WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Digitale Optimisten
Quelle: dpa

Peloton, Pamela, Pumpen: 3 Szenarien für die Zukunft des Fitnessmarktes nach Corona

Sind Sie froh, dass Sie durch den Lockdown keine Schuldgefühle mehr haben müssen, wenn Sie es nicht ins Fitnessstudio schaffen? Der Fitnessmarkt wird umgewälzt – das Schuldgefühl könnte der Vergangenheit angehören.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Kennen Sie noch dieses Vor-Corona-Gefühl? Sie sind Mitglied in einem Fitnessstudio, zahlen jeden Monat einen stattlichen Betrag und ärgern sich, weil sie es wieder nicht gepackt haben nach der Arbeit vorbeizufahren und zu trainieren? Die Chancen sind hoch, dass Sie dieses Gefühl zu irgendeinem Zeitpunkt in Ihrem Leben schon einmal hatten: Im letzten Jahr vor der Covid-Krise war ungefähr jeder siebte Deutsche Mitglied bei McFit, Fitness First, Holmes Place und co.

Im Jahr 1 nach der Ankunft des Virus in Deutschland leiden Studios außerordentlich unter den Beschränkungen des anhaltenden Lockdowns. Aber: Fitnessstudios sind schon immer außerordentlichem Wandel unterworfen gewesen - konstante Disruptionen sozusagen. Es ist heute fast unvorstellbar, aber in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts war Jogging noch so ungewöhnlich, dass die ersten Läufer in den USA sogar von Polizisten angehalten wurden.

Die wenigen, die sich um ihre Körper kümmern wollten, gingen in kleine Muckibuden mit wenigen Geräten wie das Gold’s Gym in Kalifornien, in denen sie sich nach dem Vorbild von Arnold Schwarzenegger aufpumpten. In den 1980ern die erste Disruption: Mit Aerobics explodierte die Fitnessbewegung und machte Sport zum Gruppenerlebnis. Um die Jahrtausendwende die nächste Disruption in Deutschland: Anbieter wie der heutige Marktführer McFit bieten Discount-Preise an und tragen wesentlich zum Anstieg der Mitgliederzahlen bei.

Anfang der 2010er Jahre folgt die nächste einschneidende Veränderung. Dieses Mal entbündeln Start-Ups wie der Urban Sports Club von Co-Gründer Moritz Kreppel die klassische Fitness-Mitgliedschaft. Damit folgt Kreppel dem Prinzip, dass schon AirBnB zum größten Hotelier der Welt gemacht hat ohne ein einziges Zimmer zu besitzen: Mit dem Urban Sports Club werden Jugendliche nicht mehr Mitglieder in einem Fitnessstudio, sondern zahlen ihren Beitrag an Fitness-Aggregatoren, die ihnen Zugriff auf viele Sportangebote in der Stadt geben. Heute Yoga, morgen in die Boulder-Halle and am Wochenende ins Schwimmbecken. Moritz Kreppel gibt in der aktuellen Folge des Podcasts zu dieser Kolumne einen tiefen Einblick, wie diese Disruption von den frühen Anfängen hin zu den neuen Realitäten in der Corona-Krise verlief.

Aber was kommt als nächstes? Ist diese Entbündelung des Fitnessstudios die endgültige Antwort in einer Branche, die sich in den letzten 50 Jahren wie wenige andere immer wieder fundamental verändert hat, jetzt wo Covid-19 und Lockdowns den Druck so sehr erhöht haben wie noch nie? Und welche Chance ergeben sich für junge Start-Ups? Drei mögliche Szenarien für den Fitnessmarkt der Zukunft:

Szenario Direct-To-Consumer

In diesem Szenario werden Fitnessstudios angegriffen und ersetzt von Anbietern digitaler Home-Workouts, wie die Fahrräder von Peloton oder die Spiegel von Vaha. Diese Anbieter bringen das Fitness nach Hause: Keine Anfahrt, keine Gemeinschaftsduschen, kein Warten vor Geräten, ab aufs Peloton-Fahrrad und ein vollwertiges Fitnessprogramm zu Hause absolvieren. Peloton macht aus dem Workout eine Art Videospiel, Nutzer können beispielsweise live an ihrem Display verfolgen wie gut sie relativ zu anderen Nutzern sind und wo ihre persönliche Bestleistung liegt.



