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Weltwirtschaft Den Schwellenländern geht die Puste aus

China, Brasilien, Russland und Indien waren lange Zeit die Shootingstars der Weltwirtschaft. Doch nun schwächeln die erfolgsverwöhnten Schwellenländer. Das hat auch Folgen für Deutschland.

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Diese Volkswirtschaften hinken hinterher
Brasilien Quelle: dpa
Slowenien Quelle: dpa
Südafrika Quelle: dpa
Griechenland Quelle: dpa
Rumänien Quelle: dpa
Jordanien Quelle: dpa
Bulgarien Quelle: dpa

Von Malte Fischer, Philipp Mattheis, Alexander Busch, Florian Willershausen und Jürgen Klöckner

Plötzlich ist sie wieder da, die südamerikanische Lebensfreude. Beim umjubelten Besuch von Papst Franziskus zeigten die Brasilianer in der vergangenen Woche, wie begeisterungsfähig sie sind. Für viele war der Besuch des Oberhaupts der katholischen Kirche ein willkommener Ausbruch aus dem tristen Alltag. Denn der ist seit geraumer Zeit von einer schwächelnden Wirtschaft, hoher Inflation, steigender Arbeitslosigkeit und lautstarken Protesten gegen kleptokratische Politiker geprägt.

Nicht nur in Brasilien, auch in China, Indien und Russland stehen die Zeichen auf Abschwung. Rund zehn Jahre nachdem die US-Bank Goldman Sachs aus den Anfangsbuchstaben von Brasilien, Russland, Indien und China das Kürzel BRIC bastelte und diesen Ländern eine glanzvolle Zukunft prophezeite, scheint der Traum vom ewigen Wachstum ausgeträumt. Der Weltwirtschaft und der exportorientierten deutschen Wirtschaft, die auf die Zugkraft der Schwellenländer setzen, stehen härtere Zeiten bevor.

Papst Franziskus, Fürsprecher der Armen
Der neue Papst Jorge Mario Bergoglio ähnelt in seinem bescheidenen Lebensstil seinem italienischen Namenspatron Franziskus aus dem 13. Jahrhundert, der freiwillig in Armut lebte und einen Bettelorden gründete. Quelle: AP/dpa
Bergoglio ist der 266. Pontifex der Kirchengeschichte, aber der erste Papst aus Lateinamerika und der erste Jesuit auf dem Heiligen Stuhl. Er wurde am 17. Dezember 1936 als Sohn italienischer Einwanderer geboren - dies dürfte eine enge Verbindung zu seiner neuen Heimat im Vatikan schaffen. Quelle: AP/dpa
Nach einer Ausbildung als Chemietechniker entschied er sich für das Priesteramt und wurde 1969 zum Priester geweiht. Schon nach vier Jahren wurde er 1973 zum Provinzial des Jesuitenordens für Argentinien gewählt und leitete dann bis 1979 den Orden in dem lateinamerikanischen Land. Während dieser Zeit begann die Militärdiktatur, in deren Verlauf rund 30.000 Menschen verschleppt und ermordet wurden. In seiner Heimat wurde der Vorwurf erhoben, Bergoglio habe als Jesuiten-Provinzial während der Militärdiktatur Ordensbrüdern nicht ausreichend Rückendeckung gegeben. Quelle: REUTERS
1992 wurde Bergoglio von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof von Buenos Aires ernannt. Sechs Jahre später wurde er Erzbischof des Bistums. Quelle: AP/dpa
Bei der Papst-Wahl 2005 war Bergoglio der Hauptkonkurrent von Joseph Ratzinger, der sich allerdings durchsetzte und als Papst Benedikt XVI. acht Jahre die römisch-katholische Kirche führte. Damals wurde der Argentinier von den moderaten Kardinälen als Gegengewicht zum dogmatischen damaligen Leiter der Glaubenskongregation unterstützt. Quelle: AP/dpa
Von seiner Biografin Francesca Ambrogetti wird der 76-Jährige als Mann des Ausgleichs mit großem Verhandlungsgeschick und einem ausgeprägten sozialen Gewissen beschrieben. Er wurde auch "Kardinal der Armen" genannt. Bergoglio gilt als bescheiden und volksnah. Auch als Kardinal war sich der Argentinier nicht zu schade, den Bus oder die U-Bahn zu nehmen statt einer Limousine. Statt in der erzbischöflichen Residenz wohnte er in einem einfachen Apartment. So entstand etwa im Jahr 2008 dieses Foto des Jesuitenpaters in der U-Bahn in Buenos Aires. Quelle: AP/dpa
Bergoglio begrüßt 2008 Argentiniens Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner. Mit Politikern spricht er Klartext, weshalb seine Beziehungen zur Präsidentin und ihrem verstorben Mann und Vorgänger Nestor Kirchner nicht immer störungsfrei waren. Dass Bergoglio aus seinen konservativen Einstellungen keinen Hehl macht, zeigt eine Episode aus dem Jahr 2010, als er die argentinische Regierung wegen der Legalisierung der Homo-Ehe angriff. "Wir dürfen nicht naiv sein. Das ist kein einfacher politischer Kampf, das ist der Versuch, Gottes Plan zu zerstören", schrieb er in einem Brief wenige Tage vor Verabschiedung des Gesetzes. Kirchner entgegnete damals, dass sie sich an „mittelalterliche Zeiten und die Inquisition“ erinnert fühle. Quelle: REUTERS

Dabei hatten die BRIC-Staaten die hochgesteckten Erwartungen jahrelang durchaus erfüllt. Ihre Volkswirtschaften wuchsen teilweise mit zweistelligen Raten. Investoren, die ihr Geld dort anlegten, haben prächtig verdient – und mit ihnen die Fondsmanager der Banken.

