daher teurer werden, weil die Hersteller ihre Energiekosten an die Händler weitergeben oder weil bestimmte Lieferketten nicht reibungslos laufen. Das haben wir etwa im Zuge der Corona-Lockdowns in China gemerkt, als Fabriken und Häfen immer wieder geschlossen wurden. Hier können Produktknappheiten und steigende Preise die Folge sein.
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Die Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für das Winterhalbjahr eine Rezession. Kann der Handel die Preise erhöhen, wenn die Nachfrage schrumpft?
Der Einzelhandel agiert vielmehr als Preisdämpfer. Die Handelsunternehmen versuchen, in Verhandlungen mit den Lieferanten übertriebene Forderungen und Erhöhungen zu verhindern. Jede Preissteigerung einfach an die Kunden weiterzugeben, ist angesichts der aktuellen Konsumstimmung und des dramatischen Kaufkraftverlustes der privaten Haushalte gar nicht möglich. Noch dazu ist die Konkurrenz im Einzelhandel groß, da geht es auch um wettbewerbsfähige Preise. Insgesamt dürfte die Inflation eine Neujustierung des Konsums nach sich ziehen.
Inwiefern?
Durch die Inflation geraten gerade Haushalte mit kleinem oder mittlerem Einkommen unter Druck. Wir sehen eine massive Veränderung im Einkaufsverhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher, hin zu einem preisbewussteren Einkauf. Sonderangebote und Eigenmarkten werden verstärkt nachgefragt. Ein Drittel der von steigenden Energiekosten betroffenen Menschen schränkt seine Ausgaben ein. Dadurch wächst der Konkurrenzdruck zwischen den Anbietern von Waren und Dienstleistungen.
In den nächsten Wochen werden den Verbrauchern die Abrechnungen und die neuen Abschläge für Gas und Strom ins Haus flattern.
Umso wichtiger ist das Signal, das die Bundesregierung mit den beschlossenen Entlastungsmaßnahmen sendet. Die hohen Energiekosten haben die Verbraucherstimmung in diesem Jahr erheblich gedämpft. Zu hoffen ist jetzt, dass die Strom- und Gaspreisbremsen für eine Entlastung der Verbraucher und auch der Unternehmen sorgen werden. Ob sich dadurch der private Konsum stabilisiert, werden die nächsten Monate zeigen.
Eine andere Sorge, die den Handel in den vergangenen Jahren plagte, sind die Lieferengpässe. Hat sich die Lage mittlerweile entspannt?
Die internationalen Lieferketten sind weiterhin angespannt, aber die Lieferschwierigkeiten haben nachgelassen. Viele Handelsunternehmen haben auch die eigene Warenbeschaffung angepasst, Lagerkapazitäten ausgebaut und alternative Lieferkonzepte sowie eine Mehr-Lieferanten-Strategie entwickelt. Wir hoffen nun, dass sich die Lage in den nächsten Monaten weiter entspannt.
Während der Corona-Pandemie haben die Bürger vor allem Küchen, Möbel, Autos und andere langlebige Konsumgüter gekauft. Im Bekleidungshandel hingegen herrschte Flaute.
Der Bekleidungshandel spürt die Folgen der Pandemie zwar bis heute, aber es gibt erste Zeichen der Erholung. Die zuletzt niedrigen Temperaturen haben beispielsweise den Verkauf warmer Winterbekleidung angekurbelt. In diesem Winter können die Verbraucherinnen und Verbraucher wieder ohne pandemiebedingte Einschränkungen und Maskenpflicht einkaufen gehen, die Situation ist eine andere als noch vor einem Jahr. Das kommt dem Einkaufsbummel in der Innenstadt zugute.
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