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Zehnte Zinserhöhung in FolgeEZB hebt Leitzins auf 4,5 Prozent

Die Euro-Währungshüter lassen sich von der aktuellen Konjunkturschwäche nicht bremsen. Sie legen im Kampf gegen die hartnäckig hohe Inflation erneut nach. Ist jetzt der Zinsgipfel erreicht? 14.09.2023 - 15:21 Uhr aktualisiert

EZB-Chefin Christine Lagarde.

Foto: REUTERS

Die schwächelnde Konjunktur unterbricht die Serie von Zinserhöhungen im Euroraum vorerst nicht: Die Europäische Zentralbank (EZB) hebt den Leitzins um weitere 0,25 Punkte auf 4,5 Prozent an. Der EZB-Rat beschloss damit am Donnerstag die zehnte Zinserhöhung in Folge seit Juli 2022.

So hoch war der Zins, zu dem sich Banken frisches Geld bei der EZB besorgen können, zuletzt im August 2001. Der Einlagenzins, den Banken für geparkte Gelder bei der EZB erhalten, erreicht mit nun 4,0 Prozent sogar das höchste Niveau seit Bestehen der Währungsunion 1999. Sparerinnen und Sparer dürfen auf bessere Angebote von Banken und Sparkassen hoffen. Kredite könnten sich dagegen weiter verteuern.

Zinsgipfel erreicht?

Mit der Entscheidung vom Donnerstag könnte die EZB ihren Zinsgipfel erreicht haben. In der EZB-Mitteilung heißt es: „Auf Grundlage seiner aktuellen Beurteilung ist der EZB-Rat der Auffassung, dass die EZB-Leitzinsen ein Niveau erreicht haben, das – wenn es lange genug aufrechterhalten wird – einen erheblichen Beitrag zu einer zeitnahen Rückkehr der Inflation auf den Zielwert leisten wird.“

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Mittelfristig strebt die EZB eine Inflationsrate von 2,0 Prozent an. Bei diesem Niveau sehen die Währungshüter Preisstabilität gewahrt. Doch von dieser Zielmarke ist die Teuerung weit entfernt. Im August schwächte sich der Anstieg der Verbraucherpreise im Währungsraum der 20 Länder nicht weiter ab. Die jährliche Inflationsrate verharrte einer ersten Schätzung des Statistikamtes Eurostat zufolge bei 5,3 Prozent.

Weitgehend Lob aus Wirtschaft und Finanzbranche

Die Zinserhöhung trifft bei Vertretern aus Wirtschaft und Finanzen weitgehend auf Zustimmung. „Die EZB will keine Zweifel an ihrer Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation aufkommen lassen“, sagte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Helmut Schleweis, am Donnerstag. Die Notenbanker dürften aber mit weiteren Zinserhöhungen nicht überziehen. „Andernfalls würden sie die Wirtschaft zu stark dämpfen“, warnte Schleweis.

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) zeigte Verständnis für den Zinsschritt, erwartet aber auch mehr Druck für die Firmen. „Für die Unternehmen in Deutschland wird die Durststrecke noch länger – auch wenn die Botschaft zur Bekämpfung der zu hohen Inflation wichtig ist“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. „Damit werden die Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen allerdings noch schlechter.“ Dies geschehe in einer Situation, in der Aufträge wegfielen und die Konjunktur drohe abzudriften. Die notwendige Dämpfung der Nachfrage im Kampf gegen die Inflation dürfe ebenso notwendige Investitionen nicht verhindern. „Wichtig ist, jetzt Investitionen zu ermöglichen, die das Angebot vergrößern – auch das Angebot an Energie“, so der DIHK-Lobbyist.

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„Jetzt könnte der Moment erreicht sein, ab dem das Zinsniveau für eine längere Zeit auf dem nun erreichten Niveau gehalten wird, bis deutlich ins nächste Jahr hinein“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, Jörg Asmussen. „Mit der erneuten, aber vermutlich letzten Zinserhöhung um 25 Basispunkte schreitet die EZB auf ihrem Pfad der Inflationsbekämpfung richtigerweise voran.“

EZB-Prognose: Hohe Inflation geht langsamer zurück

Die Notenbank rechnet damit, dass die Inflation langsamer zurückgehen wird als noch vor drei Monaten erwartet. Für dieses Jahr rechnet die EZB nun mit einer Teuerungsrate von 5,6 Prozent. In ihrer Juni-Prognose war sie von 5,4 Prozent ausgegangen. Für 2024 sagt die Notenbank ebenfalls eine höhere Teuerungsrate von 3,2 (Juni: 3,0) Prozent voraus. 2025 wird eine etwas niedrigere Rate von 2,1 (2,2) Prozent erwartet.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Mit der beispiellosen Serie von Zinserhöhungen versucht die EZB, die hartnäckig hohe Inflation in den Griff zu bekommen. Höhere Zinsen verteuern Kredite. Das kann die Nachfrage bremsen und hohen Teuerungsraten entgegenwirken. Weil teurere Kredite zugleich eine Last für die Wirtschaft sind, waren zuletzt Forderungen nach einer Zinspause lauter geworden.

Konjunkturschwäche im Euroraum

Die Wirtschaft im Euroraum wird nach der neuesten EZB-Vorhersage in diesem Jahr um 0,7 Prozent wachsen und damit etwas weniger als die im Juni vorhergesagten 0,9 Prozent. Auch die Aussichten für das kommende Jahr sind mit 1,0 (Juni-Prognose: 1,5) Prozent gedämpfter.

Die Inflation bremst den privaten Konsum als wichtige Stütze der Konjunktur, weil die Menschen sich für ihr Geld weniger leisten können. Die jüngsten Daten zeigten, „wie hartnäckig das Biest Inflation“ sei, hatte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel kürzlich dem „Handelsblatt“ gesagt. „Wir sind zwar ein gutes Stück bei der Inflationsbekämpfung vorangekommen. Unseren Zielwert für die Inflation haben wir aber längst noch nicht erreicht.“

Immerhin gab es in den jüngsten Inflationsdaten einen Hoffnungsschimmer: Die Kernteuerung im Euroraum – das ist die Rate ohne schwankungsanfällige Preise für Güter wie Energie und Lebensmittel – ging von 5,5 Prozent im Juli auf 5,3 Prozent im August zurück. Bei der Kernteuerung erwartet die EZB für das Gesamtjahr 2023 einen Wert von 5,1 Prozent und 2,9 Prozent im Jahr 2024.

Lesen Sie auch: Höhere Inflationsraten sind kein Allheilmittel

dpa, rtr
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