Lag der BRIC-Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung, um Kaufkraftunterschiede bereinigt, zu Beginn des Jahrtausends noch bei rund 16 Prozent, so sind es mittlerweile mehr als 26 Prozent. Das ist vor allem China zu verdanken. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat ihren Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung seit dem Jahr 2000 von 7 auf knapp 16 Prozent erhöht. Wachstumsraten von über zehn Prozent fachten den Rohstoffhunger des Riesenreiches mächtig an. Das bescherte Brasilien und Russland, den Rohstofflieferanten unter den BRIC-Staaten, Exportrekorde und hohe Wachstumsraten. Auch die deutschen Unternehmen, die auf die Herstellung von Maschinen, Anlagen und Autos fokussiert sind, profitierten vom Superwachstum in China. Es half ihnen, die Durststrecke durch den Einbruch der Wirtschaft in Europa und den USA nach der Lehman-Pleite zu überwinden.

Die BRIC-Staaten schwächeln

Nun aber droht das Wachstumswunder der BRIC zu Ende zu gehen. Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im zweiten Quartal dieses Jahres nur noch um 7,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. In Brasilien ist die Wirtschaft im vergangenen Jahr nur um 0,9 Prozent gewachsen, 2013 dürften es allenfalls 2,5 Prozent werden, schätzen die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Das ist nur noch ein Drittel des Wachstumstempos aus dem Jahr 2010. Indiens Wachstum dürfte sich gegenüber 2010 halbieren, das Gleiche gilt für Russland. „Die länger andauernde Wachstumsverlangsamung in den Schwellenländern ist ein neues Risiko für die Weltwirtschaft“, warnt der IWF.

Dass den großen Schwellenländern die Luft ausgeht, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass „die Wachstumsmodelle, die die BRIC-Staaten in den vergangenen Jahren so erfolgreich gemacht haben, nicht mehr funktionieren“, erklärt Joachim Fels, Chefökonom der US-Bank Morgan Stanley. In China gefährden die steigenden Lohnkosten und die Aufwertung der Währung die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Daher versucht die Regierung das bisherige export- und investitionsgetriebene Wachstumsmodell des Landes umzumodeln. Höherwertige Produkte, mehr Dienstleistungen und eine stärkere Binnennachfrage sollen Chinas Wirtschaft den Weg in die Zukunft weisen. Ob das planwirtschaftliche Experiment gelingt, steht in den Sternen. Paul de Grauwe, Ökonom an der London School of Economics, fürchtet, dass sich das Wachstum Chinas mittelfristig auf fünf Prozent abschwächt.

Für die anderen Schwellenländer wäre das eine Zäsur. Schon jetzt spüren Brasilien und Russland die schwächere Nachfrage aus Fernost. Verschärft wird ihre Misere durch den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit – eine Folge der kräftigen Lohnsteigerungen in den vergangenen Jahren. Indiens Wirtschaft leidet noch immer unter einem Übermaß an Bürokratie und einem Mangel an Infrastruktur.

Druck der Finanzmärkte

Als wäre das nicht genug, geraten die BRIC-Länder nun auch noch unter den Druck der Finanzmärkte. Seit die US-Notenbank Fed andeutete, ihre Käufe von Staatsanleihen möglicherweise bald zu drosseln, sind die Renditen für US-Bonds in die Höhe geschossen. Investoren, die ihr Geld in den vergangenen Jahren in die Schwellenländer geleitet haben, holen dieses nun in die USA zurück. Die Verkaufswelle hat in den Schwellenländern Aktien, Anleihen und Wechselkurse nach unten geprügelt. Mit den schwachen Währungen steigen nun die Importrechnungen. Die Notenbank in Brasilien hat darauf schon reagiert und die Zinsen erhöht, was dem Wachstum einen zusätzlichen Dämpfer versetzt.

Das spüren auch die deutschen Exporteure. In den ersten fünf Monaten des Jahres sind ihre Ausfuhren nach Brasilien um 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Die Lieferungen nach Indien schrumpften im gleichen Zeitraum sogar um rund zehn Prozent. Die Lieferungen nach China gingen um 4,3 Prozent zurück, 2010 waren sie noch um mehr als 44 Prozent gestiegen. Das ist bitter, denn die Chinesen kaufen den Deutschen 6,1 Prozent aller Exporte ab (BRIC insgesamt: 9,4 Prozent). Damit stellt China den fünftgrößten Auslandsmarkt für deutsche Exporteure dar. Für die Maschinenbauer und die Hersteller elektrotechnischer Erzeugnisse ist China sogar der wichtigste Absatzmarkt im Ausland, für die Automobil- und Metallindustrie der zweitwichtigste.

