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Verhaltensökonom Ernst Fehr "Folgt die Masse Profi-Investoren, kommt der Zusammenbruch"

Der renommierte Verhaltensökonom sieht an den Märkten vor allem irrationales Herdenverhalten. Viele Anleger hätten keine fundierten Anlagestrategien und lassen sich von Gefühlen leiten.

Ernst Fehr Quelle: Dan Cermak für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Professor Fehr, weltweit klettern die Aktienkurse. Beobachter warnen vor neuen Blasen. Welche Rolle spielen die Notenbanken dabei?

Fehr: Man kann die Kursentwicklung fast nie auf eine einzige Ursache zurückführen. Aus Laborexperimenten wissen wir, dass Preisblasen kein monetäres Phänomen sein müssen. Blasen können auch ohne expansive Geldpolitik entstehen. So kann allein die Erwartung weiter steigender Preise die Investoren veranlassen, in den Markt einzusteigen – auch dann, wenn sie glauben, dass die Aktienkurse bereits überbewertet sind. Die treibende Kraft sind häufig Storys, die von einer neuen Ära künden wie zu Zeiten des New-Economy-Hypes am Anfang des Jahrtausends. Damals bauten sich bei Anlegern unrealistische Ertragserwartungen auf. Eine expansive Geldpolitik der Notenbank und niedrige Zinsen können solche Blasen verstärken. Aber sie sind keine notwendige Bedingung dafür.

Und was bringt die Blasen zum Platzen?

Das weiß niemand ganz genau. Da Blasen aber erwartungsgetrieben sind, lösen Zweifel über die zukünftige Preisentwicklung die Wende aus. Diese Zweifel können viele Quellen haben. Wenn etwa einige bekannte Top-Investoren vor einer Korrektur am Aktienmarkt warnen, wirkt dies als Signal. Anleger sind keine homogene Gruppe. Professionelle Investoren haben häufig Informationsvorsprünge, die sie nutzen, um frühzeitig aus dem Markt auszusteigen. Wenn ihnen die Masse folgt, kommt es zum Zusammenbruch...

Die zehn wichtigsten Aktien-Regeln

...und in der Panik bleibt die ökonomische Ratio auf der Strecke?

Herdenverhalten ist fast immer mit irrationalen Komponenten verbunden. Das heißt nicht, dass es stets unvernünftig ist. Hinter jedem Herdenverhalten steht eine gewisse Plausibilität. Ein wichtiger Punkt ist jedoch, dass die Informationen häufig nicht richtig verarbeitet werden. Es gibt eine Minderheit von rationalen Händlern und eine Mehrheit von weniger rationalen Anlegern, die unfundierte Anlagestrategien verfolgen oder sich von Gefühlen leiten lassen. Dazu kommt, dass sich beim Platzen einer Blase die Risikoaversion von Anlegern und professionellen Investoren ändert.

Zur Person

Was meinen Sie konkret?

Wir haben untersucht, wie sich das Anlageverhalten von professionellen Investoren unterscheidet, wenn man sie vorher an einen Boom oder an eine Krise erinnert. Wird vorher eine Krisensituation am Aktienmarkt mental hervorgehoben, investieren die Probanden deutlich weniger in risikobehaftete Wertpapiere im Vergleich zu einer Situation, bei der man sie vorher an einen Boom erinnert hat. In unserem Experiment waren aber die objektiven Erträge aus dem riskanten Wertpapier komplett identisch – also völlig unabhängig davon, woran man die Probanden erinnert hatte. Trotzdem gab es erhebliche Unterschiede im Investitionsverhalten. Solche Veränderungen in den Risikopräferenzen haben Konsequenzen. Was nach Herdenverhalten aussieht, ist oft auch das Resultat einer gestiegenen Risikoaversion.

Und im Boom läuft es umgekehrt?

Dann lässt die Risikoaversion nach. Das ist, als schütte man Öl ins Feuer. Im Abschwung wirkt die gesunkene Risikoaversion, als kippe man Wasser auf ein ausgehendes Feuer. Das erklärt die hohen Schwankungen der Aktienmärkte.

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