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Verbraucherpreise in EurozoneKerninflation bleibt hoch – kommt jetzt der nächste EZB-Zinsschritt?

Viele Experten haben diese Entwicklung bereits vorausgesagt: Die Inflation im Euroraum ist auf dem Sinkflug, bleibt aber hoch. Nun richten sich die Blicke auf die EZB: Wie wird die Notenbank reagieren? 19.07.2023 - 13:09 Uhr Quelle: dpa

Die Zentrale der Europäischen Zentralbank.

Foto: imago images

Die Inflation in der Eurozone ist auch im Juni deutlich gefallen. Die Verbraucherpreise erhöhten sich gegenüber dem Vorjahr um 5,5 Prozent – nach 6,1 Prozent im Mai und 7,0 Prozent im April, wie das Statistikamt Eurostat am Mittwoch in Luxemburg mitteilte. Eine erste Schätzung wurde damit bestätigt. Es ist die niedrigste Inflationsrate seit Anfang 2022.

Besonders niedrig waren die Inflationsraten im Juni in Luxemburg mit 1,0 Prozent, in Belgien und Spanien mit jeweils 1,6 Prozent. Ungarn verzeichnet hingegen den stärksten Anstieg der Verbraucherpreise mit 19,9 Prozent, danach folgen Slowakei (11,3 Prozent) und Tschechien (11,2 Prozent).

Die Energiepreise fielen deutlich um 5,6 Prozent. Im vergangenen Jahr waren sie drastisch gestiegen, weil infolge des Ukraine-Kriegs Lieferungen aus Russland weitgehend ausblieben und Angst vor einer Energiekrise aufkam. Bei Lebensmitteln hingegen stiegen die Preise weiter um 11,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

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von Malte Fischer

Trotz des Rückgangs ist die Inflationswelle noch nicht gebrochen. Die Kernrate, in der unter anderem die schwankungsanfälligen Energie- und Lebensmittelpreise sowie Alkohol und Tabak ausgeklammert bleiben, stieg im Juni auf 5,5 Prozent von 5,3 Prozent im Mai. In der ersten Schätzung war für Juni nur ein Wert von 5,4 Prozent veranschlagt worden.

Dieser stärkere Anstieg dürfte bei den Währungshütern mit Sorge gesehen werden, gilt doch die Kernrate als wichtige Messgröße für die zugrundeliegenden Inflationstrends. Die Europäische Zentralbank (EZB) steuert vor diesem Hintergrund auf die nächste Zinserhöhung zu. Bundesbankchef Joachim Nagel sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), „praktisch alle“ würden für den 27. Juli mit einer Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte rechnen: „Die Zinsen werden so hoch steigen und so lange auf diesem Niveau bleiben, wie es nötig ist, damit wir die Inflation wieder auf unsere Zielrate von zwei Prozent bringen.“

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Bundesbankchef Nagel sieht in der Inflation „ein gieriges Biest“. Deshalb wäre es aus seiner Sicht ein Fehler, zu früh bei der Bekämpfung nachzulassen und die Zinsen vorzeitig wieder zu senken. Anders als in den USA hätten in Europa Lieferengpässe und Energieknappheit eine deutlich größere Rolle gespielt. Breiter gestreute staatliche Ausgaben trügen ihren Teil dazu bei, dass Preise steigen würden. Schließlich erhöhten sie die Nachfrage.

Auch in der Führungsetage des Internationalen Währungsfonds (IWF) sieht man Bedarf für eine weitere Straffung. Damit solle sichergestellt werden, dass die Zielmarke der EZB in Sachen Inflation „rechtzeitig“ erreicht werde. Eine beharrlich hohe Inflation, die auch durch starkes Lohnwachstum befeuert werden könnte, würde aus Sicht des in Washington ansässigen Fonds für eine längere Zeit eine straffe Geldpolitik erfordern.

Im vergangenen Jahr war die Inflation zeitweise zweistellig gewesen. Die Europäische Zentralbank (EZB) stemmt sich gegen die Entwicklung mit kräftigen Zinsanhebungen, seit Sommer 2022 hat sie ihre Leitzinsen um insgesamt vier Prozentpunkte angehoben. Für die nächste Sitzung in der kommenden Woche wurde bereits eine zusätzliche Straffung in Aussicht gestellt. Das Inflationsziel der EZB von mittelfristig zwei Prozent wird nach wie vor deutlich überschritten.

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dpa, rtr, akl
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