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Konsumklima„Es droht ein Angstsparen der Verbraucher“

Die anhaltend hohe Inflation, die drohende Gaskrise und wachsende Jobsorgen drücken die Kauflaune der Bundesbürger. Gibt der verunsicherte Konsument der deutschen Konjunktur bald den Rest?Bert Losse 23.08.2022 - 07:09 Uhr

Konsumklima: Sparen im Einkaufswagen

Foto: imago images

Herr Rakau, die Einzelhandelsumsätze sind im Juni eingebrochen, das Konsumklima ist auf den tiefsten Stand seit 1991 gefallen. Wird der deutsche Verbraucher zur Konjunkturbremse?
Oliver Rakau: Noch nicht – aber womöglich bald. Die hohe Inflation drückt zwar die Realeinkommen und die Löhne wachsen derzeit noch nicht stark mit. Es hat aber zugleich vor allem im Dienstleistungsbereich nach Aufhebung der Corona-Restriktionen eine Normalisierung gegeben. Die Leute gehen wieder mehr ins Restaurant oder in Konzerte und machen ausgiebig Urlaub. Dass im zweiten Quartal das Wirtschaftswachstum nicht spürbar gesunken ist, hatten wir dem Konsum zu verdanken. Selbst im dritten Quartal ist unter dem Strich noch ein positiver Wachstumsbeitrag möglich. Auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt. 

Aber?
Wir rechnen im Winterhalbjahr mit einer technischen Rezession, im vierten Quartal 2022 und im ersten Quartal 2023 dürfte die Wirtschaftsleistung zurückgehen. Die Industrie wird dann wieder vermehrt Beschäftigte in Kurzarbeit schicken. Das ist kein gutes Umfeld für den Konsum – zumal auch bei der Inflation in den kommenden Monaten keine Entspannung in Sicht ist. 

Der Konsum dürfte vor diesem Hintergrund im Winterhalbjahr keinen positiven Wachstumsbeitrag mehr leisten, ein Konsumrückgang ist auch angesichts der zu erwartenden sprunghaften Anstiege der Heizkosten nicht auszuschließen. Es droht ein Angstsparen der Verbraucher.

Zur Person
Oliver Rakau ist Deutschland-Chefvolkswirt des britischen Wirtschaftsforschungsinstituts Oxford Economics.

Gleichwohl haben viele Bürger nach Corona und diversen Lockdowns noch Einiges auf der hohen Kante. Hilft das dem Konsum nicht?
Die während der Pandemie stark gestiegene Sparquote ist zuletzt gesunken – von 11,5 Prozent im ersten Quartal auf vermutlich rund zehn Prozent im zweiten Quartal. Doch in den kommenden Quartalen erwarte ich von dieser Seite keine weiteren Impulse. Die Menschen sind verunsichert und müssen bei ihrem Konsum- und Sparverhalten aktuell ja auch die anstehende massive Erhöhung ihrer Gasrechnung und extreme Nachzahlungen bei den Nebenkosten berücksichtigen.

Wo spart der Deutsche zuerst?
Oxford Economics hat eine historische Analyse gemacht, wie stark der Konsum in verschiedenen Kategorien auf veränderte Realeinkommen reagiert. Besonders stark ist die Reaktion bei Restaurant- und Hotelbesuchen sowie bei Gütern wie Autos und Möbeln, wo sich der Konsum leichter aufschieben lässt. Bei Waren des täglichen Bedarfs ist das schwieriger.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Bremsen auch die steigenden Zinsen die Ausgabelust?
Da muss man differenzieren. Dass die Leute vermehrt auf Konsum verzichten, um ein paar Euro Zinsen auf dem Festgeldkonto zu bekommen, glaube ich nicht. Für Geringverdiener mit hoher Konsumquote fällt diese Option ohnehin weg; die müssen jetzt schauen, dass sie ihre Rechnungen noch bezahlen können. Eine gewisse Bremswirkung auf den Konsum könnten allerdings die steigenden Bauzinsen haben. Wenn sich die Finanzierungkosten einer Immobilie erhöhen, kann es passieren, dass die Käufer im Gegenzug bei der Einrichtung sparen, also etwa bei Möbeln und Elektrogeräten. Oder den Wohnungskauf sogar ganz abblasen.

Lesen Sie auch: Lockdown im Portemonnaie: „Der Tiefpunkt beim Konsum kommt erst noch“

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