Vor allem für die deutschen Anlagenbauer dürften im China-Geschäft bald magerere Zeiten anbrechen: „Der Kursschwenk Pekings weg von Investitionen sowie die straffere Geldpolitik werden die Ausfuhren der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer bremsen“, prophezeit Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt der Bank UniCredit. Diesen Effekt könne auch ein besseres Amerika-Geschäft nicht ausgleichen, da China 10,2 Prozent aller Maschinen abnehme, die USA hingegen nur 9,1 Prozent. Auch die deutsche Chemieindustrie spürt die Schwäche aus Fernost. „Der chinesische Wachstumsmotor läuft nicht mehr auf Hochtouren“, sagt Kurt Bock, Chef des Chemieriesen BASF. Folge: Der Konzerngewinn ging im zweiten Quartal um 4,2 Prozent zurück.

Weniger pessimistisch zeigt sich Uni-Credit-Ökonom Rees für die deutschen Autobauer. Zwar erlebten sie in den vergangenen Monaten mit einem Minus von 21 Prozent einen starken Einbruch ihres Exportgeschäfts nach China. Doch bestehe in dem Riesenreich noch immer ein gewaltiger Nachholbedarf. So kommen in China derzeit auf 1000 Einwohner rund 60 Autos, in Deutschland sind es 600. „Der Appetit der Chinesen auf deutsche Autos wird weiter wachsen“, prognostiziert Rees.

Davon scheint man auch beim Autobauer BMW in München auszugehen. „Wir denken langfristig und haben auch in schwierigen Zeiten in Zukunftstechnologien und Standorte investiert“, heißt es dort. Im vergangenen Jahr eröffnete BMW für sein Gemeinschaftsunternehmen BMW Brilliance Automotive ein zweites Fahrzeugwerk in China. Zudem starteten die Münchner im Reich der Mitte eine lokale Motorenfertigung.

Die Wachstumsschwäche der Schwellenländer schickt die deutschen Exporte auf Talfahrt

Profiteure des neuen Wachstumsmodells Chinas dürften eindeutig die Produzenten von Konsumgütern sein. So betrachtet der Sportartikelhersteller Adidas China nach wie vor als Wachstumsmarkt. In der Stadt Tianjin will Adidas im nächsten Jahr ein neues Distributionszentrum aufbauen, das die Kunden im Norden beliefert. Auch der Klebstoffhersteller Henkel setzt weiter auf China. Im Herbst vergangenen Jahres haben die Düsseldorfer dort ein neues Klebstoffwerk eröffnet.

Ob das Vertrauen der Unternehmen in China und die anderen Schwellenländer berechtigt ist, dürfte sich schon in den nächsten Monaten zeigen. Gelingt der Kurswechsel nicht und fährt das Land „vor die Wand“, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman fürchtet, wäre der Traum von den BRIC als neuem Kraftzentrum der Weltwirtschaft endgültig ausgeträumt. Es würden auch andere Länder in Asien wie Japan, Indonesien, Taiwan und Korea, die wirtschaftlich stark mit China verflochten sind und aktuell noch ordentlich wachsen, heftig in Mitleidenschaft gezogen. Dann droht ein Dominoeffekt, dem auch der Aufschwung in Deutschland zum Opfer fällt.

Wie kippelig die Lage in den BRIC-Ländern ist, zeigt die Einzelanalyse auf den folgenden Seiten:

China: Riskanter Kurswechsel

Die beliebtesten Investitionsstandorte der Welt
Platz 9Frankreich liegt im Ranking ganz hinten. Von 808 befragten Managern internationaler Unternehmen nannten nur 6 Prozent Frankreich als einen der besten Investitionsstandorte der Welt. Immerhin: 2012 waren es sogar nur 3 Prozent. Quelle: dpa
Platz 86 Prozent der befragten Manager nennen Großbritannien als einen der attraktivsten Standorte für Investitionen. Auch im Vorjahr lag das Land bei 6 Prozent. Großbritannien wird vor allem von US-Investoren bevorzugt. Quelle: dpa
Platz 7Polens Pemierminister Donald Tusk kommt mit seinem Land nur auf 10 Prozent der Stimmen (2012: 6 Prozent) Quelle: dpa
Platz 614 Prozent der befragten Manager bezeichnen Deutschland als einen besten Investitionsstandorte der Welt. Im Vorjahr waren es 13 Prozent. Besonders geschätzt wird Deutschland für seine gute Infrastruktur, die Qualifikation der Arbeitskräfte und das soziale Klima. Bemerkenswert ist das anhaltend große Interesse chinesischer Unternehmen an Investitionen in Deutschland: Im Jahr 2012 wurden in Deutschland 46 Projekte chinesischer Investoren gezählt (2011: 45); das waren so viele wie in keinem anderen Land Europas. Quelle: Reuters
Platz 5Etwas abwärts ging es für Indien: 19 Prozent befanden Indien für investitionswürdig. 2012 waren es noch 21 Prozent. Quelle: REUTERS
Platz 4Russland wurde von 20 Prozent als begehrter Investitionsstandort genannt. Kaum verändert hat sich die Beliebtheit im Vergleich zum Vorjahr, da waren es 19 Prozent. Quelle: dpa
Platz 325 Prozent der befragten Manager nannten die USA als attraktiv für Investitionen. 2012 waren es noch 19 Prozent. Quelle: dpa

Riskanter Kurswechsel. Die Welt hat über drei Jahrzehnte stark von Chinas bisherigem Wachstumsmodell profitiert. Das basierte im Kern darauf, dass Devisen aus dem Export von Billigprodukten in die Binnenwirtschaft investiert wurden – oft in massive Infrastrukturprojekte. Im laufenden Fünfjahresplan stecken sich die Pekinger Planer das Ziel, die stark investive Wirtschaft zu einer eher konsumptiven umzubauen – getrieben von der steigenden Kaufkraft am Binnenmarkt.

