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Medienkritik Wirtschaftsjournalisten auf dem Wachstumstrip

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Gefangen im Zahlenkult

Kritiker sprechen von der „heiligen Kuh der Industriegesellschaft“. Seit rund 40 Jahren erleben wir nun die lange Gegenwart des Wachstumsparadigmas.
Die historischen Brüche jener Jahrzehnte hat es einigermaßen schadlos überstanden. Aller Kritik und aller mittlerweile zum Dauerzustand gewordenen Krisen zum Trotz ist der Glaube an das ökonomische Steigerungsspiel im Kern unerschüttert, bleibt die Macht des BIPs über die Politik ungebrochen. Selbst bescheidene Rückgänge werden als Katastrophe empfunden. Der ehemalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte recht, als er feststellte, dass mit dem Siegeszug des BIPs ein „Kult um Zahlen“ kreiert worden sei, „der uns nun gefangen hält“.

Kritische Distanz gefragt

Das zeigen nicht zuletzt die verzweifelten Versuche von Politik und Zentralbanken, das Wachstum durch Schuldenfinanzierung und neu geschaffenes Geld um buchstäblich jeden Preis auf Trab zu halten. Dabei ist längst deutlich geworden, dass dieses künstliche Wachstum kaum eine oder gar keine Steigerung des allgemeinen Wohlstands mehr mit sich bringt, sondern vor allem einer Minderheit dazu verhilft, ihren finanziellen Vorsprung vor den anderen auszubauen.

Indes: Der Ruf nach Wachstum und die Wehklage über dessen Ausbleiben sind immer noch dominant im Wirtschaftsjournalismus. Allenfalls werden die Mittel, aber fast nie wird der Zweck kritisiert: Es soll in jedem Jahr mehr erwirtschaftet werden als zuvor. Und die Politik hat die Bedingungen dafür zu schaffen, sonst gilt sie als gescheitert. Die Mahnung des amerikanischen Ökonomen Simon Kuznets, dass die Güterproduktion für den Menschen da sei und nicht umgekehrt und deshalb die „Vorstellung des guten Lebens das Kriterium“ für die Messung von Wohlstand sein müsse, ist bis heute unerhört geblieben. Nicht der konsumierende Mensch, sondern die Produktion steht im Mittelpunkt des ökonomischen Diskurses.

Der überfällige Paradigmenwechsel im Wirtschaftsjournalismus kann nur gelingen, wenn Abschied genommen wird von diesem Fetischismus und vom Glauben an das Expertentum der Standardökonomie. Deren Versagen angesichts der seit Jahren andauernden Krise des Weltfinanzsystems wäre eine gute Gelegenheit für uns Journalisten, endlich zu gewinnen, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte: kritische Distanz.

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