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Bargeldloses Schweden Ohne Krone lebt es sich gefährlich

Wie Schweden das Bargeld abschafft - und was die Folgen sind. Quelle: Nana Rausch/Quickhoney

Auf dem Weg in die bargeldlose Gesellschaft ist kein Land so weit wie Schweden. Doch die Risiken der digitalen Bezahlkultur sind groß: Es drohen totale Kontrolle und finanzielle Repression durch die Notenbank.

Der Winter ist nicht die schönste Jahreszeit für die Verkäufer der Obdachlosenzeitung „Situation STHLM“. In der Altstadt von Stockholm steht einer von ihnen mit der neusten Ausgabe und versucht sich warmzuhalten, während ein eisiger Wind durch die Gassen pfeift. Ein Passant bleibt stehen, will ein Exemplar haben, und bis hierhin könnte sich die Szene auch in jeder anderen Stadt abspielen. Doch dann wird es interessant: Einen Kaffeebecher oder eine Blechbüchse, wo der Kunde ein paar Kronen hineinwerfen könnte, hat der Obdachlose nämlich nicht. Stattdessen zückt er ein Smartphone und ein Kartenlesegerät. Der Spender kann sich aussuchen, ob er per Kreditkarte oder per Mobile-Payment-App zahlen will.

Die Straßenszene steht sinnbildlich für den Aufbruch Schwedens in die digitale Geldwelt. Kein anderes Land geht den Weg hin zu einer bargeldlosen Gesellschaft so konsequent wie die Skandinavier. Der Döner in der Mittagspause, das Feierabendbier, der Kaffee am Kiosk, das Museum, der Parkautomat, selbst die öffentliche Toilette – in Schweden braucht man für das alles keine Scheine oder Münzen mehr. Zahlreiche Läden und Dienstleister nehmen gar kein Bargeld mehr an, auch wer ein Busticket lösen will, kann dies nur per Kreditkarte oder App tun. In Schweden liegt die umlaufende Bargeldmenge nur noch bei 57 Milliarden Kronen, das sind umgerechnet 5,7 Milliarden Euro. Die Bargeld-Transaktionsquote ist unter die 20-Prozent-Marke gerutscht.

Für Menschen, die neu nach Schweden kommen, ist das eine Umstellung. Jan Matern aus Berlin etwa studiert seit Sommer 2017 in Uppsala. Er schwört: „Seit ich hier bin, habe ich noch kein einziges Mal echte Kronen in der Hand gehalten.“

Von zu Hause gewohnt ist er das Leben ohne Cash nicht – in Deutschland ist der digitalisierte Geldumlauf noch nicht die Regel. Das zeigte sich vergangene Woche einmal mehr auf einem von der Bundesbank veranstalteten Symposium. Die Botschaft von Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele: „Die Deutschen lieben das Bargeld.“ Nach einer neuen Studie der Bundesbank laufen bei uns immer noch gut drei Viertel aller Transaktionen in bar ab. Bezogen auf den Umsatz ist der Einsatz von Scheinen und Münzen zwar 2017 erstmals unter die 50-Prozent-Marke gerutscht.

Gleichzeitig aber hat jeder Deutsche im Schnitt 107 Euro im Portemonnaie – europäischer Rekord. Mehr als 250 Milliarden Euro, ein Fünftel der Bargeldmenge der Euro-Zone, befinden sich in Deutschland im Umlauf. Und nur 25 Prozent der Deutschen halten bargeldlose Zahlungen für sicher, ergab eine Studie der Beratungsfirma Barkow Consulting.

In Schweden hingegen werden die Banken nicht müde, an die zahlreichen Überfälle zu erinnern, als im Land noch größtenteils mit Bargeld bezahlt wurde. 110 Banküberfälle gab es vor zehn Jahren. 2017 nur noch fünf.

Solche Argumente ziehen nicht nur im hohen Norden: Die EU-Kommission in Brüssel hat als Maßnahme gegen Kriminelle eine Obergrenze für Bargeldzahlungen ins Gespräch gebracht. Und die Europäische Zentralbank (EZB) wird ab Ende 2018 keine 500-Euro-Scheine mehr ausgeben, die laut EZB-Chef Draghi „ein Instrument für illegale Aktivitäten“ seien.

Doch ist die bargeldlose Welt wirklich sicherer? Deutschlands Bargeldfixierung mag im Schlaglicht von Schwedens monetärer Digitalisierung altbacken wirken, doch es gibt gewichtige Vorteile, an Münzen und Scheinen festzuhalten. „Geld bedeutet geprägte Freiheit“ – der Ausspruch des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski Mitte des 19. Jahrhunderts ist heute aktueller denn je. Hinter der Einführung des bargeldlosen Systems steckt nämlich mehr, als Banken und Fintechs zugeben wollen. Es geht auch um Profit, Daten und Kontrolle.