Wie viel Prozent ihrer Exporte die einzelnen Branchen nach China liefern

Das ist ein gewagtes Unterfangen: Das Wachstum soll zwar künftig nachhaltiger sein, aber in der Folge wird es sich zwangsläufig abschwächen. Denn weniger Investitionen haben ein niedrigeres Wachstum zur Folge. Langfristig könnte die Zentralbank die Zinsen erhöhen. Dies führt dann „zu geringerer Kreditaufnahme durch Staatsunternehmen, die wiederum ihre Investitionen in Infrastrukturprojekte reduzieren werden“, sagt Ashley Davies von der Commerzbank Singapur.

Im nächsten Schritt geht es um den Umbau des Finanzwesens. Bislang leihen die Staatsbanken bevorzugt staatlichen Unternehmen Geld – und zwar zum Festzins von fünf Prozent. Private Unternehmen kommen nur über einen grauen Markt und wesentlich teurer an Kapital, weshalb sie weniger investieren. Staatsbetriebe lassen sich wegen der Niedrigzinsen auch mal zu sinnlosen Projekten verführen. Das Geld fließt in immer neue Flughäfen, Bahnhöfe, Autobahnen und Wolkenkratzer – oft auch in leer stehende Städte oder Bauprojekte, die niemals rentabel werden können.

China und EU handeln jeden Tag für mehr als eine Milliarde Euro

Die Verzerrungen im Wettbewerb des Finanzsektors will Peking nun anpacken. Experten erwarten, dass eine Liberalisierung des Finanzsystem fünf bis zehn Jahre dauern wird. Profitieren könnten besonders kleinere private Unternehmen, die sich nicht mehr teures Geld am Schattenmarkt besorgen müssen – und in der Folge mehr investieren können. Darüber hinaus hofft die Regierung, dass die wachsende Mittelschicht weiter konsumiert.

Wirtschaftsforscher bremsen die Erwartungen, was die Wachstumszahlen betrifft: Der IWF rechnet für das laufende Jahr mit einen BIP-Zuwachs um 7,8 Prozent, zu Jahresbeginn hielt man noch mehr als acht Prozent für möglich. IHS-Global-Analystin Ren Xianfang sagt: „Langfristig erwarten wir ein Wachstum um sieben Prozent.“ Die Abkühlung auf hohem Niveau hat bereits zur Folge, dass die Exporte im Juni um 3,1 Prozent zum Vorjahresmonat gesunken sind. Allerdings steuern die Planer zuweilen fiskalpolitisch gegen, etwa mit einer Aufstockung der Mittel für den Eisenbahnbau – ganz geheuer scheint die Abkühlung auch Peking nicht zu sein.

