Konsumklima „Es droht ein Angstsparen der Verbraucher“

Konsumklima: Sparen im Einkaufswagen Quelle: imago images

Die anhaltend hohe Inflation, die drohende Gaskrise und wachsende Jobsorgen drücken die Kauflaune der Bundesbürger. Gibt der verunsicherte Konsument der deutschen Konjunktur bald den Rest?

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Herr Rakau, die Einzelhandelsumsätze sind im Juni eingebrochen, das Konsumklima ist auf den tiefsten Stand seit 1991 gefallen. Wird der deutsche Verbraucher zur Konjunkturbremse?
Oliver Rakau: Noch nicht – aber womöglich bald. Die hohe Inflation drückt zwar die Realeinkommen und die Löhne wachsen derzeit noch nicht stark mit. Es hat aber zugleich vor allem im Dienstleistungsbereich nach Aufhebung der Corona-Restriktionen eine Normalisierung gegeben. Die Leute gehen wieder mehr ins Restaurant oder in Konzerte und machen ausgiebig Urlaub. Dass im zweiten Quartal das Wirtschaftswachstum nicht spürbar gesunken ist, hatten wir dem Konsum zu verdanken. Selbst im dritten Quartal ist unter dem Strich noch ein positiver Wachstumsbeitrag möglich. Auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt. 

Aber?
Wir rechnen im Winterhalbjahr mit einer technischen Rezession, im vierten Quartal 2022 und im ersten Quartal 2023 dürfte die Wirtschaftsleistung zurückgehen. Die Industrie wird dann wieder vermehrt Beschäftigte in Kurzarbeit schicken. Das ist kein gutes Umfeld für den Konsum – zumal auch bei der Inflation in den kommenden Monaten keine Entspannung in Sicht ist. 

Der Konsum dürfte vor diesem Hintergrund im Winterhalbjahr keinen positiven Wachstumsbeitrag mehr leisten, ein Konsumrückgang ist auch angesichts der zu erwartenden sprunghaften Anstiege der Heizkosten nicht auszuschließen. Es droht ein Angstsparen der Verbraucher.

Zur Person

Gleichwohl haben viele Bürger nach Corona und diversen Lockdowns noch Einiges auf der hohen Kante. Hilft das dem Konsum nicht?
Die während der Pandemie stark gestiegene Sparquote ist zuletzt gesunken – von 11,5 Prozent im ersten Quartal auf vermutlich rund zehn Prozent im zweiten Quartal. Doch in den kommenden Quartalen erwarte ich von dieser Seite keine weiteren Impulse. Die Menschen sind verunsichert und müssen bei ihrem Konsum- und Sparverhalten aktuell ja auch die anstehende massive Erhöhung ihrer Gasrechnung und extreme Nachzahlungen bei den Nebenkosten berücksichtigen.

Wo spart der Deutsche zuerst?
Oxford Economics hat eine historische Analyse gemacht, wie stark der Konsum in verschiedenen Kategorien auf veränderte Realeinkommen reagiert. Besonders stark ist die Reaktion bei Restaurant- und Hotelbesuchen sowie bei Gütern wie Autos und Möbeln, wo sich der Konsum leichter aufschieben lässt. Bei Waren des täglichen Bedarfs ist das schwieriger.

Schneller schlau: Inflation

Bremsen auch die steigenden Zinsen die Ausgabelust?
Da muss man differenzieren. Dass die Leute vermehrt auf Konsum verzichten, um ein paar Euro Zinsen auf dem Festgeldkonto zu bekommen, glaube ich nicht. Für Geringverdiener mit hoher Konsumquote fällt diese Option ohnehin weg; die müssen jetzt schauen, dass sie ihre Rechnungen noch bezahlen können. Eine gewisse Bremswirkung auf den Konsum könnten allerdings die steigenden Bauzinsen haben. Wenn sich die Finanzierungkosten einer Immobilie erhöhen, kann es passieren, dass die Käufer im Gegenzug bei der Einrichtung sparen, also etwa bei Möbeln und Elektrogeräten. Oder den Wohnungskauf sogar ganz abblasen.

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