Schweden war das erste Land in Europa, das 1661 Geldscheine als offizielles Zahlungsmittel einführte. Mehr als 350 Jahre später ist Schweden eines der ersten Länder der Welt, die es wieder abschaffen. Das Land hat früh den Grundstein für die Digitalisierung des Geldverkehrs gelegt. Schon Anfang der Neunzigerjahre besaßen viele Schweden Kreditkarten. Mitte der 2000er-Jahre begannen die Banken, Filialen zu schließen. Ende 2009 führte Schweden dann als eines der ersten Länder der Welt das LTE-Mobilfunknetz ein. Etwa zeitgleich wurden viele Bankautomaten abgebaut. Bankkunden in Schweden können heute in vielen Filialen kein Geld mehr einzahlen oder abheben. In Stockholm etwa gibt es 20 SEB-Niederlassungen, nur noch zwei davon halten Bargeld.

Zustimmung trotz Risiken

Ein Aufschrei in der Bevölkerung? Fehlanzeige. „Wir sind eine technikbegeisterte Gesellschaft, die an die Vorteile der Digitalisierung glaubt“, sagt Leif Trogen, Chef der Abteilung finanzielle Infrastruktur beim schwedischen Bankenverband. Auch sei das Vertrauen der Schweden in die Politik und die Banken überdurchschnittlich hoch – zentrale Voraussetzung für eine bargeldlose Gesellschaft. Mittlerweile würden in Schweden jährlich 3,5 Milliarden Geldtransaktionen per Karte getätigt. Weitere 1,5 Milliarden Transaktionen übernimmt Schwedens populärste Mobile-Payment-App Swish.

Dass Bankenmann Trogen mit dem Verschwinden des Bargelds kein Problem hat, ist nicht verwunderlich. Die Kreditinstitute gehören zu den Profiteuren dieser Entwicklung. Sie sparen sich die Kosten für die Bargeldhaltung und verdienen gut an Gebühren von Kunden, die die Internetdienste nutzen. Außerdem erhalten sie wertvolle Daten über das Zahlungsverhalten ihrer Kunden. Auch die Riksbank, Schwedens Zentralbank, kann die Kosten für die Bargeldlogistik senken. Und was für die Währungshüter noch wichtiger ist: Ihre geldpolitischen Instrumente bekommen eine größere Durchschlagskraft. Ohne Bargeld können Sparer zum Beispiel den von Zentralbanken gesteuerten und von Geschäftsbanken weitergereichten Negativzinsen nicht mehr ausweichen, indem sie ihr Geld abheben. Die Bürger haben dann nur die Wahl zwischen realer Enteignung und Zwangskonsum.

Um den Marsch in die bargeldlose Gesellschaft zu erleichtern, denkt die schwedische Notenbank sogar über einen revolutionären Schritt nach: die Etablierung einer eigenen Kryptowährung. Dann könnte man Bürgern, die keine Kreditkarten und Bezahl-Apps besitzen (oder besitzen wollen), ein Konto bei der Notenbank einrichten und sie auf diese Weise in den bargeldlosen Zahlungsverkehr integrieren.

Gegenbewegung pro Bargeld

Björn Eriksson sieht in all dem eine Gefahr für sein Land. Der ehemalige Präsident von Interpol ist in Schweden eine kleine Berühmtheit und das bekannteste Gesicht im Kampf für den Erhalt des Bargelds. Die Warnung des 72-Jährigen: Schweden mache sich ohne Not im hochsensiblen Bereich der Zahlungssysteme angreifbar. Andere Länder oder Hacker könnten in das digitalisierte Geldsystem eindringen und „ganz Schweden destabilisieren“. Irrational sind solche Ängste nicht: Schon heute florieren Kartenbetrug und Identitätsdiebstahl in Schweden. In keinem anderen EU-Land nehmen die Betrugsfälle in der digitalen Welt so stark zu, zeigen Zahlen des Forschungsinstituts Euromonitor International.

Auch außerhalb Stockholms entsteht daher so etwas wie eine schwedische Graswurzelbewegung pro Bargeld. Die Aussage von Bankenfunktionär Trogen, die meisten Ladenbesitzer seien „glücklich, wenn Kunden mit Karte oder Swish zahlen und sie in ihren Kassen weniger Bargeld halten müssen“, können Menschen wie Christina Pilar nicht teilen. Die 58-jährige Schwedin betreibt im 8000-Einwohner-Dorf Knivsta in der Nähe von Uppsala die Gaststätte Grekens. Sie selbst hat weder Kreditkarte noch Smartphone, und sie zahlt, sofern es geht, alles in bar. Es stört sie, dass Staat und Banken sehen können, was sie wann und wo einkauft, wenn sie bargeldlos zahlt. Auch teilt sie Erikssons Skepsis hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Technik: „Was passiert, wenn die Systeme ausfallen? Wie wollen wir dann in Schweden bezahlen?“

Kurze Zeit später darf sie sich bestätigt fühlen. Eine Kundin kommt ins Restaurant, um ihre vorbestellte Pizza abzuholen. Sie reicht Pilar ihre Visa-Karte, doch das Lesegerät streikt. Mit Bargeld kann die Kundin aber nicht zahlen.

Sie hat, natürlich, keins dabei.


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