Brasilien: Reformen verschlafen

Die wichtigsten politischen Führer der lateinamerikanischen Geschichte
Simón Bolívar (1783-1830) Der große Freiheitsheld Südamerikas war auch das erklärte Vorbild des verstorbenen Hugo Chávez. Bolívar führte die südamerikanische Unabhängigkeitsbewegung gegen die spanischen Kolonialherren im nördlichen Südamerika. Sein Ziel eines einheitlichen Staates auf dem Gebiet der heutigen lateinamerikanischen Staaten Venezuela, Kolumbien, Panamá, Ecuador, Peru und Bolivien scheiterte nach seinem Tod 1830. Nach ihm sind unzählige Städte und Dörfer in fast allen lateinamerikanischen Ländern benannt. Und mit „Bolivien“ sogar ein ganzes Land.  
Francisco Solano Lopez (1827-70) Lopez war der wohl größenwahnsinnigste Herrscher des 19. Jahrhunderts. Paraguay war unter der Herrschaft seines Vaters ein für südamerikanische Verhältnisse wohlgeordnetes, hochentwickeltes und wohlhabendes Land. Lopez Junior stieg das zu Kopf. Von seinem kaum eine Million Einwohner zählenden Land aus griff er 1864 gleichzeitig Argentinien, Uruguay und Brasilien an. Lopez Soldaten kämpften buchstäblich bis zum letzten Mann.  Er ließ sogar seine eigene Mutter auspeitschen, weil sie den Kampf beenden wollte. Nach fünf Jahren waren drei Viertel der Paraguayer tot – darunter Lopez. Trotzdem wird er bis heute von vielen als Nationalheld verehrt. Als vor zehn Jahren neue Geldscheine ausgegeben wurden, schmückte sein Konterfei eine davon.
Benito Juarez (1806-72) Mexikos größter Staatsmann des 19. Jahrhunderts war Abkömmling von Indianern. Er war von 1861 bis zu seinem Lebensende Präsident. Bis 1867 musste er sich in einem Bürgerkrieg gegen „Kaiser Maximilian“ durchsetzen, einen Habsburger, der von französischen Truppen unterstützt wurde, weil Juarez die Schulden gegenüber Frankreich nicht mehr zahlen wollte. Dieser Krieg, an dem auch zahlreiche Söldner aus den USA auf beiden Seiten teilnahmen, wurde in zahlreichen Western-Filmen verewigt, zum Beispiel in „Ein Fressen für die Geier“ mit Clint Eastwood.
Antonio Conseilhero (1830-97) Der “Ratgeber” zog als Wanderprediger durch Brasilien. Seine Anhänger verehrten ihn als Messias und gründeten in Canudos einen Gottesstaat, in dem die Zivilehe, die Steuergesetze, die Schulpflicht und die allgemeine Volkszählung als Teufelswerk galten. Erst im dritten Versuch konnte die brasilianische Armee die fanatischen Anhänger des Conseilhero niederwerfen, die bis zum letzten Mann kämpften. Die Leiche des Ratgebers wurde, wie damals üblich, öffentlich präsentiert. Auch die meisten Frauen und Kinder in Canudos wurden getötet. Der Bericht darüber von Euclides da Cunha gilt als erstes Werk der modern brasilianischen Literatur. Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa schrieb über den Conseilhero seinen Roman „Der Krieg am Ende der Welt“.  
Emiliano Zapata (1879-1919) „Besser aufrecht sterben, als auf den Knien leben!“ war die Devise des großen mexikanischen Revolutionärs. Von 1909 an kämpfte er mit seiner aus Landarbeitern rekrutierten Rebellenarmee gegen das Regime des Diktators Porforio Diaz. Ein anderer Rebell – Venustiano Carranza – übernahm aber nach dem Sieg die Macht. Zapata starb in einem Hinterhalt. Seine Leiche wurde öffentlich präsentiert. Trotzdem entstand die Legende, dass Zapata in Wirklichkeit in den Bergen weiterlebte, um den Unterdrückten zu helfen. Sein Leben wurde mit Marlon Brando in der Hauptrolle verfilmt („Viva Zapata!“).
Rafael Leónidas Trujillo (1891-1961) Trujillo war ursprünglich ein Kleinkrimineller, machte dann aber eine steile Karriere in der Armee der Dominikanischen Republik. 1930 putschte er sich mit US-amerikanischer Hilfe an die Macht. Dreißig Jahrelang beherrschte er sein Land diktatorisch. Er gilt als Prototyp des ruchlosen Diktators. Berüchtigt war er dafür, dass er junge Mädchen entführen ließ und missbrauchte. Die Geschichte seiner Ermordung machte Mario Vargas Llosa zum Gegenstand seines Romans „Das Fest des Ziegenbocks“, der 2006 verfilmt wurde.
Juan Perón (1895-1974) Nach dem Populisten Perón benennt sich die herrschende politische Partei in Argentinien unter Cristina Kirchner. Perón war General, stellte sich gegen den vorherrschenden Einfluss englischer Unternehmen im damaligen Argentinien und sympathisierte mit Mussolini. 1946 kam er als Wahlsieger an die Macht. Noch populärer als er selbst war seine 1952 verstorbene Frau „Evita“, die sich als Wohltäterin der Armen profilierte und noch heute verehrt wird. Ein Musical, verfilmt mit Madonna in der Hauptrolle, machte sie endgültig unsterblich. Nach seinem Sturz 1955 ging Perón ins Exil, kam aber 1973 nochmals demokratisch an die Macht.

Reformen verschlafen. Seit drei Jahren wächst Brasiliens Wirtschaft kaum noch. Die steigende Inflation hat die Wettbewerbsfähigkeit ruiniert, in der Leistungsbilanz klafft ein Defizit. Nun versucht die Regierung die Inflation mit Leitzinserhöhungen zu bekämpfen. Aber das ist nicht der Grund, weshalb sich im Juni spontan und überraschend Brasiliens Mittelschicht zu Massenprotesten auf den Straßen einfand. Die junge Elite wehrt sich gegen Korruption und Ineffizienz im Staatsapparat jenes Landes, das bis vor wenigen Jahren noch als Spitzenreiter unter den BRIC-Staaten galt.

Die Jugend stört, dass der Staat eine Dekade wirtschaftlicher Prosperität nicht genutzt hat – anders als etwa die USA im 19. Jahrhundert. Dort investierte man Einnahmen aus den Rohstoffsektoren in die Entwicklung von Dienstleistungsgewerbe und verarbeitender Industrie, sprich den Aufbau einer nachhaltigen Wirtschaftsstruktur. In Brasilien hätte man die Chance dazu gehabt, als hohe Liquidität am Finanzmarkt und Chinas Rohstoffnachfrage ein Zeitfenster von zehn Jahren für Reformen öffneten. Jetzt, so scheint es, ist es dafür zu spät.

Die Vorarbeit für den Umbau der Volkswirtschaft hatten die Brasilianer in den Neunzigerjahren geleistet: Währungsreform, Schuldenerlass und Privatisierungen bildeten die Voraussetzungen für stabiles Wachstum in Brasilien. Die Regierung des Arbeiterführers Luis Inácio Lula da Silva, der das Land von 2003 bis 20011 regierte, schuf mit Sozialhilfe und Lohnerhöhungen einen stabilen Binnenmarkt, der Brasilien ab 2008 fast schadlos durch die ersten Jahre der Wirtschaftskrise brachte. Nachfolgerin Dilma Rousseff setzte ebenso auf staatliche Nachfrage – auch dann noch, als die Rohstoffpreise sanken. Spätestens da aber hätte die Regierung ernsthafte Reformen angehen müssen, um Brasiliens Wirtschaft und den verkrusteten Verwaltungsapparat effizienter zu machen.

