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NotenbankenZinsschritt mit Überraschung

Die EZB und die Fed haben angekündigt, die Zinsen weiter zu erhöhen. Sie fürchten, zu stark steigende Löhne könnten die Inflation anheizen. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Malte Fischer 16.06.2023 - 11:37 Uhr

EZB-Präsidentin Christine Lagarde will die Leitzinsen weiter anheben, um die Inflation nachhaltig auf den Zielwert der EZB von zwei Prozent zu senken. 

Foto: dpa

Nichts hassen die Teilnehmer an den Finanzmärkten mehr als Überraschungen. Vor allem, wenn sie den Preis betreffen, um den sich an den Finanzmärkten alles dreht: den Zins. Diesen steuern bekanntermaßen die Zentralbanken. Daher bemühen sich die Notenbanker normalerweise darum, den Märkten Orientierung zu geben, was künftige Zinsentscheidungen betrifft. 

Das aber funktioniert nur so lange, wie sich die Wirtschaft in ruhigen Bahnen bewegt. Werden die Zeiten hingegen ruppiger, etwa weil die Konjunktur von unerwarteten Schocks durchgeschüttelt wird oder die Inflation auf und davon galoppiert, sind die Notenbanker meist selbst orientierungslos. Dann schalten sie den Zins-Autopiloten aus und fahren auf Sicht.    

So wie derzeit. Weil die Inflationsraten in den meisten Industrieländern noch immer weit über den Zielwerten der Zentralbanken liegen, die Wirtschaft jedoch zunehmend erlahmt, müssen sich die Notenbanken entscheiden: Wollen sie die Konjunktur stützen, oder ihrer primären Aufgabe nachkommen, die Preise zu stabilisieren? Das Dilemma, in dem sich die Zentralbanken befinden, macht ihre geldpolitischen Entscheidungen für die Finanzmärkte nur schwer kalkulierbar. 

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Zinsgipfel noch nicht erreicht

So überraschte die US-Notenbank Fed gestern die Anleger, indem sie ihren Leitzins zwar wie erwartet unverändert ließ, zugleich aber klar machte, dass sie gedenkt, ihn bald weiter zu erhöhen. Die meisten Analysten hatten hingegen damit gerechnet, dass die Zinspause auch den Zinsgipfel markiert. Die Mehrheit der Notenbanker hingegen geht davon aus, dass der Leitzins, der sich aktuell im Bereich von 5,0 bis 5,25 Prozent befindet, bis Ende dieses Jahres noch um weitere 50 Basispunkte steigen muss, um die Inflation zu besiegen.

Die Zinspause, die die Fed gestern eingelegt hat, dient den Notenbankern dazu, die Auswirkungen der bisherigen Zinserhöhungen auf Konjunktur und Preise zu analysieren, um ihre nächsten Entscheidungen auf eine bessere Datenbasis zu stellen. 

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Überraschung gab es auch von der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie hob heute ihre Leitzinsen um 25 Basispunkte an. Der Zins für die Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB steigt auf 3,5 Prozent und liegt nun 400 Basispunkte über seinem Niveau vor einem Jahr. Mit der Zinserhöhung hatten die meisten Beobachter zwar gerechnet. Womit sie aber nicht gerechnet hatten, war die Entschlossenheit, mit der EZB-Chefin Christine Lagarde weitere Zinsschritte ankündigte.

Der Grund dafür ist, dass die Inflation nach Ansicht der EZB ohne weitere Straffungsmaßnahmen „zu lange zu hoch bleiben“ könnte. 

Die Ökonomen der Frankfurter Zentralbank erwarten, dass die Teuerungsrate in der Währungsunion sowohl in diesem Jahr (5,4 Prozent), im nächsten Jahr (3,0 Prozent) als auch im übernächsten Jahr (2,2 Prozent) über dem Zielwert der Notenbank von 2,0 Prozent liegen wird. Auch die Kernrate der Inflation (ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise) wird nach Schätzung der EZB bis einschließlich 2025 deutlich über der Zielmarke von 2,0 Prozent verharren. 

Das sei eindeutig zu hoch, sagte Lagarde in der Pressekonferenz. Bei der nächsten Sitzung im Juli werden die Notenbanker die Leitzinsen daher erneut anheben, versprach Lagarde. Eine Zinspause, wie die Fed sie gerade eingelegt hat, sei für die EZB kein Thema. „Wir befinden uns in der Mitte unseres Kampfes gegen die Inflation“, sagte Lagarde. Ziel der EZB sei es, die Inflation nicht nur vorübergehend, sondern nachhaltig auf den Zielwert von zwei Prozent zu drücken.  

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Angst vor der Lohn-Preis-Spirale

Sorgen bereitet der EZB vor allem die Entwicklung der Löhne. Zwar könne in der Eurozone noch nicht von einer Lohn-Preis-Spirale gesprochen werden, sagte Lagarde. Doch sollte den Tarifpartnern klar sein, dass die EZB nicht bereit ist, überzogene Lohnforderungen monetär zu alimentieren. Klarer hätte das Statement in Richtung Gewerkschaften nicht ausfallen können. Diese haben den Straffungskurs der EZB jüngst kritisiert und die EZB gewarnt, es mit den Zinserhöhungen nicht zu übertreiben. 

Man darf gespannt sein, wie die EZB reagiert, sollten die Gewerkschaften ihre zum Teil zweistelligen Lohnforderungen durchsetzen. Kommt es zu einem Großkonflikt zwischen Geld- und Lohnpolitik, könnte dieser – wie so häufig in der Vergangenheit – der Auslöser einer tiefen Rezession sein. 

Für die Finanzmärkte bedeuten die Entscheidungen der Fed und der EZB eine kalte Dusche.

Viele Investoren hatten darauf gesetzt, dass der Zinsgipfel auf beiden Seiten des Atlantiks erreicht ist. Einige Anleger hatten sogar auf sinkende Zinsen gegen Ende dieses Jahres gewettet. Das können sie sich nun wohl von der Backe putzen. Die beiden großen Zentralbanken (aber auch kleinere Notenbanken wie diejenigen in Kanada und Australien) bleiben vorerst auf Straffungskurs. Und das ist gut so. 

Die Notenbanken haben zu lange gezögert

Dass die Inflationsraten zuletzt gesunken sind, ist vor allem auf statistische Basiseffekte und den Rückgang der Energie- und Rohstoffpreise zurückzuführen. Das aber reicht nicht, um der Inflation den Garaus zu machen. Das viel zu lange Zögern der Notenbanken hat die Teuerungswelle auf den wichtigen Dienstleistungssektor überschwappen lassen, wo die Lohnentwicklung großen Einfluss auf die Preisgestaltung hat. Die Gefahr von Zweitrundeneffekten ist dadurch gestiegen.  

Um diese zu bannen, müssen die Zentralbanken nun umso kräftiger auf die Bremse treten. Man kann nur hoffen, dass sie der Mut dabei nicht verlässt, sollten Konjunktur und Arbeitsmärkte im Gefolge der geldpolitischen Bremsmaßnahmen demnächst in die Knie gehen. Die Wiederherstellung der Preisstabilität hat ihren Preis – aber er ist es wert, gezahlt zu werden.

Lesen Sie auch: EZB und FED – kommt nach der Inflation die Deflation in Deutschland?

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