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LeitzinsentscheidNach zehn Erhöhungen in Folge: EZB lässt Zinsen im Euro-Raum konstant

Die Inflation schwächt sich ab, die Sorge um die Konjunktur wächst. Doch nach zehn Zinserhöhungen kommt nun keine elfte: Die Europäische Zentralbank lässt die Zinsen im Euroraum vorerst unverändert. 26.10.2023 - 16:58 Uhr aktualisiert

EZB-Chefin Christine Lagarde.

Foto: REUTERS

Die Euro-Währungshüter haben angesichts gesunkener Inflationsraten nach zehn Zinserhöhungen in Folge nicht weiter an der Zinsschraube gedreht. Der Rat der Europäischen Zentralbank beließ den Leitzins bei 4,5 Prozent, wie die Notenbank nach einer auswärtigen Ratssitzung in Athen mitteilte. Die EZB werde weiter nach der Datenlage entscheiden, sagte Präsidentin Christine Lagarde auf die Frage nach dem weiteren Vorgehen. Eine Diskussion über Zinssenkungen sei aber „völlig verfrüht“. Zuletzt waren die Sorgen um die Konjunktur gewachsen.

Höhere Zinsen verteuern Kredite, was die Nachfrage bremsen und hohen Teuerungsraten entgegenwirken kann. Teurere Kredite sind zugleich eine Last für die Wirtschaft, weil sich kreditfinanzierte Investitionen verteuern. Der Einlagenzins, den Banken für geparkte Gelder erhalten, verharrt nach der jüngsten Entscheidung der Notenbank bei 4,0 Prozent. Dies ist das höchste Niveau seit Bestehen der Währungsunion 1999.

Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer wird die EZB die Zinsen in den kommenden Monaten wohl nicht weiter erhöhen. Auch Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, rechnet in diesem Jahr nicht mit einer Anhebung. „Die Inflationsraten werden auf Sicht der kommenden Monate weiter fallen.“ Zudem bleibe die wirtschaftliche Entwicklung schwierig.

EZB-Sitzung

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von Felix Petruschke

„Zinserhöhungen wirken wie ein Langzeit-Medikament mit erheblichen Zeitverzögerungen“, erläuterte Friedrich Heinemann, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW.

Mittelfristige Inflationsrate von 2,0 Prozent angestrebt

Die EZB strebt mittelfristig stabile Preise bei einer Inflationsrate von 2,0 Prozent an. „Auf Grundlage seiner aktuellen Beurteilung ist der EZB-Rat der Auffassung, dass sich die EZB-Leitzinsen auf einem Niveau befinden, das – wenn es lange genug aufrechterhalten wird – einen erheblichen Beitrag zu diesem Ziel leisten wird“, teilte die EZB mit.

Im September schwächte sich die Teuerung im gemeinsamen Währungsraum deutlich ab: Die Jahresinflationsrate fiel von 5,2 Prozent im August auf 4,3 Prozent. Im vergangenen Jahr war die Inflation infolge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine zeitweise zweistellig gewesen.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Die EZB stemmte sich seit Juli 2022 mit einer beispiellosen Serie von Zinsanhebungen gegen diese Entwicklung. Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes BdB mahnte, die EZB sollte die Tür für Zinserhöhungen offenhalten.

Sparer profitieren von gestiegenen Zinsen und gesunkener Inflation

Deutsche Sparer profitieren nach einer langen Durststrecke von gestiegenen Zinsen und der zuletzt gesunkenen Inflation. Erste Topanbieter zahlen für Festgeldanlagen mit einem Jahr Laufzeit Zinsen, die mit 4,75 Prozent oberhalb der Inflationsrate von 4,5 Prozent im September liegen, wie aus einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox hervorgeht.

Im Schnitt liegt der Realzins – also der Zins nach Abzug der Inflation – den Angaben zufolge bei Festgeldanlagen allerdings immer noch bei minus 1,18 Prozent (Stichtag: 20. Oktober). Der Wertverlust durch die Teuerung ist damit größer als der Kapitalzuwachs durch die Zinsen. Verivox zufolge könnte die Ära steigender Zinsen bald zu Ende gehen: „Momentan deutet viel darauf hin, dass die Festgeldzinsen ihren Gipfel bald erreicht haben.“

Die Sorgen um die Konjunktur waren zuletzt gewachsen. „Die Wirtschaft im Euroraum bleibt schwach“, sagte Lagarde. Die EZB rechnete zuletzt mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von 0,7 Prozent in diesem Jahr. Im Juli war noch ein Plus von 0,9 Prozent vorhergesagt worden. Europas größte Volkswirtschaft Deutschland wird nach Einschätzung der Bundesregierung und vieler Ökonomen in diesem Jahr sogar leicht schrumpfen.

Lesen Sie auch: Warum die Europäische Zentralbank eine Verschnaufpause einlegt – und was das für Anleger bedeutet

dpa
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