Doch die linke Regierung in Brasília stellte bloß ein schwachbrüstiges Infrastrukturprogramm auf. In Sachen Infrastruktur, Bildung, Sicherheit und nach der Qualität des Gesundheitssystems sind die Brasilianer immer noch miserabel versorgt. Und das, obwohl die Steuern in Brasilien so hoch sind wie in manchen Industrieländern.

Es ist zu bezweifeln, dass die durch die Proteste geschwächte Rousseff-Regierung im beginnenden Wahlkampf eine wirtschaftspolitische Wende vollziehen wird – diese Hoffnungen kann Brasilien nur eine neue Regierung bieten. Ob die kommt, ist völlig offen. Trotzdem halten Investoren Brasilien als Markt und Standort die Treue. Vor allem in den Bereichen Konsumgüter und Dienstleistungen ist das Land mit seinen 195 Millionen Einwohnern nicht zu ignorieren, zumal die Brasilianer pro Kopf deutlich mehr verdienen als Chinesen oder Inder.

Russland: der Fluch des Ölsegens

Die russischen Präsidenten und ihre Frauen
Nach 30 Jahren Ehe ist die Ehe von Wladimir Putin und seiner Frau Ljudmila am Ende. „Es ist eine gemeinsame Entscheidung“, sagte der Staatschef in einem Interview mit dem Staatssender Rossija 24. „Unsere Ehe ist zu Ende - aufgrund der Tatsache, dass wir uns praktisch nie sehen“, sagte Ljudmila Putina. „Es war wirklich unsere gemeinsame Entscheidung, Wladimir Wladimirowitsch versinkt in Arbeit, unsere Töchter sind erwachsen und führen ihr eigenes Leben“, fügte sie hinzu. Im Lauf der Zeit habe jeder sein eigenes Leben geführt. „Ich mag keine Öffentlichkeit, Flüge fallen mir schwer, und wir sehen uns praktisch nie“, sagte Putina. Doch Trennungsgerüchte verfolgt die Ehe der Putins schon seit mehreren Jahren. Quelle: dpa
Die frühere Stewardess heiratete den damaligen KGB-Offizier Waldimir Putin am 28. Juli 1983 in Leningrad. Zusammen mit ihren Töchtern Maria und Jekaterina Wladimirowna lebte das Paar von 1986 bis 1990 in Dresden. Zurück in Russland arbeitete sie in St. Petersburg als Deutschlehrerin. Das russische Magazin „Moskovsky Korrespondent“ veröffentlichte im April 2008 eine Geschichte über eine angebliche Affäre Putins mit der russischen Turn-Olympiasiegerin Alina Kabajewa. Er wolle sich heimlich scheiden lassen, um seine Geliebte zu heiraten. Putin wies jegliche Vorwürfe zurück. Wenige Tage später musste die Zeitung dichtmachen – angeblich wegen finanzieller Schwierigkeiten. Quelle: dpa-dpaweb
Seither wurden jegliche Spekulationen über die Verbindung Putin-Kabaeva nur von wenigen russischen Bloggern verfolgt. So berichtete Readrussia.com von einem gemeinsamen Kind der beiden. In den folgenden Jahren zog sich Swetlana Putina fast komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Erst bei der gemeinsamen Stimmabgabe im Jahr 2012 zu Putins erneuter Kandidatur als Präsident tauchte sie wieder auf. Seither waren die beiden wieder öfter zusammen zu sehen. Doch nun endet die Ehe nach 30 Jahren. Quelle: dpa
Lange war Swetlana Medwedewa der Öffentlichkeit nur als die brave Gattin von Dmitrij Medwedew bekannt - viele Bilder zeigen sie mit Kopftuch in der Kirche beim Beten. Danach inszenierte sie aber auch größere Auftritte – elegant frisiert und gekleidet. Nachdem sie bei einem Empfang mit einem besonders tief geschnittenen Dekolleté aufgetreten war, sah sich ein Artdirector der russischen Zeitung „Komersant“ genötigt, die First Lady mittels Bildbearbeitung etwas züchtiger wirken zu lassen. Quelle: APN
Ihren späteren Mann lernte sie bereits in der 1. Klasse im Leningrader Vorort Kuptschino kennen. Beide gingen jahrelang auf dieselbe Schule in parallele Klassen. Nach der Schule studierte sie an der Staatlichen Hochschule für Finanzwirtschaft in Leningrad. Die gläubige Christin leitet eine orthodoxe Organisation, die sich um die „geistig-moralische Kultur der heranwachsenden Generation Russlands“ kümmert. Unter anderem deswegen wurde sie mit dem hohen Kirchenorden „Hochwürdige Eufrosinia von Moskau“ ausgezeichnet, der an herausragende russische Frauen vergeben wird. Quelle: APN
Michail Gorbatschows Frau Raissa war wohl die bisher schillerndste Präsidentengattin in Russland. Die studierte Soziologin gründete zusammen mit anderen Wissenschaftlern und Künstlern die „Sowjetische Kulturstiftung“, die sich mit viel Prominenz engagiert für die Förderung von Museen, den Erhalt alter Kirchen und Baudenkmäler, Bibliotheken und Archive u.v.m. einsetzte. Neben ihrem kulturellen Engagement hatte Raissa Gorbatschowa die Schirmherrschaft über mehrere soziale Organisationen und Projekte, darunter für die Hilfsorganisation für Kinder aus Tschornobyl, eine internationale Hilfsorganisation von Kinder-Hämatologen sowie das Zentrale Moskauer Kinderkrankenhaus. 1987 wurde sie vom britischen Magazin „Woman's Own“ zur Frau des Jahres gekürt. Im Klima des sich öffnenden Eisernen Vorhangs zwischen der Sowjetunion und dem Westen spielte sie eine nicht unwesentliche Rolle als Begleiterin und Beraterin Michael Gorbatschows. Sie unterhielt internationale Beziehungen und wurde durch Ehrendoktorwürden in Europa, Amerika und Asien geehrt. Quelle: AP
Raissa Gorbatschowa war bereits einige Zeit vor dem Militärputsch von 1991an Leukämie erkrankt. Mehrere Infarkte und eine Augenkrankheit machten ihr zu schaffen. Am 20. September 1999 starb sie in der Universitätsklinik Münster, wo sie seit Sommer des Jahres behandelt worden war, im Alter von 67 Jahren an Megakaryozytenleukämie. Die Beerdigung wurde zu einem Manifest der großen Liebe der Gorbatschows, die 46 Jahre gemeinsam durchs Leben gegangen sind. Wochenlang hatte Michail am Krankenbett seiner Frau gehofft und gebangt, am Ende vergeblich. Zugleich wurde die Beerdigung zu einem bewegendem Ausdruck der deutsch-russischen Freundschaft. Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl hielt eine Grabrede mit Tränen in den Augen: „Ich habe erlebt, dass das, was du getan hast, nur möglich war, weil sie bei dir war“, wandte sich Kohl an Gorbatschow. „Ihr wart gemeinsam im Denken und Handeln.“ Quelle: APN