Mit der Verlagerung des Work-Outs nach Hause wird eine fundamentale Veränderung der Wertschöpfungskette eingeleitet, denn Peloton wird der zentrale Distributionskanal für Fitness. Einfacher gesagt: Wenn Kunden sich ein teures Fahrrad von Peloton kaufen, dann wird dieses Fahrrad zur zentralen Anlaufstelle für alle Fitness-Bedürfnisse, von exklusiven Kursen bis hin zum zusätzlichen Equipment, das direkt über das Display des Peloton bezogen wird. Letztlich bauen diese Home-Workout-Anbieter Netzwerkeffekte auf - je mehr Nutzer ihre Fahrräder zu Hause stehen haben, desto attraktiver wird die Peloton-Plattform für Fitness Coaches und Anbietern von Fitnessprodukten, was wiederum einen höheren Wert für Käufer der Hardware hat.

Szenario Influencer

In diesem Szenario kommt die größte Disruption nicht von digitalen Fitness-Rädern oder -Spiegeln, sondern von denjenigen Personen, die authentisch und aus dem Leben einen fitten Lebensstil vermitteln, jetzt schon mehr Menschen zum Sport motivieren als alle Fitnessstudios zusammen und damit riesige Communities aufbauen. Pamela Reif ist eine solche Influencerin, deren beliebteste Videos knapp 50 Millionen Klicks haben. Sie hat schon längst den Sprung raus aus YouTube und Instagram geschafft, bietet eine eigene Fitness-App an, Kochbücher und eigene Ernährungsprodukte. Diese Influencer schaffen das, was Fitnessstudios kaum schaffen können - eine ganzes Ökosystem aus Ernährung, Lifestyle und Fitness aufzubauen. Influencer haben einen im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbaren Vorteil: sie bieten ihre Kurse für alle völlig gratis an, eine bezahlte Mitgliedschaft wie im Fitnessstudio ist also nicht mehr notwendig, um fit zu bleiben.

Szenario Soulcycle

In der Post-Corona-Welt verändern sich die fundamentalen Parameter unseres Alltags. Die starren Schienen gibt es nicht mehr, auf denen wir tagein, tagaus morgens zum Büro fahren, abends nach Hause und am Wochenende zum Einkaufen in die Innenstadt. Wir alle werden auch nach der Pandemie viel mehr unserer Zeit zuhause verbringen. Nur, wo stillen wir unser Bedürfnis nach sozialer Nähe, Austausch und Gemeinschaft? In diesem Szenario verändern Fitnessstudios ihre Value Proposition fundamental, stellen den sozialen Aspekt von Sport in den Vordergrund, bieten mehr und bessere Gemeinschaftskurse an und werden zu dem Treffpunkt, der das Büro nicht mehr ist. So macht es Soulcycle. Die in New York gegründete Fitnesskette möchte Spinning-Kurse laut eigener Aussage zu Cardio Parties machen, und die Mitglieder zu einem tribe, wenn diese in abgedunkelten Räumen zu schweißtreibender Techno-Musik zu einer Einheit verschmelzen. Fitness soll damit von der Pflichtaufgabe zum spirituellen Erlebnis werden. Also genau dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das in anderen Lebensbereichen droht verloren zu gehen.

Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


 Was heute wichtig ist, lesen Sie hier


Für Moritz Kreppel, der Co-Gründer von Urban Sports Club, wird die Zukunft ein Mix aus verschiedenen Szenarien sein. Die wenigen Monate im Sommer 2020 zwischen den Lockdowns waren nämlich mit die aktivsten Monate überhaupt in der Geschichte des Urban Sports Club. Egal welches Szenario eintritt, vielleicht müssen Sie in Zukunft gar nicht mehr so häufig ein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie es wieder nicht ins Fitnessstudio geschafft haben, weil die nächste Disruption diesen Markt mittlerweile fundamental umgekrempelt hat.

Mehr zum Thema: Das volle Interview mit Moritz Kreppel vom Urban Sports Club - und mehr frische Ideen von der nächsten Gründergeneration - hören Sie im Podcast „Digitale Optimisten“ des Kolumnisten.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%