Der Fluch des Ölsegens. Um fast zehn Prozent ging der Nettogewinn von Gazprom 2012 zurück, womit der Gaskonzern aus Moskau den Titel des profitabelsten Unternehmens der Welt verloren hat. 29 Milliarden Euro Gewinn ist aber etwa so viel wie der Umsatz der Lufthansa. Man könnte den Gewinneinbruch als Luxusproblem abtun – wäre er nicht Sinnbild für Russlands strukturelles Problem: Die Volkswirtschaft hängt viel zu sehr am Auf und Ab des Ölpreises, dem der russische Gaspreis verzögert folgt. Weil der Ölpreis niedrig ist und die Nachfrage nach Pipelinegas aus Russland sinkt, steht die Wirtschaft des Landes insgesamt unter Druck.

Zahlen und Fakten zu Russland

Im Juni hatte die Landeswährung Rubel zu Euro und Dollar um rund zehn Prozent abgewertet, die Zentralbank musste den Kurs stützen. Zwar profitieren die Rohstoffkonzerne vom niedrigen Rubelkurs, da die Förderkosten in lokaler Währung anfallen, die Ausfuhren aber in Dollar abgerechnet werden. Doch die Einnahmen aus dem Rohstoffexport gehen in den Konsum, Russlands zweite große Säule des Wachstums. Was die Russen kaufen, muss meistens importiert werden – und so sorgt der fallende Rubel für steigende Preise.

Bei einer Inflationsrate von aktuell rund sieben Prozent steckt der Kremlchef im Dilemma: Ein billiger Rubel würde zwar auch Industriesektoren jenseits von Öl und Gas helfen. Doch Russlands Industrieproduktion sinkt seit einem Jahr unaufhörlich, was sich spätestens in der nächsten Rezession auf die Beschäftigungssituation auswirken wird.

Putins beste Sprüche
Putins beste Sprüche„Ich weiß nicht, womit sie heizen wollen. Atom wollen sie nicht, Gas wollen sie nicht. Wollen sie wieder mit Holz heizen?“ Putin über die Energiedebatte in Deutschland, November 2010
„Wir werden unser Volk nicht vergiften.“   Zum Importverbot für EU-Gemüse wegen Ehec, 11.6.2011
„Wo man nicht zusammen kommen kann, bekommt man den Knüppel auf die Rübe“    Zum Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten, 6.9.2010.
„Wer das getan hat, wird den Preis dafür bezahlen und im Suff oder Drogenkonsum enden“ Über den Verrat russischer Spione in den USA, 2.8.2010.
„Ich habe vielleicht in der Universität nicht das allermeiste gelernt, weil ich in der Freizeit viel Bier getrunken habe. Aber einiges habe ich doch behalten, weil wir sehr gute Dozenten hatten.“ Über sein Studium, Mai 2005.
„Die Russen kommen hier nicht mit Kalaschnikow und mit Panzern her, sondern Russland bringt das Geld mit.“ Zu Investitionen russischer Unternehmen in Deutschland, Oktober 2006.
„Niemand will, dass die G8 zu einer Ansammlung fetter Kater wird.“ Über die Rolle Russlands in der Gruppe der führenden Industrienationen, Januar 2006.

Das Land ist noch gut bedient, wenn das BIP im Jahr 2013 um 2,5 Prozent wächst, wie es der IWF errechnet hat. Für die folgende Dekade erwartet die Moskauer Investmentbank Renaissance Capital nur ein durchschnittliches Wachstum von zwei Prozent. Das rohstoffgetriebene Wirtschaftsmodell hat ausgedient. Die Regierung hat das erkannt, behauptet Vizeministerpräsident Arkadi Dworkowitsch gegenüber der WirtschaftsWoche: „Wir müssen die Wirtschaftsstruktur Russlands verändern und die Abhängigkeit von Öl- und Gasexporten reduzieren.“ In diesem Sinne verspricht der frühere Wirtschaftsberater von Ex-Präsident Dmitri Medwedew: „Wir werden den Staatsanteil in Russland weiter reduzieren, indem wir die Privatisierung vorantreiben.“ Teile des Ölriesen Rosneft sollen bis 2018 an die Börse kommen.

Auf längere Sicht müsste die Regierung noch weiter gehen: zum Beispiel alles tun, um kleine und mittelständische Unternehmen jenseits der Rohstoffbranchen zu fördern. Weniger Bürokratie, weniger Korruption und weniger Staatseinfluss, stattdessen mehr Offenheit, mehr Wettbewerb und mehr Rechtssicherheit wären vonnöten, um das Investitionsklima für in- und ausländische Investoren nachhaltig zu verbessern.

Die fragwürdige Verurteilung des Oppositionsführers Alexej Nawalny geht eher in die falsche Richtung und wirft die Frage auf, ob eine Modernisierung unter Präsident Putin möglich ist.

Indien: Vom Handel abgehängt

Neue Hotels in Indien
Aman-i-Khás Delhi Die Aman-Gruppe hat in Delhi ein "Edelzelt"-Resort direkt im Ranthambore Nationalpark mit zehn luxuriösen, klimatisierten Zelten eingerichtet. Quelle: Presse
Taj Mahal Palace Mumbai Indiens berühmtestes Hotel gilt in der Branche immer noch als das Maß aller Dinge. Die Gäste finden hier in 560 Zimmern Platz. Quelle: Creative Commons-Lizenz
Chennai Park Hyatt 201 Zimmer und ein fünfstöckiges Restaurant sind im Chennai Park der Gruppe Hyatt untergebracht. Quelle: Presse
Delhi Kempinski Ambience Delhi Das Hotel im Osten der indischen Stadt Delhi verfügt über 480 Zimmer. Quelle: Presse
Mumbai Shangri-La Zweites Haus in Indien wurde von der Hotelgruppe am 20. Dezember 2012 eröffnet. Untergebracht ist es in den Stockwerken neun bis 40 eines neu gestalteten Hochhauses mit Pool auf dem Dach. Quelle: Presse
Bangalore Mövenpick Hotel & Spa Die Schweizer Gruppe hat 2012 in der Nähe des neuen Flughafens ihr erstes Haus in Indien eröffnet. Insgesamt umfasst das Hotel 182 Gästezimmer. Quelle: Screenshot

Vom Handel abgehängt. Es ist gar nicht lange her, da trauten Ökonomen Indien zu, China als Motor der Weltwirtschaft abzulösen. Über Jahre hinweg wuchs das BIP um bis zu zehn Prozent.

Eine Rückkehr zu zweistelligen Zuwächsen halten Experten für ausgeschlossen: „Der indische Traum ist vorerst ausgeträumt“, sagt Janis Hübner, Analyst für asiatische Länder der Dekabank. Seinen Prognosen zufolge wird sich das Wachstum bei sechs bis sieben Prozent pro Jahr einpendeln – zu wenig für das Land, in dem in den kommenden zehn Jahren mehr als 100 Millionen junge Leute auf den Arbeitsmarkt drängen.

Produktionsbedingungen in der Textilfabrik
Das brennende Gebäude Quelle: dapd
Bangladeschs Hauptstadt Dhaka Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Slum von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Frauen in Bangladesch Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Männer verladen Altpapier Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Näherinnen in einer Fabrik Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Frauen in einer Fabrik mit vergitterten Fenstern Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

Die Industrie tritt auf der Stelle und trägt nur ein Viertel zur Wirtschaftsleistung bei. Nicht einmal für billige Lohnfertigung in der Textilbranche, die China wegen steigender Kosten verlässt, empfiehlt sich Indien. Folge: Nach 24,1 Milliarden Dollar in 2009 hat sich das Volumen der Direktinvestitionen 2012 auf 11,3 Milliarden Dollar mehr als halbiert.

Die marode Infrastruktur ist die größte Wachstumsbremse; im vergangenen Jahr legte ein Blackout den Norden und Osten Indiens für zwei Tage lahm. Die Transportwege sind schlechter als anderswo in Asien, überdies gibt es praktisch keine freien Landflächen für Fabriken – und wenn, dann kann man sie nur über einen Spießrutenlauf durch die undurchsichtige Bürokratie erwerben.

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Die Politik trägt wenig zur Besserung bei: Korruption zieht sich bis hoch in den Regierungsapparat von Neu-Delhi, die Bürokratie lähmt das Land. Statt die Wirtschaft zu liberalisieren, was die Grundlage für das letzte Wirtschaftswunder war, übt sich Neu-Delhi in Protektionismus: Ausländische Automobile hält der Staat mit Importzöllen von bis zu 75 Prozent vom Markt fern, wichtige Sektoren wie die Agrar- und Versicherungswirtschaft waren bisher für ausländische Investoren praktisch geschlossen.

Ein Umschwung ist nur durch tief greifende Reformen möglich. Seit sechs Jahren verhandelt Brüssel mit Indien über eine Freihandelszone – ohne Erfolg. Dabei könnte Indien neue Märkte gut gebrauchen: In der Außenhandelsbilanz klafft ein Minus von 8,5 Prozent vom BIP. Während China den Welthandel dominiert, liegt Indiens Anteil am Welthandel bei nur 1,7 Prozent.

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